Achtung, Respekt und Wertschätzung

Vielfalt im Haus der Religionen

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Hamideh Mohagheghi steht vor einer roten Wand mit Zitaten aus dem Koran, ein grüber Teppich hängt an der Wand. Sie lächelt, trägt ein Kopftuch und blättert im Koran.
Nachweis

Felix Weiper

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Der Islam-Kubus: Hamideh Mohagheghi blättert im Koran.

Die eigene Religion verstehen, über den individuellen Glauben sprechen und zugleich andere Glaubensrichtungen kennenlernen. Im Haus der Religionen in Hannover werden diese Fähigkeiten zur interreligiösen Kompetenz vermittelt. Ein Leuchtturmprojekt in Deutschland mit gelebter Demokratieförderung.

„Stadt des Friedens“ steht auf dem gelben Ortsschild. Dahinter liegt ein kleiner Garten: Bänke stehen zwischen Beeten, Skulpturen aus Sandstein und Basalt ragen empor. In ihre Oberfläche haben Steinmetze die Umrisse winziger Häuser gemeißelt. Ein schmaler Weg führt mitten hindurch – auf das Gebäude zu, das den Fixpunkt der kleinen Friedensstadt bildet: das Haus der Religionen.

Gelegen in der Südstadt von Hannover, vereint es neun Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften, die sich unter einem Dach präsentieren. Eingerichtet ist es seit 2005 in einer ehemaligen protestantischen Kirche, die im sachlichen Architekturstil der 1960er Jahre gebaut wurde. Als Zentrum für interreligiöse und interkulturelle Bildung, das von Vertretern aller großen Weltreligionen gemeinsam getragen wird, ist das Haus der Religionen bundesweit einzigartig.

Es geht darum, Frieden zu stiften: Religion zum Anfassen und Verstehen

„Wir sind ein Ort des Austauschs und der Begegnung“, erklärt Rebekka Brouwer. Die evangelische Theologin ist Mitglied des pädagogischen Teams und bekräftigt im Gespräch, dass es das Anliegen der Institution sei, das Verständnis für andere Religionen und das Miteinander in einer vielfältigen, multikulturellen Gesellschaft zu fördern. Oder schlichter formuliert: Es geht darum, Frieden zu stiften.

Ein weitläufiger, heller Saal bildet das Herzstück des Hauses der Religionen. Besucher treffen dort auf neun kleine, würfelförmige Pavillons. Mit ihren schlichten weißen Wänden und ihren klaren Formen gleichen sie sich von außen. Doch jeder Kubus führt in eine andere Welt: Alevitentum, Bahaitum, Buddhismus, Christentum, Jesidentum, Hinduismus, Humanismus, Islam und Judentum.

Rebekka Brouwer öffnet einen kleinen hölzernen Schrein, in dem eine Thora-Rolle abgelegt ist. Sie lächelt in die Kamera.
Rebekka Brouwer führt durch die Dauerausstellung und organisiert das interreligiöse Frauenprojekt. Foto: Felix Weiper

Im jüdischen Kubus öffnet Rebekka Brouwer einen kleinen hölzernen Schrein, in dem eine Thora-Rolle abgelegt ist. Auf einem Bildschirm läuft ein Video, in dem ein Mann Einblicke in seinen jüdischen Glauben und seine jüdische Identität gibt. Ein siebenarmiger Leuchter, eine Kippa und andere rituelle Gegenstände haben ihren Platz in dem kleinen Raum gefunden.

Religion zum Anfassen und Zuhören, das sei das Konzept, erklärt Brouwer. Im Raum, der das Christentum repräsentiert, finden sich Bibel, Taufbecken und Messkelch. Zitate aus der Heiligen Schrift sind an den Wänden zu lesen. Wer will, kann per Knopfdruck christliche Musik abspielen – vom gregorianischen Gesang bis zum Gospel. Im Islam-Pavillon betasten Besucher einen Gebetsteppich oder blättern im Koran. So lässt die Ausstellung religiöse Symbolik, Glaubenssätze und Bilder sprechen. Licht-Akzente, Farben und Klänge fesseln die Aufmerksamkeit. Interaktive Stationen fordern zum Mitmachen auf.

Das Haus wirkt in die Stadtgesellschaft hinein.

