Wie die Caritas in der Ukraine hilft

Warm, trocken und würdig

Ukraine: Ersetzte Fenster

Foto: Caritas Ukraine

Dankbare Blicke: Zwei Menschen in der Ukraine freuen sich, dass ihre von den Russen zerbombten Fenster ersetzt sind.

Die ukrainische Caritas-Spes repariert Häuser, die durch Angriffe der Russen zerstört worden sind. Viktoriia Moskaliuk leitet das Projekt. Sie erzählt, wie die Hilfe den verletzlichsten Kriegsopfern Hoffnung schenkt – und warum sie trotz aller Probleme nicht aufgibt.

Kateryna Dmytrenko steht vor ihrem Haus in Shevchenkove, einem Dorf im Süden der Ukraine, und spricht über den Horror des Krieges. Ihre Nichte, sagt sie, sei durch einen Angriff der Russen schwer im Gesicht verletzt worden. Am Tag darauf wurde ihr Dorf evakuiert: „Wir flohen unter Beschuss.“ Zwei Wochen später wurde ihr Haus getroffen und fing Feuer. Hätten Nachbarn, die geblieben waren, es nicht gelöscht, wäre es vollständig niedergebrannt.

Als sie in ihr Dorf zurückkam, sagt die dreifache Mutter Dmytrenko (38), sei das Dach zerstört gewesen und vieles verwüstet: „Es war furchtbar. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Nichts war heil.“ Dann aber kamen Handwerker im Auftrag der Caritas-Spes Ukraine. Sie halfen, das Haus zu reparieren. Sie hätten, erzählt Dmytrenko, ihr anfangs sogar eine Taschenlampe und einen Heizlüfter gebracht – um Dunkelheit und Kälte zu lindern. Mittlerweile hat sie wieder ein Dach über dem Kopf. Sie sagt: „Das ist für mich ein Traum.“

„Sie haben so viel gelitten“

Dmytrenko erzählt ihre Geschichte in einem Video, das Caritas-Mitarbeiterinnen auf Anfrage gedreht haben. Es ist eine Geschichte, die zeigt, wie Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit wachsen kann. Mehr als 500 von den Russen zerstörte Häuser hat die Caritas-Spes im Süden und Osten der Ukraine seit Beginn des Krieges repariert. Viktoriia Moskaliuk (25), die Leiterin des Wiederaufbauprojekts, sagt: „Die Menschen, denen wir helfen, sind die verletzlichsten Menschen in der Ukraine. Sie haben so viel gelitten.“ Manche, so berichtet sie, könnten kaum glauben, dass sie wirklich jemand unterstützt.

Die Caritas-Leute holen sich von den lokalen Behörden Listen, auf denen steht, welche Häuser wie heftig getroffen worden sind. Dann prüfen sie, welche Betroffenen die sozialen und finanziellen Kriterien für eine Unterstützung erfüllen. Moskaliuk sagt, die Caritas helfe Menschen über 60 Jahren, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit großen Familien und mindestens drei Kindern sowie Menschen mit kleinen Kindern bis drei Jahren. Auch dürfe ihr Einkommen eine bestimmte Grenze nicht überschreiten. 

Viktoriia Moskaliuk
Viktoriia Moskaliuk (25) arbeitet für die Caritas-Spes Ukraine und organisiert dort unter anderem die Reparatur zerstörter Häuser. Foto: Caritas Ukraine

Ziel der Caritas sei es, dass die Begünstigten wieder auf demselben Level leben können wie vor dem Krieg, sagt Moskaliuk: „Unser Motto ist: warm, trocken und würdig.“ Die Menschen sollen in den Häusern im Winter wie im Sommer wohnen können, sie sollen gegen Kälte und Hitze, Schnee, Regen und Sonne geschützt sein. Zuerst müssen also Dach und Fenster dicht sein. 

Die Hilfe bei der Reparatur ihres Hauses sei für die Menschen enorm wichtig, sagt die Caritas-Projektleiterin. Vorher lebten einige bei Nachbarn oder Verwandten, deren Haus von Russlands Bomben, Drohnen und Raketen noch nicht getroffen worden ist. Andere blieben in ihren zerstörten Häusern, weil sie keinen anderen Ort hätten, an den sie gehen könnten. Besonders Familien mit Kindern fänden oft keine geeignete Bleibe, sie warteten also dringend auf die Reparatur.

Moskaliuk berichtet, die kostenlose Hilfe gebe den Menschen Mut mitten im Krieg. Sie motiviere sie, sich selbst zu helfen: „Die Leute spüren, dass sie nicht allein sind mit ihren Problemen.“  Einige legten ihren Garten neu an. Andere suchten sich einen Job. Ein kranker Mann sei nach der Reparatur plötzlich zum Arzt gegangen, habe endlich seine Tabletten genommen und sich bald schon viel besser gefühlt.

„Wir leben von Tag zu Tag“

Für sie und ihr Team sei es wichtig zu spüren, was ihre Arbeit bewirkt, sagt Moskaliuk. Denn der Wiederaufbau der Häuser ist kompliziert. Die Projektleiterin muss jederzeit fürchten, dass einer der Caritas-Mitarbeiter oder einer der Handwerker unter 60 Jahren vom ukrainischen Militär eingezogen wird. Oft unterbrechen die Helferteams wegen Luftalarms ihre Arbeit. Auch nehmen Stromausfälle zu, denn die russischen Angreifer attackieren gezielt die Energieversorgung der Ukraine. So fällt es den Helfern manchmal schwer, Projekte zum geplanten Zeitpunkt fertigzustellen. „Kein Tag ist wie der andere, jeder Tag ist eine neue Herausforderung“, sagt Moskaliuk. 

Haben sie keine Angst, dass ihre Mühen vergeblich sind und die reparierten Häuser bald wieder von den Russen zerschossen werden? „Natürlich gibt es dieses Risiko – nicht nur hier, auch in Kiew, in Odessa, überall“, sagt Moskaliuk. „Aber dieses Risiko ist kein Grund für uns, die Menschen nicht zu unterstützen.“ Die Helfer, betont sie, arbeiteten nie näher als 40 Kilometer an der Frontlinie und nie in der Nähe von Militärbasen, und sie hielten sich streng an ihre Sicherheitsregeln.  

Doch wie geht es weiter mit ihr, ihrem Hilfsprojekt, ihrem Land? Moskaliuk sagt: „Ich weiß nicht, was in zwei oder drei Jahren ist und wie mein Leben dann aussehen wird. Ich kann nichts planen.“ Sie weiß nicht, ob der Krieg dann vorbei und die Ukraine frei sein wird. Sie weiß ja nicht mal, ob sie dann noch lebt. Aber sie weiß, dass sie und ihr Team heute alles versuchen wollen, um den Opfern des russischen Angriffs zu helfen. „Wir leben von Tag zu Tag“, sagt Viktoriia Moskaliuk. „Und wir tun, was wir können.“

Andreas Lesch