Ludwig Martin Jetschke erreicht mit seinem YouTube-Kanal ein deutschlandweites Publikum
Er war der Kleine an der großen Orgel
Fotos: Katharina Gebauer
Digital und analog: Ludwig Martin Jetschke macht Orgel-Videos für Youtube und musiziert mit anderen Menschen
Vor knapp 20 Jahren registrierte sich Ludwig Martin Jetschke (37) bei der Videoplattform YouTube. Er nannte sein Profil Lingualpfeife, nach den Orgelpfeifen, die ihren Ton mit einem im Luftstrom schwingen-den Metallblättchen erzeugen. Inhalte produzierte er zunächst keine. Doch dann kam ihm die Idee, mit dem Klischee des unnahbaren Organisten auf der Kirchenempore zu brechen. Er begann, Instrument, Spieltechnik und Musiktheorie zu erklären. Und die User liebten es. Das feierliche „Großer Gott, wir loben dich“ an der Orgel der Walldürner Basilika wurde bisher 1,5 Millionen Mal gesehen. Sein Kanal hat heute 25 400 Abonnenten, die Videos wurden insgesamt um die 25 Millionen Mal aufgerufen. Der Weg zu einem der erfolgreichsten katholischen Kanäle der vergangenen zwei Jahrzehnte war früh geebnet, enthielt aber Abzweigungen. Zu Beginn standen für Ludwig Martin Jetschke der regelmäßige Gottesdienstbesuch mit der Familie, das Ministrieren in seiner Heimatgemeinde St. Laurentius in Würzburg-Heidingsfeld und ein paar Jahre bei den Würzburger Domsingknaben.
Ich war eine Marke: der Kleine an der großen Orgel!
In der Kirchenbank saß er gerne gemeinsam mit den Großeltern auf Plätzen nahe der Orgel. „Da ist die Vib-ration direkt auf uns übergegangen. Ich habe gespürt: Jetzt ist Bewegung im Raum“, sagt Jetschke noch heute begeistert. Trotzdem begnügte er sich mit gelegentlichem Klavierspiel. Dann aber hörte ihn eine Bekannte und brachte ihn an die Orgel. Und bereits mit zwölf Jahren begleitete er seinen ersten Gottesdienst. „Seitdem bin ich dienstlich in der Kirche unterwegs“, sagt Jetschke. „Die Auftritte flogen nur so an mir vorbei. Immer gefragt, immer willkommen. Und ich habe damit Geld verdient, ich war eine Marke: der Kleine an der großen Orgel!“
Mit 16 Jahren zog es ihn an die Berufsfachschule für Musik im unterfränkischen Bad Königshofen. Hier war er eine begabte Person unter vielen. „Eine heilsame Erfahrung“, sagt er. Die große Krise kam, als Jetschke das Studium an der Würzburger Hochschule für Musik wegen einer hartnäckigen Sehnenscheidenentzündung frühzeitig abbrechen musste. Hindurch half ihm, so beschreibt er es im Rückblick, ein Gedanke von Ignatius von Loyola: Bete, als hinge alles von Gott ab, und handle, als hinge alles von dir ab. Jetschke wollte nicht auf ein Wunder warten, sondern mit ganzer Kraft und durch seinen Glauben gestärkt handeln. Er sattelte um aufs Lehren, ist heute Gymnasiallehrer für Religion und Deutsch in Nürnberg.
Digitaler Durchbruch mit dem neuen Gotteslob
Auch im digitalen Raum schwenkte er aufs Erklären um, wie auf seinem YouTube-Kanal Lingualpfeife.
Der Durchbruch gelang 2013, als das neue Gotteslob erschien und Jetschke Erklärvideos zum liturgischen Hintergrund der Choräle veröffentlichte. Er diskutierte nun mit Menschen über Theologie und sakrale Musik, die oftmals in kirchlichen Strukturen keine Heimat mehr fanden. Einer, der in den Kommentarspalten zu Jetschkes Videos mitdiskutierte, war Christian Würtz, der im Juli neu ernannte Bischof von Eichstätt. Als der damals zu Exerzitien nach Würzburg kam, trafen sich beide und sind seitdem freundschaftlich verbunden. Als sich Jetschke zwischenzeitlich auf sein Lehramtsstudium konzentrierte, übernahmen Gleichgesinnte die Redaktion des Video-Kanals. Aus diesem Kreis entwickelte sich eine christliche Online-Gemeinschaft. Diese organisiert sich noch heute auf der Plattform Discord. Zu Hochzeiten waren hier 150 engagierte Nutzerinnen und Nutzer auf der Suche nach Spiritualität und Hilfe bei Lebenskrisen. Sie beteten dort zum Beispiel morgens gemeinsam die Laudes oder diskutierten die aktuelle Kirchenpolitik – auch mal mit einem Augenzwinkern, wie beim „Kardinal-O-Mat“ zum Konklave 2025.
Heute bespielen nur noch gut 30 Personen die Online-Gemeinschaft. Auch die Zugriffszahlen der Lingualpfeifen-Videos reichen nicht an die der Hochphase heran. Für Jetschke sind dies Zeichen einer Krise des Internets, an der auch die Kirche fleißig mitwirke. „Alle feuern Inhalte heraus, doch das gemeinsame Thema fehlt“, sagt er. „Niemand braucht all die gleichlautenden Sprüche des Tages auf dem Bild-schirm. Zeigt ungewöhnliche Dinge, lasst die kleinen Leute zu Wort kommen, geht ins Gespräch!“ Digitale Schlagkraft könne nur entstehen, wenn die gute Botschaft mit einer Stimme verbreitet und diskutiert würde.
Vernetzung in der digitalen und analogen Welt
Jetschke vernetzt inzwischen konsequent die digitale und die analoge Welt. Mehrmals kam die Lingual-pfeife-Community real zusammen. Daraus entstanden Treffen in St. Laurentius in Würzburg: Zweimal im Jahr wird hier ein Wochenende lang gesungen und gebetet, gewerkelt und gespielt, sinniert und diskutiert. Manche Andachten in der Kirche oder Workshops im Pfarrsaal werden ins Internet übertragen. Das Ziel sei, ins Tun zu kommen und eine gemeinsame Identität zu entwickeln, sagt Jetschke: „Damit es am Ende nicht mehr egal ist, ob du allein in die Messe gehst oder eben doch mit deinen Freunden, Nachbarn und Bekannten.“ Auf Ebene der Kirchengemeinde funktioniert diese Art der Netzwerkarbeit gut. Die nächste Herausforderung sei nun der Zusammenhalt im neu gegründeten Pastoralen Raum. „Wir müssen zeigen, dass es sich lohnt, die Menschen aus den anderen Gemeinden zu treffen“, sagt Jetschke. „Wem Kirche noch etwas bedeutet, soll hier zusammenwachsen.“ Ob das gelingen kann? Der Netzwerker bleibt optimistisch und stützt sich dabei auf sein, wie er sagt, „kindliches Gottvertrauen. Daraus kann immer etwas Gutes und Neues entstehen.“