Längste Freiluftgalerie der Welt erinnert an den Mauerfall

35 Jahre East Side Gallery: Als die Mauer bunt wurde

Image
East Side Gallery
Nachweis

Foto: imago/Pond5 Images  

Caption

Farben statt grauem Beton: Die Mauer ist zum Zeichen der Freiheit geworden.
 

Die East Side Gallery in Berlin ist die längste Freiluftgalerie der Welt. Ihre Bilder erzählen, welche Stimmung die Menschen und die Stadt im November 1989 erfasst hat.

Nach dem Mauerfall schien in Berlin fast alles möglich zu sein. Auch an der East Side Gallery herrschte grenzenlose Aufbruchstimmung. Während sich andernorts viele Berliner – und ihre eilig herbeigeeilten Gäste – mit Hämmern und Meißeln Erinnerungsstücke aus der Mauer schlugen, blieb ein Teilstück von diesem spontanen Abriss verschont. 

"Bruderkuss"
"Bruderkuss". Foto: imago/imagebroker/Chun Ju Wu

Zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof rückten stattdessen zahlreiche Künstlerinnen und Künstler dem Bauwerk mit Leitern, Farbeimern und Spraydosen auf die graue Betonpelle. Niemand fragte nach Genehmigungen. Die Leute kamen einfach vorbei und begannen zu arbeiten. Im Sommer 1990 verwandelten sie das Symbol der Trennung in eine Leinwand der Freiheit und der Hoffnung. Vor 35 Jahren wurde die East Side Gallery fertiggestellt und im September 1990 eröffnet. Mit 1,3 Kilometern Länge ist sie die größte Open-Air-Galerie der Welt.

Im Wendejahr glich ganz Berlin einer riesigen Experimentierbude. Überall wurde gefeiert. In leeren Fabriken und ehemaligen DDR-Verwaltungsgebäuden entstanden ungefragt neue Clubs. An den Ufern der Spree, direkt neben der East Side Gallery, siedelte sich rasch eine dynamische Kunst- und Musikszene an. Rund 300 Menschen lebten dort in Wohn- und Bauwagen sowie improvisierten Bretterbuden. Mittendrin Künstler wie der Franzose Thierry Noir und der Pop-Art-Maler Jim Avignon, die später internationale Bekanntheit erlangten. 

"Soli Deo Gloria"
"Soli Deo Gloria". Foto: Andreas Kaiser

Obwohl sich die Stadt seither stark verändert hat, gehört die von 118 Künstlerinnen und Künstlern aus 21 Nationen gestaltete Freiluftgalerie noch immer zu den Top-Attraktionen Berlins. Gut vier Millionen Menschen pro Jahr besuchen sie und versuchen, an der Mauer einen Hauch der Euphorie von damals einzufangen. Die kreative Vielfalt Berlins nach dem Ende des Kalten Kriegs spiegelt sich in den Kunstwerken wider. Manche Bilder sind politisch, wie etwa der „Bruderkuss“ von Dmitri Vrubel, der die einstigen Staatschefs Erich Honecker (DDR) und Leonid Breschnew (UdSSR) einander innig küssend zeigt. Andere Werke kommen abstrakt oder humorvoll daher. 

Auch Aufrufe zu Frieden, Völkerverständigung und Schöpfungsbewahrung sowie ein christliches Motiv gibt es. Das Werk „Soli Deo Gloria“ – Allein Gott sei Ehre – stammt von dem 2018 verstorbenen Hiddensee-Künstler Willi Berger. Es ist eine Hommage an seinen Lehrer, den Maler Johannes Meissel, der wegen seines expressionistischen Stils seine Werke erst im Nationalsozialismus und später auch in der DDR nicht ausstellen durfte. „Soli Deo Gloria“ stellt ein Kirchenfenster dar, das Meissel dem Komponisten Johann Sebastian Bach gewidmet und mit dem er Bachs Kunst der Fuge in Farben übersetzt hat.


Früher Bauwagen und Bretterbuden, heute Hotels und Hochhäuser

"Test the Best"
"Test the Rest" von Birgit Kinder. Foto: imago/zoonar/Chun Ju Wu

Als Wahrzeichen der Wende gilt das Bild „Test the Rest“ von Birgit Kinder. Es zeigt einen Trabi, der durch die Berliner Mauer bricht. Die Kleinwagen der Marke Trabant gelten vielen Menschen bis heute als Synonym für die DDR. Am Checkpoint Charlie, dem berühmten Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin, werden sie wie Heiligtümer ausgestellt und können für Stadtrundfahrten teuer angemietet werden.

Bekannt ist auch Günther Schaefers „Vaterland“ – ein Mahnmal gegen den Faschismus, das die deutschen Nationalfarben mit dem israelischen Davidstern vereint. Es musste inzwischen mehr als 60-mal ausgebessert werden. Immer wieder wurde es mit antisemitischen Parolen beschmiert – zuletzt deutlich häufiger. 

Einen Zeitenwandel hat auch die Umgebung der East Side Gallery erfahren. Kein anderer Stadtteil war in den vergangenen Jahrzehnten einer solch radikalen Veränderung ausgesetzt wie Kreuzberg-Friedrichshain und das angrenzende Berlin-Mitte.

Die Altbau-Mieten in den einstigen Randbezirken der Mauerstadt, die plötzlich im Zentrum der deutschen Metropole lagen, schossen in die Höhe. Seit den 1990er-Jahren sind vor allem an dem von Investoren begehrten Spreeufer zahlreiche Neubauten, Hotels, Büros, angesagte Clubs sowie Luxuswohnungen entstanden. Insbesondere die Ansiedlung des US-Unternehmens Amazon mit seinem Hochhaus erhitzte die Gemüter. Gleich gegenüber der East Side Gallery eröffnete 2008 zudem eine riesige Veranstaltungshalle. In der Uber-Arena gastieren seither regelmäßig Weltstars bei Konzerten.

Bild "Vaterland"
Günther Schaefers „Vaterland“. Foto: Andreas Kaiser

2009 wurde die inzwischen denkmalgeschützte East Side Gallery restauriert. Weil bei vielen Mauerbildern die ursprünglich nur provisorisch aufgetragene Farbe abblätterte, wurden etliche Bilder neu gemalt und mit einem Verwitterungsschutz versehen. 

Doch das gefiel nicht allen Beteiligten. Der Wahl-Berliner Jim Avignon etwa lehnte eine Restaurierung ab, weil seine Kunst nicht auf eine „ewige Konservierung ausgelegt“ sei, sondern den Ausdruck eines Moments darstelle. Genau das war auch der Mauerfall – das pralle Leben im Hier und Jetzt. Die Probleme der Einheit kamen später.

 

Andreas Kaiser

Hintergrund

Die Kunstwerke der East Side Gallery kann man online anschauen unter: www.eastsidegalleryausstellung.de