Seelsorge für Flüchtlinge
Am Menschen orientiert
Foto: Matthias Schatz
Diakon Andreas Petrausch neben einer fotografischen Reproduktion des Gemäldes „Der barmherzige Samariter“. Das Original malte der schweizerische Künstler Ferdinand Hodler 1895.
Im Büro von Diakon Andreas Petrausch hängt die fotografische Reproduktion des Gemäldes „Der barmherzige Samariter“ von Ferdinand Hodler. Gemäß der Geschichte aus dem Evangelium nach Lukas zeigt es einen Mann, der einen überfallenen, aller Kleider beraubten Mann versorgt. „Viele Menschen erinnert das Motiv an das berühmte Foto des zweijährigen Alan Kurdi, eines Flüchtlingskindes, das 2015 tot an einem türkischen Mittelmeerstrand angespült wurde“, sagt Petrausch. Nicht von ungefähr. Denn der 63-Jährige ist Flüchtlingsseelsorger des Erzbistums Hamburg. Und wie der Samariter kümmert er sich als solcher ohne Ansehen von Herkunft und Religion um Menschen, die zumindest ihrer Heimat beraubt worden sind. Viele hätten auch schlimmste Übergriffe erlebt und Morde auf ihrer Flucht mit ansehen müssen, etwa auf einer Route von Eritrea durch die Sahara bis zum Mittelmeer oder an den EU-Außengrenzen, berichtet Petrausch.
Für Petrausch ist der Samariter auch insofern ein Leitbild, als dass er sich nicht um gewisse Vorschriften kümmert, wie es in der Geschichte der Priester und der Levit tun, die den Überfallenen ignorieren und schwerverletzt am Straßenrand liegen ließen. Das trifft sich mit seinem Verständnis der Anforderungen, die die Apostel an einen Diakon stellten. Es sollen „Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ sein, heißt es in der Apostelgeschichte (Apg 6,3). „Leute von Weisheit sind für die Apostel Leute, die zur rechten Zeit das Richtige tun. Die nicht nach Gesetz und Buchstabe handeln, sondern der Situation angemessen“, sagt Petrausch. Das habe ihn angesprochen. Auch Jesus habe immer auf die Menschen geschaut, ihnen gegebenenfalls gegen die üblichen Vorschriften am Sabbat geholfen, wenn es nötig gewesen sei. „Für mich steht im Vordergrund, mich aus dem Glauben heraus an den Menschen zu orientieren.“
Das schrille Klingeln von Petrauschs Smartphone durchbricht plötzlich die ruhige Gesprächsatmosphäre. „Da muss ich mal ran.“ Die Leiterin des katholischen Büros, Beate Bäumer, fragt nach einer Frist, zu der eine Afghanin, der Kirchenasyl gewährt worden ist, in ein anderes Land der EU zurückgeführt werden muss, über das sie nach Deutschland einreiste. Das sieht das sogenannte Dublin-Abkommen vor. Petrausch schaut auf seinem Computer nach. „8. Oktober“, antwortet er. Dann strahlt plötzlich sein Gesicht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat in diesem Fall eine Rückführung derzeit als nicht zumutbar angesehen, die Frau darf bleiben und ihr Asylanliegen vortragen. „Ich mache das hier, weil ich auf so etwas hoffe“, sagt Petrausch.
„Die Behörde hat sich offenbar mit unserem Dossier beschäftigt und einen Selbsteintritt erklärt“, freut er sich. Das sei meist nicht so. „Normalerweise lassen die die Frist verstreichen. Die Behörden wollen eigentlich nicht, was wir hier machen.“ Nun aber stünden die Chancen auch gut, dass dem Asylantrag stattgegeben werde. „Wir haben noch nie erlebt, dass jemand im folgenden Asylverfahren abgelehnt worden ist, dem wir Kirchenasyl gewährt haben.“ Das liege auch daran, dass im Vorfeld genau geprüft werde, ob die Person eine Aussicht habe, hier bleiben zu können. „Sonst kostet das nur Ressourcen, die hier eh sehr knapp sind.“
Ob Kirchenasyl gewährt werde, entscheide der Kirchenvorstand der jeweiligen Gemeinde. Petrausch ist als Flüchtlingsseelsorger der Ansprechpartner des Erzbistums für die Kirchengemeinden. Und er ist zugleich ein Kontakt zur Asylverfahrens- und Härtefallberatung der Caritas in Hamburg. Deshalb befindet sich sein Büro auch in deren Räumen an der Danziger Straße im Hamburger Stadtteil St. Georg. Die Caritas kümmert sich demnach um die administrativen Dinge, die Kirchengemeinden um die Versorgung vor Ort. Petrausch berät, managt und kümmert sich um die Seelsorge.
„Die meisten Menschen kommen hierher, nachdem ihr Asylantrag abgelehnt worden ist“, berichtet er. „Das sind typische Dublin-Fälle.“ Es gehe beispielsweise um einen jungen Mann aus einer syrisch-katholischen Familie, die schon lange in Deutschland lebe, auch der Kirchengemeinde gut bekannt sei. „Er ist nun aus einem anderen EU-Land hierhergekommen und will natürlich bei seiner Familie bleiben“, sagt Petrausch.
Petrausch wuchs in Pattensen im Bistum Hildesheim in einer katholischen Familie auf, die aus Schlesien geflüchtet war. Der Sozialpädagoge lebt mit seiner Frau, die als Gemeindereferentin arbeitet, und zwei erwachsenen Söhnen in Hamburg-Bergedorf. Er war er stets in der dortigen Kirchengemeinde engagiert, unter anderem als Firmkatechet. „In einer bayerischen Kirche – ich weiß nicht mehr, wo genau – habe ich dann eine Statue des heiligen Christophorus gesehen.“ Da habe er sich gesagt: „Eigentlich machst du doch das, was Christophorus gemacht hat – du hilfst anderen Menschen, und das aus deinem christlichen Verständnis heraus.“ Das habe einen Prozess in Gang gesetzt, der nach vielen Gesprächen mit Geistlichen 2012 in die Weihe zum Diakon mündete.
Die aktuelle Flüchtlingspolitik bereite ihm „große Sorgen“, sagt Petrausch. „Ich bin aber kein Politiker, ich bin Seelsorger, ich habe den Menschen und seine Not, seine Verzweiflung im Auge.“ Er könne nachvollziehen, dass angesichts der Aufwendungen für Migranten manche Bürger Angst um das Erreichte hätten. Andererseits müsste sich jeder auch fragen, ob er wirklich alles brauche, was er habe.
Zur Person
Andreas Petrausch studierte Sozialpädagogik, war dann für verschiedene Organisationen und Krankenhäuser tätig. 2012 wurde er zum Diakon geweiht. Zunächst verantwortete er fünf Jahre die Notfallseelsorge des Erzbistums Hamburg, seit 2019 ist er Flüchtlingsseelsorger.