Interview mit Historiker
Wer war Bonifatius?
Foto: Dr. Anne-Madeleine Plum
Das Glasfenster des Mainzer Künstlers Alois Plum zeigt den heiligen Bonifatius in Herz Jesu Kassel.
Bonifatius hat vor 1300 Jahren gelebt. Was können wir über ihn wissen?
Über Bonifatius gibt es recht viele schriftliche Zeugnisse. Er hat zahlreiche Briefe an Päpste und auch weltliche Würdenträger verfasst. Das kennen wir von kaum einem anderen dieser frühmittelalterlichen Missionare in diesem Umfang und generell in dieser Form. Und er hat schon sehr, sehr früh nach seinem Tod eine Lebensbeschreibung bekommen. Er war offenbar zeitlebens sehr daran interessiert, dass sein Wirken für die Nachwelt überliefert wird und erhalten bleibt. Darauf deuten viele Formulierungen in diesen Briefen hin, aber auch in der Vorbemerkung zu seiner Lebensbeschreibung. Daher muss man in allem, was über ihn zu lesen ist, in der Beurteilung vorsichtig sein.
Wie lässt er sich denn beurteilen? Inwiefern war Bonifatius ein Mann seiner Zeit?
Für diese Zeit war er charakteristisch, insofern das frühe Mittelalter immer noch eine Phase ist, in der das Christentum eingeübt werden muss. Das heißt, wir haben große Teile, zum Beispiel Bayerns, aber auch in Franken und Sachsen, in denen das Christentum formal schon etabliert ist. Aber die Menschen haben es noch nicht vollständig verinnerlicht. Hier erfolgte die Vermittlung der christlichen Werte in ganz starkem Maße über Einzelpersönlichkeiten, die wir modern als charismatische Persönlichkeiten bezeichnen. Sie waren durch ihr Auftreten, durch ihre Sprachgewalt, vor allem auch durch ihre innere Überzeugung in der Lage, exemplarisch den Menschen diese Werte nahezubringen. Und was das angeht, ist Bonifatius eine von mehreren dieser Persönlichkeiten, die wir historisch greifen können.
War er einer von vielen oder stach er heraus?
Das ist schwierig zu beantworten. Wird er als so eine herausragende Persönlichkeit eingeschätzt, weil er das tatsächlich war oder weil er dafür Sorge getragen hat, dass er als herausragende Persönlichkeit erscheint? Es sind wohl sicherlich beide Punkte. Denn er hatte in jeder Hinsicht, das würde ich so einschätzen, ein sehr, sehr starkes Sendungsbewusstsein. Es war ihm sicherlich ein tiefes inneres Anliegen, das Christentum zu vermitteln und zu verbreiten, aber auch sich selbst darüber nicht zu vergessen.
Was war Bonifatius für ein Mensch, nach allem, was wir wissen?
Ich würde ihn als jemanden einschätzen, der von seiner Mission im doppelten Sinne zutiefst durchdrungen war. Im ganz positiven Sinne war es ihm sehr wichtig, diese christlichen Werte zu vermitteln und andere davon zu überzeugen, sich dem Christentum anzuschließen. Auf der anderen Seite würde ich anhand einzelner Äußerungen es so einschätzen, dass er selbst große Sorgen und Zweifel an seinem Seelenheil hatte. Das war etwas, das ihn angetrieben hat. Er wollte sicherstellen, dass er für sein Seelenheil das Richtige tut.
Welche Spuren hat er in der damaligen Gesellschaft hinterlassen?
Sicherlich haben er und andere dieser Missionare seiner Zeit generell bewirkt, dass das, was zu den zentralen christlichen Forderungen zählt, verinnerlicht wurde. Schließlich können wir von einer Zivilisierung der Gesellschaft sprechen. Dazu gehört das Tötungsverbot oder das Gebot der Nächstenliebe. Das heißt zum Beispiel, die Ermordung von politischen Widersachern ist am Ende dieses Zeitraums einfach keine Möglichkeit mehr. 200 Jahre früher war das ein durchaus gängiges Mittel der Politik. Was konkrete politische Erfolge angeht, ja, da muss man vorsichtig sein und sollte man die Wirksamkeit der Einzelpersönlichkeit nicht zu sehr überschätzen. Bonifatius ist in den letzten 15 Jahren seines Lebens ein bisschen politisch ins Hintertreffen geraten. Es sind andere Personen im Umfeld der karolingischen Könige wohl wichtiger geworden.
Welche Rolle spielte Mainz im Leben des Bonifatius?
Die Überlieferung, also sein Briefwechsel und seine Lebensbeschreibung, wurde in Mainz zusammengestellt beziehungsweise auch abgefasst. Es ist davon auszugehen, dass er auch in Mainz durch seine Wortgewaltigkeit sehr intensiv gewirkt hat. Ohne sie wäre so eine Wertevermittlung gar nicht möglich gewesen.
Wissen wir, wie Bonifatius aussah?
Wir haben vereinzelt Beschreibungen für diese christlichen Missionare. Sie haben aufgrund ihres ganzen Habitus die Menschen beeindruckt. Das ist sicherlich Teil dessen, was ganz bewusst auch eingesetzt wurde. Diese Männer waren vermutlich auch mit entsprechenden Amtskleidungen ausgestattet. Das machte Eindruck. Von vielen anderen Untersuchungen von Anthropologen wissen wir, dass wir zu der Zeit ein relativ großes Gefälle haben zwischen Männern und Frauen, die in solchen geistlichen Kontexten aufgewachsen sind – oder dem Adel angehörten – und den einfachen Leuten. Es gibt eine genetisch bedingte Spanne der Körpergröße, die je nach Ernährungssituation bis ans Optimum ausgenutzt wird oder eben nicht. Und diese Kreise sind in der Regel besser ernährt worden. Das bedingt einfach ein größeres körperliches Wachstum.
Warum begann die Verehrung schon so früh?
Eine Ursache ist, dass Bonifatius dort im Mainzer Umfeld dafür Sorge getragen hat, dass Lull und andere seiner Verehrer sein Andenken weitergetragen haben. Lull war Schüler von Bonifatius und sein Nachfolger auf dem Mainzer Bischofsstuhl. Der zweite Grund hängt mit seinem Grab in Fulda zusammen. Das Grab eines Heiligen und die Verehrung eines Heiligen an einem bestimmten Ort schafft für die Menschen der damaligen Zeit Identifikationsmöglichkeiten. Das heißt, jemand wie Bonifatius bietet eine Vorbildfunktion. Das war für das Einüben der christlichen Werte für die damalige Zeit sehr wichtig. Deshalb wurde die Verehrung gefördert. Ein weiterer Aspekt ist ein wirtschaftlicher. Die Verehrung eines Heiligen an einem bestimmten Ort, speziell an seinem Grab, zieht Pilger an. Durch Gaben, die sie mitbringen, und durch die Notwendigkeit, die Menschen unterzubringen, lassen sie den Ort prosperieren, wirtschaftlich aufblühen. Daher hatte die Stadt ein Interesse, die Verehrung zu fördern.
Zur Person
Foto: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Stephan Freund ist Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Reichs-, Kirchen- und Landesgeschichte des frühen und hohen Mittelalters. In mehreren Beiträgen hat er sich mit Bonifatius befasst.