Christa Scholten-Herbst geht mit Jugendlichen durch Duisburg

Was macht diese Sternsinger so besonders?

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Sternsinger laufen los
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Foto: Markus Herbst

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Die Sternsinger, die in diesem Jahr in Duisburg mitmachen, sind voll motiviert. 

In der Duisburger Pfarrei St. Michael sind die Sternsingergruppen sehr multikulturell – und die Menschen, bei denen sie klingeln, auch. Gemeindereferentin Christa Scholten-Herbst erzählt,warum die Sternsingeraktion gerade hier wertvoll ist.

Da war dieses Hochhaus: die Tür unten kaputt, der Flur voller Altpapier und Schmutz, die Wände mit abblätternder Farbe. Und da war der Weg zum Haus: durch eine Gegend, in der viele Menschen mit einer schwierigen Lebensgeschichte wohnen – und wenige, die mit der Kirche etwas anfangen können. In dieses Haus ging Christa Scholten-Herbst mit ihrer Sternsingergruppe. Denn ein Mann von dort hatte sie bestellt: ein Afrikaner, der kaum Deutsch konnte, aber regelmäßig zum Gottesdienst kam. Sie klingelten bei ihm, sangen, brachten ihm den Segen. Er spendete etwas, er lächelte, und sie spürten, wie er sich freute.

„Das war eine tolle Erfahrung für die Kinder“, sagt Scholten-Herbst. Denn sie haben einen Ort gesehen, den sie sonst nie gesehen hätten – und sind einem Menschen begegnet, dem sie sonst nie begegnet wären. Dieser Mensch war großzügig, „obwohl er garantiert selbst nicht viel hatte“, wie Scholten-Herbst glaubt. Die Gemeindereferentin ist seit Jahrzehnten beim Sternsingen aktiv, seit 2011 organisiert sie die Aktion in ihrer Pfarrei St. Michael in Duisburg. Sie erlebt, dass das Sternsingen gerade in ihrem bunten, durchmischten Stadtteil wertvoll ist.

Hier ist vieles anders als in ländlichen Regionen, die noch immer traditionell-katholisch geprägt sind. Scholten-Herbst (56) erzählt, die Gruppen gingen zu muslimischen und syrisch-orthodoxen Familien. Sie erlebten, dass kleine Kinder allein zu Hause sind und sagen, sie dürften keinen reinlassen. Sie träfen Leute, die nicht verstehen, was die Sternsinger von ihnen wollen. Sie hörten, wie Menschen auf die Kirche schimpfen und rufen: „Verzieht euch!“ Manchmal stiefelten sie in den vierten Stock und müssten gleich wieder runter, weil oben niemand aufgemacht hat. Sie würden unterwegs von halbstarken Jugendlichen beleidigt und beschimpft. Aber sie begegneten auch alten Damen, die vor Freude weinen – weil der Besuch sie aus ihrer Einsamkeit erlöst.  

Nicht nur die Menschen, bei denen die Gruppen klingeln, sind verschieden. Auch die Sternsinger selbst. In der Duisburger Pfarrei laufen ghanaische, kongolesische und nigerianische Kinder mit, vietnamesische und tamilische, italienische und griechische, polnische und russische, syrische und deutsche, die keine Christen sind.

„Die Kinder spüren, dass sie Herzen berühren“

Vor ein paar Jahren, erzählt Scholten-Herbst, hätten mal vier schwarze Jungs eine Sternsingergruppe gebildet: „Die waren ein Dreamteam.“ Sie ging mit ihnen mit, weil sie ahnte, sie würde ihnen vieles erklären müssen: dass sie wie eine Eins dastehen sollen, wenn die Tür aufgeht; dass sie nicht vor den Leuten streiten sollen, wer die Dose tragen darf; dass der Stern kein Lichtschwert zum Kämpfen ist; dass sie nicht „Boah! Fünf Euro“ schreien sollen, wenn die Geber es hören; dass sie freundlich bleiben sollen, auch wenn sie mal unfreundlich empfangen werden. 

Natürlich klingelten die vier schwarzen Sternsinger auch bei ihren eigenen Familien. „Die Kinder waren total stolz“, sagt Scholten-Herbst. „Das hat denen unglaublich viel gebracht.“ Neulich habe sie einen von ihnen zufällig getroffen und er habe sie gleich gegrüßt. Das Sternsingen ist ihm offenbar im Kopf geblieben. In ihren Familien, berichtet die Gemeindereferentin, liefen viele Kinder im Alltag so nebenher. Als Sternsinger stünden sie im Mittelpunkt: „Die Kinder spüren, dass sie segensreich sein können für andere Menschen – und dass sie ihre Herzen berühren. Sie werden dadurch gepusht und gestärkt.“ Die Gemeindereferentin schärft ihnen ein: „Ihr habt kein Kostüm an. Das ist eine Dienstkleidung.“ Soll heißen: Ihre Mission ist wichtig.

Jahr für Jahr investiert Scholten-Herbst eine Menge Zeit und Geduld, um vier, fünf Gruppen zusammenzubekommen. Sie erlebt, dass Termine in manchen anderen Kulturkreisen nicht so eingehalten werden, wie sie es sich wünschen würde. Und dass die Kinder von ihren Eltern kaum unterstützt werden. Oft weiß sie morgens noch nicht, wer mittags kommen wird. Sie muss spontan sein und improvisieren. Aber das nimmt sie in Kauf: „Wenn die Kinder dann da sind, haben sie Spaß.“ Auch, weil sie immer belohnt werden. „Die Kinder hier haben nicht so viel“, sagt Scholten-Herbst. „Die freuen sich so darüber, was geschenkt zu kriegen.“ Einen großen Jutebeutel voller Süßigkeiten schleppt jedes Kind mindestens nach Hause. Monate nach der Aktion werden die Sternsinger zudem vom BDKJ Duisburg zu einem Ausflug eingeladen. Und während des Sternsingens werden sie von Scholten-Herbsts Mann im Gemeindezentrum bekocht.

Das Beste aber ist: Immer fährt ein Kakaotaxi herum, beliefert die Gruppen mit heißen Getränken, nimmt Süßigkeitentüten mit, wechselt Spendendosen aus. „Die Kinder finden das so genial“, sagt Scholten-Herbst. Denn das gibt’s sonst nirgends: ein Taxi, das immer umsonst kommt – und nie vergeblich.

Andreas Lesch

Christa Scholten-Zerbst
Foto: Sebastian Winter

Christa Scholten-Herbst (56) ist Gemeindereferentin in der Pfarrei St. Michael in Duisburg und engagiert sich seit Jahrzehnten für die Sternsingeraktion.