Anglikanische Kirche braucht ein Oberhaupt, das die Gemeinschaft eint

Chef gesucht

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 Papst Franziskus und Justin Welby
Nachweis

Foto: kna / Vatican Media / Romano Siciliani

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Auf Augenhöhe: Papst Franziskus und Justin Welby, ehemaliges Oberhaupt der Anglikaner, bei einem Treffen im Vatikan 2021

Nach dem Rücktritt von Justin Welby Ende 2024 muss die anglikanische Kirche ein neues Oberhaupt wählen. Doch das fällt nicht leicht: Es muss jemand sein, der die tief zerstrittene Kirche einen kann.

Mehr als dreißig Jahre war Jonathan Evans beim britischen Inlandsgeheimdienst MI5. Im Kalten Krieg bekämpfte er Spione aus dem Ostblock, danach islamistische Terroristen. Ab 2007 stand er als Chef sechs Jahre lang an der Spitze des MI5. Seine aktuelle Mission ist nicht so gefährlich wie seine früheren Aufgaben, aber doch riskant und streng vertraulich. Es geht um Personal. Für jemanden wie Lord Evans eigentlich Routine. Aber wohl noch nie bat der Geheimdienstler dafür öffentlich um Gottes Hilfe: „Wir beten um Gottes Führung in diesem Prozess.“ 

Mit „wir“ meint er die Mitglieder der Crown Nomination Commission (CNC). Diese königliche Personalfindungskommission hat die Aufgabe, einen neuen Erzbischof von Canterbury zu suchen – den Oberhirten der anglikanischen Diözese und gleichzeitig Chef der Kirche von England sowie das Ehrenoberhaupt von rund 85 Millionen Anglikanern weltweit. Protokollarisch auf Augenhöhe mit dem Papst.

Umgang mit Homosexualität ist ein Streitpunkt

Seit Anfang des Jahres ist das Amt vakant. Ende 2024 hatte Erzbischof Justin Welby seinen Rücktritt erklären müssen, nachdem ihm Fehler im Umgang mit einem Fall von sexuellem Missbrauch vorgeworfen worden waren. „Einen unmöglichen Job“, nennt die Zeitung „The Guardian“ die Stelle, die zu besetzen ist. Denn die anglikanische Gemeinschaft hat sich tief zerstritten – wegen des Umgangs mit Homosexuellen und mit der Ordination von Frauen. 

Jonathan Evans
Jonathan Evans, Lord of Weardale, war sechs Jahre Leiter des britischen Inlandsgeheimdienstes. Foto: wikimedia / Roger Harris

2023 machte die Kirche von England den Weg frei für Segensfeiern von homosexuellen Paaren. Für die Kirchen des globalen Südens ein Irrweg, während bei Anglikanern in den USA Homosexuelle schon lange sogar eine richtige Ehe eingehen können. In einem offenen Brief an die CNC schrieb eine Vereinigung vor allem afrikanischer Kirchen, dass die Kirche von England sich „von der biblischen und historischen Lehre der Kirche über die Ehe und die menschliche Sexualität“ entfernt habe und man daher den Erzbischof von Canterbury „nicht länger als spirituellen Anführer der anglikanischen Gemeinschaft anerkennen“ könne; die Neuwahl könne eine Chance sein, den Schaden wiedergutzumachen. 

Dagegen betont die Diözese Canterbury in ihrem Anforderungsprofil, dass ein neuer Erzbischof den Prozess der Öffnung für Menschen aus der queeren Community fortsetzen müsse und „die Menschen aus der LGBTQIA+-Community ganz willkommen heißen“ werde.

In den vergangenen Jahren sind bei den Anglikanern mehrfach Bischofswahlen gescheitert, weil niemand die nötige Zweidrittel-Mehrheit bekam. Medien wie die „Church Times“ vermuten, dass der Streit um die Segensfeiern der Grund für die Blockaden war. 

Doch Streit gibt es auch um die Weihe von Frauen. Viele Pfarreien akzeptieren keine weiblichen Geistlichen. Eine Frau als Erzbischöfin von Canterbury wäre „ein historischer und radikaler Schritt“, schreibt der „Guardian“. „Ein weiblicher Anführer der weltweiten anglikanischen Kirche würde auf Widerstand in den konservativeren Teilen der Welt stoßen.“ Im Frühjahr hatte die Kirche von England die Gläubigen erstmals dazu aufgerufen, ihre Wünsche an ein neues Oberhaupt zu formulieren. Rund 11 000 Antworten kamen. Besonders häufig wurde dabei der Wunsch nach einer Erzbischöfin geäußert. Im Interview mit der „Church Times“ sagte Lord Evans: „Es gibt keinen Grund, warum nicht eine Frau ernannt werden könnte, aber ob eine Frau ernannt wird, ist eine andere Frage.“ 

Der 67-Jährige wurde von Premierminister Keir Starmer zum Vorsitzenden der Personalfindungskommission ernannt. Die anderen stimmberechtigten 16 Mitglieder der Kommission sind Bischöfe, gewählte Delegierte der englischen Generalsynode oder der Diözese Canterbury sowie Vertreterinnen und Vertreter der weltweiten anglikanischen Gemeinschaft. 

Verschwörungstheorien rund um die Wahl 

Um die Berufung der drei Vertreter aus Canterbury gab es einige Aufregung: Die Wahl musste mehrfach wiederholt werden. Verschwörungstheorien machten die Runde, dass konservative Wähler verhindert werden sollten. „Ich glaube nicht, dass das der Fall war“, sagt Evans. Tatsächlich gab es wohl Pannen und Missverständnisse.

Zweimal hat sich die Kommission getroffen. „Nicht geheim, aber vertraulich“, sagt Evans. Vor einigen Wochen soll die Kommission ihre Auswahlliste beschlossen haben. In diesen Tagen trifft sie sich erneut, wohl für Gespräche mit den Kandidatinnen und Kandidaten. Wenn in geheimer Wahl eine Zweidrittel-Mehrheit zustande kommt, wird Evans den Namen über den Premierminister an den König schicken. Stimmt dieser zu, verkündet der Premierminister den Namen. Formell muss dann noch das Domkapitel von Canterbury den neuen Erzbischof wählen.

Wenn alles gut läuft, ist im Oktober klar, wer Justin Welby nachfolgt. Zehn Monate hätte die Kirche von England dann gebraucht, um ihr Oberhaupt zu bestimmen. Die katholische Kirche, sonst nicht für ihre Schnelligkeit bekannt, brauchte dafür in diesem Jahr nur zweieinhalb Wochen.

Ulrich Waschki