Anfrage
Warum bekreuzigen sich Evangelische nicht?
Das Kreuzzeichen geht auf eine frühchristliche Tradition zurück und erinnert an das Leiden, Sterben und die Auferstehung Christi sowie an die Dreifaltigkeit. Die ersten Belege gibt es aus dem zweiten Jahrhundert, seitdem entwickelte es sich zu einem wichtigen Symbol für den christlichen Glauben. Für katholische und auch für orthodoxe Christen ist es ein üblicher Ritus: ein Kreuzzeichen am Weihwasserbecken, zu Beginn und zum Segen im Gottesdienst, beim persönlichen Gebet zu Hause.
Auch evangelische Christen kennen das Kreuzzeichen. Allerdings schlägt es, etwa beim Schlusssegen im Gottesdienst, lediglich der Pfarrer oder die Pastorin groß über die ganze Gemeinde. Sich selbst bekreuzigen evangelische Christen dabei nicht, und auch privat machen sie es selten. Und das aus zwei Gründen.
Der wichtigste Grund: Evangelische Christen berufen sich stark auf die Bibel. Riten, die sich in der Kirche entwickelt, aber keinen direkten biblischen Bezug haben, wurden mit der Reformation infrage gestellt. So auch das Kreuzzeichen. Denn anders als etwa das Vaterunser gibt es dafür keinen Hinweis in den Schriften.
Zwar hat auch Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus noch geraten: „Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen: Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.“ Doch spätestens seit dem 18. Jahrhundert wurde das Kreuzzeichen im evangelischen Raum immer weniger praktiziert. Vermutlich lag es auch daran, und das ist der zweite Grund, dass das Kreuzzeichen vor allem als ein katholischer Brauch wahrgenommen wurde und die evangelische Kirche bewusst die Abgrenzung suchte.
Heute steht es evangelischen Christen frei, sich zu bekreuzigen. Der Pfarrer oder die Pfarrerin macht das Kreuzzeichen etwa zu Beginn des Gottesdienstes zur Begrüßung, beim Segnen von Brot und Wein zum Abendmahl oder zum Schlusssegen. Manche Gläubige bekreuzigen sich dann ebenfalls, die meisten verzichten lieber darauf.