Impuls zur Sonntagslesung am 15. März 2026
Was im Dunkeln bleiben soll
Foto: david-valentine/unsplash
Jeder, der sich mal mit dem Christentum beschäftigt hat, kennt das Wort Sünde. Die Sünde kommt so oft vor, dass man meinen könnte, sie sei das Hauptthema dieser Religion. Katholiken wurden früher sogar die Feinheiten beigebracht: lässliche Sünde, schwere Sünde, Todsünde. Jedes Vergehen war klar zugeordnet. Buchhalterisch korrekt im Bußbuch abgeheftet.
Dann kam die Zeit, in der die Menschen das nicht mehr mitmachen wollten. Das Wort kam außer Mode. Aus Sünden wurden kleine Fehler, Menschlich-Allzumenschliches, fast schon niedlich. Kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben, niemand ist perfekt.
Aber ganz so einfach ist es ja auch nicht. Denn erstens verschwindet etwas nicht einfach, wenn es nicht mehr erwähnt wird. Und zweitens spricht auch Jesus davon: von Sünde und – mindestens genauso oft – von der Vergebung derselben. Stellt sich nur die Frage: Was ist Sünde eigentlich?
1. Sünde ist Tat, kein Verhängnis
Die Pharisäer im Evangelium machen es sich ein bisschen zu einfach. „Du bist ganz und gar in Sünde geboren“, werfen sie dem geheilten Blinden vor. Dahinter steckt die Idee, dass blind geboren zu werden, eine Strafe Gottes sein muss. Auch die Jünger fragten Jesus, als sie an dem Mann vorbeikamen: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?“ Jesus ist da klar in seiner Antwort: „Weder er noch seine Eltern!“
Auch an anderen Stellen, an denen Jesus von Sünde spricht, wird deutlich, dass es ihm um eine eigene Entscheidung, eine selbst verantwortete Tat geht. „Geh und sündige von nun an nicht mehr“, sagt er der Ehebrecherin (Johannes 8,11). Und für das menschliche Miteinander betont er: „Wenn dein Bruder sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umkehrt, vergib ihm!“ (Lukas 17,3)
Jeder und jede von uns hat keine absolute, aber doch eine ziemlich große Freiheit, sein Handeln selbst zu bestimmen. Ohne Freiheit keine Verantwortung. Und keine Sünde.
2. Sünde ist Handeln gegen das eigene Gewissen
Früher war es in gewisser Weise einfach: Da gab es einen Katalog von Ge- und Verboten – und wer gegen diesen Katalog verstieß, sündigte und musste dafür büßen. So wie bei der Straßenverkehrsordnung: Rote Ampel missachtet – das wird teuer. Egal, ob fahrlässig im Feierabendverkehr oder vorsichtig nachts um drei bei freier Strecke auf dem Weg zur Entbindung.
Aber das moralische Leben ist komplizierter. Maßstab ist nicht die gesetzliche Norm, die bietet nur Orientierung. Maßstab ist vielmehr das eigene Gewissen. Das muss gebildet werden, klar. Aber viele Menschen ahnen schon, was gut und was böse ist. Was sie tun und was sie lassen sollten. Dann doch anders zu handeln – aus Bequemlichkeit, aus Lust, aus Gier –, das ist Sünde. Eigentlich ist es also ein Vergehen gegen sich selbst, gegen das, was man grundsätzlich selbst für richtig hält, gegen das eigene Gewissen.
Das würden Sie nie tun? Naja … vielleicht wissen Sie schon, dass es längst mal wieder Zeit wäre für einen Besuch im Heim bei der dementen Oma – aber das zieht einen immer so runter und außerdem kriegt sie es ja auch nicht mehr richtig mit. Oder Sie wissen schon, dass es falsch ist, Steuern zu hinterziehen oder den Handwerker bar auf Tatze zu bezahlen – aber es ist halt billiger. Oder Sie wissen schon … weitere Beispiele fallen Ihnen bestimmt ein.
3. Ein Kennzeichen der Sünde ist Heimlichkeit
Die Lesung aus dem Epheserbrief bringt es ganz gut auf den Punkt: „Lebt als Kinder des Lichts!“ Denn mit allem, was gut, wahr und rechtschaffen ist, geht man gerne ans Licht, an die Öffentlichkeit. „Ich habe nichts zu verbergen“, sagt man dann.
Anders ist es, wenn man etwas unbedingt verheimlichen will. „Habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis“, sagt der Epheserbrief. „Denn von dem, was sie heimlich tun, auch nur zu reden, ist schändlich.“ Was im Dunkeln bleiben muss, ist verdächtig.
Zwei Beispiele, die das unmittelbar einsichtig machen. Das erste ist der Kindesmissbrauch. „Keiner darf es wissen.“ „Sag es nicht weiter.“ „Das ist unser Geheimnis“ – all das sind Kennzeichen des Missbrauchs und Kennzeichen der Sünde. Dass das Erzbistum Köln die Mappe über Priester, die Missbrauchstäter waren, „Brüder im Nebel“ genannt haben soll und unter Verschluss hielt, bestätigt das nur.
Das zweite Beispiel habe ich in Erinnerung, seit mein Professor für Moraltheologie es in meinem Studium nannte. Es war in der Vorlesung über Sünde und es ging um die Frage, wie sündig sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe sind. Formal – mein Studium endete 1991 – war die Sache klar: Jede sexuelle Beziehung außerhalb der Ehe ist Sünde. Mein Professor sah das anders. Er nannte als ein wichtiges Kriterium, dass man sich in dieser Beziehung und mit dem Partner oder der Partnerin sehen lassen kann. Und dann ist eben die (früher sogenannte) Ehe ohne Trauschein ganz anders zu bewerten als der Seitensprung, die zweite Ehe nach Scheidung oder die feste homosexuelle Partnerschaft in Liebe und Treue anders als der Quickie in der Besenkammer.
4. Und was hat Gott damit zu tun?
Sündigen kann nur, und das ist der erste Punkt, wer an Gott glaubt, denn Sünde ist ein religiöses Wort. Alle anderen können nur schuldig werden – an sich selbst und an anderen.
Religiöse Menschen glauben, dass sie Gott in ihrem Herzen begegnen können – und damit in ihrem Gewissen. „Das Gewissen ist die Stimme Gottes in uns“, sagte schon der heilige Augustinus. Wenn wir also gegen das eigene Gewissen handeln, handeln wir gegen Gott.
Das wird schon im Wort „Sünde“ deutlich. Darin steckt nämlich „sondern“ im Sinne von absondern, trennen. Sünde trennt: von anderen Menschen, von meinem eigenen Guten, von Gott. Allerdings sagt uns nicht nur der Glaube, sondern auch die Erfahrung: Diese Trennung muss nicht für ewig sein. Wir können uns versöhnen mit anderen, mit uns selbst und mit Gott. Nur wollen muss man es. Vielleicht ja jetzt vor Ostern.