DDR-Zeitzeugin Gesine Lange aus Bremen
„Das Blühen auf Beton war schwer“
Foto: Anja Sabel
Kinderdiakonin Gesine Lange vor der evangelischen St.-Martini-Kirche in Bremen-Lesum
Frau Lange, denken Sie heute, kurz vor dem 36. Jahrestag der deutschen Einheit, noch in den Kategorien Ost und West?
Nein. Wenn mich jemand fragt, ob ich mich eher als ost- oder westdeutsch fühle, lautet meine Antwort: Ich fühle mich norddeutsch. Ich mag die Nähe zum Meer; die Weite und die Landschaft haben mich geprägt. Natürlich sind wir Menschen verschieden, ein Bayer ist anders als ein Mecklenburger, ein Hesse sicher anders als ein Berliner – das ist überhaupt nicht schlimm.
Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf den 3. Oktober, der in diesem Jahr zentral in Bremen gefeiert wird?
Ich finde es gut, einen Feiertag zu haben, der besonderen Momenten Zeit schenkt und an dem wir uns rückbesinnen. Mit Blick auf die friedliche Revolution im Herbst 1989 denke ich: Toll, was Menschen alles schaffen; sie haben sich getraut, auf die Straße zu gehen, es gab kein Blutvergießen. Darauf können wir stolz sein – und auch auf das, was Kirche vermag, die den Menschen in der DDR Mut gemacht und Freiräume geboten hat.
Sie sind bereits wenige Monate vor dem Mauerfall in den Westen ausgereist, nach Bremen. Wie kam es dazu?
Ursprünglich hatte ich einen ganz anderen Lebensplan.
Wie sah der aus?
Ich wollte in der DDR bleiben, zumal meine beiden Brüder schon gegangen waren, das hat große Traurigkeit hinterlassen. Sie wollten studieren, was Kindern aus christlichen Familien, noch dazu aus einer Pastorenfamilie, kaum möglich war. Als ausgebildete Kinderdiakonin dachte ich: Mit Musik und Kindern, noch dazu in einem kirchlichen Umfeld, lässt sich vieles ertragen und aushalten – nach dem Motto: „Wo Gott dich aussät, da sollst du blühen.“ Das Blühen war aber schwer auf Beton, ich habe die DDR oft als Beton empfunden.
Wie ging es weiter?
Die Liebe kam dazwischen. An einer kirchlichen Freizeit, bei der sich Ost und West begegneten, nahm auch eine Jugendgruppe aus Bremen teil, und ich fand einen Menschen, zu dem ich gern gehören wollte. Dass wir in der DDR zusammenleben, war nur ein kurzer Gedanke. Ich musste mich entscheiden. Ein schwerer Schritt voller Emotionen. Eigentlich wollte ich lieben, mich freuen, in meine Zukunft tanzen – aber da hing so viel Blei am Herzen. Ich wusste nicht, ob ich meine Eltern, meine jüngere Schwester, meine Großeltern jemals wiedersehe. Letztendlich siegte die Liebe. Ich habe geheiratet – unter dem Bild von Erich Honecker – und bin dann mit meinem Mann nach Bremen gezogen.
Ahnten Sie, dass kurz danach die Mauer fallen würde?
Das kam auch für mich völlig überraschend. Zum Vergleich sage ich immer: Stellt euch vor, ihr wacht morgens auf und Putin räumt ein: „Ihr habt Recht, ich beende den Krieg in der Ukraine.“ Glauben wir das? Wir hoffen, dass solche Machthaber eines Tages einlenken, aber es ist unwahrscheinlich. Dass über Nacht die Mauer fiel, war ein Traum, nicht vorstellbar – und für unsere Familie ein großes Glück.
Was schätzen Sie in unserem wiedervereinten Land?
Vor allem die Freiheit, mitzugestalten und uns weiterzuentwickeln. In der DDR waren Wege vielfach vorgegeben. Heute muss man sich um vieles selbst kümmern – darf es aber auch. Demokratie und Freiheit sind anstrengend. Manchmal so anstrengend, dass Menschen bereit wären, für ein gewisses Maß an Sicherheit einen Teil ihrer Freiheit aufzugeben. Nach dem Motto: „Wenn eine Diktatur so ist, wie ich sie möchte, kann ich sie ertragen.“ Ja, aber eine Gesellschaft ist nur dann gut, wenn an alle Menschen gedacht ist.
Sie sind auch als Zeitzeugin gefragt, in kirchlichen Gruppen, an Schulen. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Ein Rat meines Vaters lautete: „Um dir ein Bild zu machen, hör dir nicht nur die Meinung deiner eigenen Familie an, sondern geh in zehn Familien.“ Eine Familie, die vom DDR-System profitiert hat, erzählt andere Geschichten als eine Familie mit christlichem Hintergrund, eine Familie mit Westverwandtschaft oder Leute, die sich für den Umweltschutz engagiert haben. Mein eigener Beitrag ist dann wie ein Puzzlestein, der das Bild ein bisschen bunter macht.
Zur Person
Gesine Lange, geboren 1967 in Rostock, ist ausgebildete Kinderdiakonin. Sie stammt aus einer kirchlich engagierten Familie: Ihr Vater ist der Pastor und ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Lange in der DDR. Als Kinder eines engagierten Pastors traten sie und ihre drei Geschwister nie einer Jugendorganisation des SED-Regimes bei und waren in der Schule oft Außenseiter. 1989 zog sie nach einem langwierigen staatlichen Genehmigungsverfahren mit ihrem Bremer Ehemann noch vor dem Mauerfall aus Rostock in die Nähe von Bremen.
In der Kibo-Ausgabe zum 8. November lesen Sie ein ausführliches Glaubensporträt über Gesine Lange.