Denkmal für Bernhard Lichtenberg in der JVA Tegel

Spiegel eines spannungsreichen Lebens

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Gefängnismauer der JVA Tegel mit dem Denkmal für Bernhard Lichtenberg
Nachweis

Fotos: JVA Tegel


Denkmäler sollen öffentlich erinnern: an Menschen, an Ereignisse, an besondere Ideen. Ein Denkmal hinter Gefängnismauern scheint diesen Zweck zu verfehlen, ist es doch gerade nicht öffentlich zugänglich. Dennoch wurde in der JVA Tegel eines für Bernhard Lichtenberg eingeweiht.

 

Genau am 30. Jahrestag der Seligsprechung Lichtenbergs durch Papst Johannes Paul II. im Berliner Olympiastadion enthüllte der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich gemeinsam mit Justizstaatssekretär Dirk Feuerberg Ende Juni ein Denkmal für Dompropst Bernhard Lichtenberg. Das Besondere ist der Standort des Kunstwerks – an einer Binnenmauer der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Berlin-Tegel. Bedienstete und Gefangene gehen täglich an der Edelstahlkonstruktion vorbei, nur wenige Meter entfernt vom früheren Gefängnislazarett, in dem der schwerkranke Priester im Herbst 1943 den letzten Teil seiner zweijährigen Haftstrafe verbrachte.

Berlins Weihbischof Matthias Heinrich vor dem neuen Lichtenberg-Denkmal in der JVA Tegel
Berlins Weihbischof Matthias Heinrich segnet das Denkmal, das in der JVA Tegel an Bernhard Lichtenberg erinnert. Der selige Domprobst war hier vor 85 Jahren inhaftiert.

Monatelang befasste sich Alexander Obst, katholischer Seelsorger an der JVA Tegel, mit einer Gruppe Gefangener mit dem Lebenszeugnis Lichtenbergs, den der Weihbischof als „Vater des Grundgesetzes“ zu einer Zeit bezeichnete, als dieses noch nicht existierte. Unterstützt von der sozialen Arbeit der Anstalt, der Künstlerseelsorge des Erzbistums Berlin und dem Postulator für das Heiligsprechungsverfahren Lichtenbergs, Gotthard Klein, entstand in den Köpfen der Teilnehmer das Bild eines Kämpfers für das christliche Menschenbild, das der nationalsozialistischen Ideologie diametral entgegenstand.

Aus den Entwürfen der Gefangenen für einen Gedenkort wurde die Idee des gebürtigen Ivorers Nikolas K. als Grundlage ausgewählt. Ausgehend von Gitterstäben, die er immer mehr verdichtete, entstand schließlich ein Kreuz. Bildhauer Norvin Leineweber setzte den Entwurf um, der dann von einem Kunsthandwerker ausgeführt wurde. Von einer „Händescheidung“ sprach der Künstler. Ähnlich der Aufgabenteilung bei einem Kupferstich, der durch Vorlage, künstlerische Umsetzung und Druck entstehe, habe es hier der Kreativität Mehrerer bedurft. Im Ergebnis spannt ein Kreuz einen ganzen Raum auf und verkehrt, so der Künstler, die Verhältnisse. Während etwa ein Bild durch die Perspektive einen dreidimensionalen Raum darstellt, wird hier mit einem räumlichen Kunstwerk ein zweidimensionales Kreuz dargestellt.

Verschieden angeordnete Flächen und Gravuren führen nicht zuletzt durch die Bearbeitung der Metalloberflächen zu immer neuen Lichtbrechungen. So weisen sie auf das spannungsreiche Leben des geehrten Seligen sowie auf die Situation der heutigen Gefangenen hin. Wenn er im nächsten Jahr die Anstalt verlasse, so Nikolas K., hinterlasse er hier etwas Gutes, das anderen Hilfe sein könne. Begeistert ist er von Leinewebers Umsetzung seiner Ideen: „Er hat genau das gesagt, was ich gedacht hatte.“

Auch die anderen Mitarbeiter am Projekt der Gefängnisseelsorge zeigten sich beeindruckt. „Das Thema an sich war ja für mich nicht neu“, sagte Horst Grimm, der vor acht Jahren schon am Denkmalprojekt für den evangelischen Gefängnisseelsorger Harald Poelchau mitgearbeitet hatte. Dennoch war es für ihn mehr als nur eine Abwechslung im Haftalltag, auch „wenn es natürlich Spaß gemacht hat“. Er gehört zu denen, die hier häufig vorbeikommen und deren Alltag sich in den Metallflächen spiegelt, die von der gleichen Würde aller sprechen sollen, zur Zeit Lichtenbergs wie heute.

Thomas Marin