Der Umgang mit der Kirchenstatistik
Was sagen die Zahlen?

Foto: Kathrin Erbe
Generalvikar Pater Sascha Philipp Geißler
Einmal im Jahr veröffentlichen alle deutschen Bistümer gleichzeitig ihre Jahresstatistiken: Mitgliederzahlen, Kirchenaustritte, Gottesdienstbesuch und Amtshandlungen. Was nützen diese Zahlen? Welche Aufschlüsse bringen sie und welche Konsequenzen gibt es – zum Beispiel im Erzbistum Hamburg?
„Es ist sinnvoll, dass wir unsere Zahlen veröffentlichen“, sagt Sabine Gautier, Leiterin der Pastoralen Dienststelle Hamburg. „Das schafft Transparenz – auch darüber, wofür wir unser Geld ausgeben.“ Die Hälfte der diözesanen Einnahmen werde in der Pfarr-Seelsorge eingesetzt. Die Ausgaben und Einnahmen stehen aber nicht in der Jahresstatistik, sondern in einem eigenen „Finanzbericht“, der ebenfalls veröffentlicht wird.
In der pastoralen Entwicklung weisen viele Tendenzen nach unten. Aber nicht alle. Nach dem „Corona¬knick“ von 2020 sind die Zahlen des Gottesdienstbesuchs wieder angestiegen. „Wir sehen es in vielen Bereichen: Es gibt eine steigende Sehnsucht nach Spiritualität. Und es gibt einen steigenden Bedarf an Unterstützung und Begleitung“, sagt Sabine Gautier. „Das sehen wir etwa in der Telefonseelsorge oder in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung.“ Deren Zahlen tauchen in den diözesanen Jahresstatistiken nicht auf, sie sind aber Teil des kirchlichen Lebens. „Auch an den katholischen Schulen oder in den Diensten der Caritas leistet die katholische Kirche hochqualifizierte Arbeit, die auch in der Politik großes Ansehen hat.“
Generalvikar: Nicht nur Mangel sehen
Seit Jahrzehnten steigend ist auch der Anteil von Katholiken aus dem Ausland, vor allem in den Großstädten. „Und diese Menschen machen ja nicht nur die Kirchen voll“, sagt der Hamburger Generalvikar Pater Sascha Philipp Geißler. „Sie leben auch ihren Glauben und bringen ihre Traditionen mit und prägen mehr und mehr unsere Kirche.“ Die meisten Katholiken schätzen zwar das bunte Nationengemisch in der Kirche. Die Vielfalt führt aber auch zu pastoralen Fragen, mit denen sich etwa der Diözesanpastoralrat befasst: Wie bringt man unterschiedliche Vorstellungen vom Glaubensleben zusammen? Und wie schafft man es, dass sich die Zugereisten nicht als Fremde fühlen?
Außer in den Rubriken Migration und Altersdurchschnitt gibt es wenige Werte, die ein kontinuierliches Plus aufweisen. Generalvikar Geißler lässt sich davon aber nicht einschüchtern. „Es hat eine Zeit gegeben, zu der mich diese Zahlen weit mehr beunruhigt haben als heute“, sagt er. Warum? „Ich schaue heute anders auf die Wirklichkeit. Ich nehme nicht nur den Mangel wahr. Ich sehe die Ressourcen und die Potenziale, mit denen wir die Kirche bei allen Veränderungen kreativ gestalten können.“
Briefe besorgter Katholiken
Nur bedingt, so Generalvikar Geißler, geben die Statistiken von Taufen, Kirchenbesuch oder Mitgliederstärke darüber Auskunft, wie das Evangelium in der Gegenwart gelebt wird, ob die Kirche für andere Menschen da ist, oder ob ein getauftes Kind tatsächlich zu einem christlichen Leben findet. Wenn neue Zahlen über steigende Kirchenaustritte bekannt werden, bekomme die Bistumsleitung oft Briefe besorgter Katholiken. „Die sagen uns, was jetzt unbedingt getan werden muss.“ Einige fordern, dass Priester „endlich heiraten dürfen“. Andere – viele junge Menschen darunter – wollen zurück zu einer Kirche mit Autorität, so wie sie früher war. Für Sascha Philipp Geißler ist das eine Illusion. Die Kirche habe sich gewandelt und werde sich weiter wandeln.

„Das heißt nicht, dass diese Prozesse schmerzfrei sind“, gibt Sabine Gautier zu bedenken. „Aber es ist falsch anzunehmen, dass die Dinge immer so waren, wie man sich das als Ideal einer volkskirchlichen Struktur vorstellt.“ Illusorisch sei auch die Vorstellung, man könne durch bestimmte Maßnahmen Entwicklungen umkehren. Sabine Gautier: „Es ist ein Trugschluss anzunehmen: Man macht dies, und dann passiert das. Damit lösen wir nur einen Druck aus, der keine Wirkung hat.“ Der Auftrag von heute sei, Kirche für andere zu sein und die Hoffnung des Evangeliums in die Gesellschaft hinauszutragen. Weniger Nostalgie, mehr „Weizenkorn-Mentalität“ wünscht sich der Hamburger Generalvikar.