„Wir möchten die Religionen lebendig darstellen“, sagt Brouwer. „Die Besucher werden mit der Frage konfrontiert, was Glaube für sie selbst und für andere Menschen bedeutet. Und sie sind dabei gefordert, ihre eigenen Vorstellungen zu überprüfen.“ Bestenfalls werden dabei Perspektiven erweitert, Vorurteile ausgeräumt und Gemeinsamkeiten entdeckt.

„Das Haus wirkt in die Stadtgesellschaft hinein“, sagt Hamideh Mohagheghi, Co-Vorsitzende und Sprecherin des Rates der Religionen in Hannover, welcher dem interreligiösen Bildungs- und Begegnungszentrum die inhaltlichen Leitlinien vorgibt. Wichtig ist nach Ansicht der islamischen Theologin insbesondere die Arbeit mit jungen Menschen in einer zunehmend durch Migration geprägten Gesellschaft. Schulklassen zählten zu den häufigsten Besuchergruppen. Dabei werde immer wieder deutlich, wie präsent gerade in Schulen religiös motivierte Konflikte seien. „Wir möchten Achtung, Respekt und Wertschätzung vermitteln“, so Mohagheghi.

Die integrierende Kraft des Zentrums hob Bundespräsident Walter Steinmeier im Jahr 2025 hervor. Er besuchte seinerzeit das Haus der Religionen, nachdem dort die Ausstellung erweitert worden war, und betonte, die Einrichtung sei „ein Symbol für ein vielfältiges, ein offenes, ein tolerantes Deutschland“. In der Begegnung verschiedener Religionen lauerten Konflikte und Feindbilder, die schnell in Hass und Gewalt umschlagen könnten. Deshalb sei es wichtig, dass Religionsvertreter respektvoll miteinander sprechen könnten, ohne sich gegenseitig abzuwerten und auszuschließen, so Steinmeier.

Die Friedensarbeit des Hauses der Religionen geht weit über die Dauerausstellung hinaus. Fortbildungen und Workshops befassen sich mit den Themen Antisemitismus, anti-muslimischer Rassismus und Nahost-Konflikt sowie dessen Auswirkungen auf Schüler und Lehrkräfte. Dabei geht es auch darum, wie diese Themen im Schulalltag behandelt werden können – bis hin zur Bereitstellung von Unterrichtsmaterial. Im Programm des Hauses gibt es Kulturveranstaltungen – wie etwa die „lange Nacht der Religionen“ – oder Fachvorträge, Konzerte, Diskussionen und Lesungen.

Die ehemalige evangelische Kirche ist nun das Haus der Religionen
Das Haus der Religionen in der ehemaligen Athanasiuskirche feierte im vergangenen
Jahr 20. Geburtstag. Die Stadt Hannover und
der Evangelische Kirchentag schenkten den
blühenden Vorplatz mit „Stadt des Friedens“. Foto: Adrienne-Janine Marske

Friedensappelle zum Mitnehmen

Strahlkraft über Hannover hinaus entwickelt das Haus nicht nur mit seinem einzigartigen Konzept, sondern auch deshalb, weil es Sitz des Bundeskongresses der Räte der Religionen ist. 2018 gegründet, bildet dieser Kongress ein bundesweites Netzwerk für kommunale interreligiöse Dialoginitiativen mit inzwischen 104 Mitgliedern aus dem gesamten Bundesgebiet.

Wer die Ausstellung  wieder verlässt, kommt auf dem Weg zum Ausgang an einer Auslage mit kleinen Karten vorbei. Sie zeigen jeweils das Symbol einer Religion oder einer Weltanschauung sowie einen Sinnspruch. So ist etwa auf einem grünen Islam-Kärtchen eine aus dem Koran stammende Aufforderung zu lesen, Böses so abzuwehren, dass aus Feindschaft Freundschaft werden kann. Ein blaues Kärtchen transportiert die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren (…)“, heißt es da. Es sind Friedensappelle zum Mitnehmen.

Gemeinsam über den Tellerrand hinausschauen

In gemütlicher Runde sitzt das Organisationsteam des interreligiösen Frauenprojekts in einem Restaurant nahe der Marktkirche in der hannoverschen Innenstadt zusammen: Es wird gegessen, gelacht und geplauscht, aber auch geplant – denn das Programm für das kommende Jahr soll bald feststehen und die Treffen der Frauengruppe wollen vorbereitet werden.

Gemeinsam über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und zu sehen, wie andere Glaubensgemeinschaften funktionieren – für Petra Wegner ist das ein zentraler Gedanke, der sie zum Frauenprojekt im Haus der Religionen gebracht hat. „Man hört sich die Argumente der anderen an und man lässt sie so stehen, ohne darin herumzudoktern, dass es anders sein sollte“, sagt die evangelisch-lutherische Christin.

Ursprünglich sei es darum gegangen, die Religionen kennenzulernen und „Wissen darüber zu erlangen, was wirklich in unseren Schriften steht und woher manche Tradition kommt“, so Kerstin Noura Atallah und nennt als Beispiel den Ritus der Frauenbeschneidung, der nicht im Koran zu finden sei und sich dennoch in manchen Kulturen hartnäckig halte. „Deshalb ist es eine ganz elementare Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen“, sagt die vor mehr als 30 Jahren zum Islam konvertierte Sunnitin.

Interessierte Frauen mit einer offenen Haltung

fünf Frauen stehen vor dem Logo der Haus der Religionen
Interreligiöse Frauentreffen – Wencke Breyer, Barbara Hennings, Kerstin Noura Atallah, Myriam
Abdel-Rahman Sherif, Petra Wegner (v. l. n. r.) sowie Rebekka Brouwer (Bild Mitte) planen die Begegnungen zu wechselnden Themen und Fragestellungen. Foto: Haus der Religionen

Zu Beginn des Frauenprojekts waren alle sechs Anfangsreligionen, die im Haus der Religionen vertreten waren, auch im Organisationsteam der Frauengruppe abgebildet: das Christentum, Bahaitum und Judentum sowie der Islam, Hinduismus und Buddhismus. Unter der Leitung von Cordula Canisius-Yavuz entstand so 2015 ein erstes Jahresprogramm mit Treffen und Workshops zur Rolle der Frauen in den Religionen, zu Ehe, Sexualität, Kindererziehung, aber auch zum Tod.

Das Frauenprojekt ähnele im Grunde der „Graswurzelbewegung, aus der das Haus der Religionen entstanden ist“, vergleicht Rebekka Brouwer die Motivation der Teilnehmerinnen und Organisatorinnen: „Da kommen Interessierte, die neugierig sind und sich trauen zu sagen, dass es vielleicht noch mehr gibt als das, was ich denke, glaube oder sehe.“ Also interessierte Frauen mit einer offenen Haltung, die sich zusammenschließen, um miteinander über Glauben zu reden, so die evangelisch-lutherische Theologin, die als Teil des pädagogischen Teams im Haus der Religionen arbeitet und das Orga-Team der Frauengruppe koordiniert. Das Haus der Religionen als Bildungsangebot mache hingegen vielmehr erst einmal die Tür auf, damit andere den Zugang zu solch einer Denkhaltung finden.

Die Grundlage des Miteinanders und der vertrauensvollen Zusammenarbeit setze eine bestimmte Perspektive voraus – darin sind sich die Organisatorinnen der Frauengruppe einig: eine Offenheit und Toleranz, niemand wird verurteilt, Andersartigkeit wird als bereichernd empfunden und nicht bewertet oder kommentiert. Diese Haltung verbindet die Frauen in ihrer individuellen als auch religiösen Unterschiedlichkeit und zeigt Verbindendes, wie es die Bahai Barbara Hennings ausdrückt: „Es gibt viele Gemeinsamkeiten in den Religionen, mehr als wir manchmal denken.“

Im November besucht die Frauengruppe die griechisch-orthodoxe Gemeinde "Heilige Drei Hierarchien" in Hannover, um deren Glauben und die Traditionen aus erster Hand kennenzulernen. 

Adrienne-Janine Marske/Felix Weiper

Das Haus der Religionen findet sich in der Böhmerstraße 8 in Hannover. Bei Fragen ist das Team unter Telefon 05 11/88 25 11 oder per E-Mail zu erreichen: info@haus-der-religionen.de.

Das interreligiöse Frauenprojekt im Haus der Religionen trifft sich jährlich zu vier Veranstaltungen. Dabei kommen die Frauen im geschützten Rahmen entweder bei gemeinsamen Besuchen von Glaubensorten oder im Haus der Religionen ins Gespräch – über ihren jeweiligen Glauben, ihr Leben in den religiösen Gemeinschaften und ihre Rolle als Frau. 

Interessierte wenden sich an Rebekka Brouwer unter der Rufnummer 0 15 20/2 85 55 21 oder per E-Mail an: brouwer@haus-der-religionen.de. Weitere Infos zum Programm des Frauenprojekts gibt es hier.