Ein Jahr schweigend durch Deutschland

Der stumme Pilger

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Daniel Beerstecher, Pilger
Nachweis

Foto: Alois Bierl

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Sein Rucksack wiegt über 20 Kilo: Daniel Beerstecher, Künstler und Pilger

Daniel Beerstecher wandert ein Jahr schweigend durch Deutschland. Er hat dabei gelernt, auf wie viele unterschiedliche Weisen er lächeln kann. Und er spürt, wie warmherzig ihm viele Menschen begegnen, wenn er einfach nur zuhört – statt jedem gleich seine Meinung aufzudrücken.

Wer Daniel Beerstecher anspricht oder ihn grüßt, bekommt immer ein freundliches Kopfnicken und ein Lächeln. Doch er sagt kein Wort. Anfangs ist ihm das noch schwergefallen, doch nach mehr als zehn Monaten hat er darin Übung. Denn er schweigt – ein Jahr lang. Dieses Schweigen trägt er durch ganz Deutschland, das er als stummer Pilger umrundet, etwa 3500 Kilometer zu Fuß. Am Beginn seines Wegs hatte er ein Pappschild mit der Aufschrift „Ich höre zu! Ein Jahr im Schweigen“ an seinem Rucksack befestigt. Das war aber nach ein paar Regengüssen so aufgeweicht, dass er es durch ein wetterfestes Transparent mit demselben Text ersetzt hat. Das sieht nun, zum Ende seiner Reise, auch schon ziemlich mitgenommen aus.

Etwa 120 Nächte hat er im Zelt übernachtet, die anderen bei Unterstützern verbracht, einige in Klöstern oder kirchlichen Tagungshäusern. Verschiedene Stiftungen haben seine Ausrüstung finanziert. Ab und zu bekommt er private Spenden zugesteckt, damit er unterwegs auch einmal in einer Pension bleiben und sich erholen oder sich in einem Wirtshaus ein warmes Mittagessen gönnen kann. Sonst bereitet er das oft selbst zu: auf seinem Benzinkocher, der 1,5 Kilo in seinem über 20 Kilo schweren Rucksack wiegt. 

Wer ihn begleitet, für den pflückt Beerstecher manchmal ein Kleeblatt ab. Das soll kein nettes Glückssymbol sein. Er deutet auf seinen Mund: Der Weggefährte soll das essen. Und tatsächlich liegt einem für geraume Zeit ein angenehmer, leicht pfeffriger Geschmack auf der Zunge. Auch Giersch oder Brennnesseln kommen in den Kochtopf des schweigenden Pilgers, außerdem viele Nudeln. Sein langer Weg habe ihn viel Praktisches gelehrt, erklärt Beerstecher. 

» Wir haben oft aneinander vorbeigeredet. «

Denn Auskunft gibt er bereitwillig. Dazu hat er ein E-Ink-Tablet dabei, ein digitales Notizbuch, auf das er gerne und ausführlich schreibt, wenn ihm jemand eine Frage stellt, die er nicht mit seinem Mienenspiel, einem Kopfnicken oder einem Lächeln beantworten kann. Das funktioniert oft. Er erklärt, auf seiner Reise habe er erst entdeckt, auf wie viele unterschiedliche Weisen er lächeln könne; er habe fast eine neue Sprache gelernt, eine ohne Worte.

Gestartet ist der Aktionskünstler in Stuttgart mit einer Art Gelübde in der Kirche Sankt Maria. In der Stadt hat er auch an der Kunsthochschule studiert, war Meisterschüler für Skulptur und Video. „Früher wollte ich Werke von mir gerne im Museum sehen“, schreibt er auf sein Tablet. „Doch da komme ich ja nur mit immer demselben Publikum in Verbindung.“ Ihn interessieren jedoch Menschen in ihrer Vielfalt. Dafür entwickelt er Konzepte und Ideen, die ihn mit seiner Umwelt in eine aufmerksame und achtsame Kommunikation bringen. Wer Beerstecher bei sich beherbergt, merkt schnell, dass ein Dialog ohne mündlichen Austausch tiefer und inniger sein kann als sonst üblich. Ihn selbst interessiert, „was entsteht, wenn jemand nicht selbst spricht, nicht argumentiert und nicht bewertet, sondern einfach da ist und wirklich hört“.

Beerstecher kontert auf seine Weise aus, dass gerade zurzeit die lauten und aggressiven Selbstdarsteller dominieren und oft genug Hass säen. Er möchte „die leise und oft übersehene Tugend des Zuhörens und die Kraft der Stille in den Mittelpunkt stellen“. An mehreren Orten hat er sich auf seiner Pilgerfahrt als stummer Zuhörer angeboten. Etwa bei einer Studenteninitiative in Jena oder im ehrenamtlich getragenen Verein „momo hört zu“, der in München der Vereinzelung in einer Großstadt entgegenwirken will. Bei manchen Geschichten, die ihm seine Gegenüber mitteilen, muss er an sich halten, kein Gespräch anzuknüpfen: immer, wenn er glaubt, etwas Hilfreiches sagen zu können, und das geschriebene Wort dafür nicht ausreicht: „Dann muss ich es aushalten, dass ich nicht ,retten‘ oder ,lösen‘ kann, sondern einfach da bin.“ 

Wieder unterwegs, ist jeder Kilometer auch ein inneres Gespräch über das Erlebte und sogar ein Gebet. Denn der 46-jährige versteht sich als Pilger auf einer spirituellen Reise. Auf der will er „in Verbindung gehen mit dem Unsichtbaren, Göttlichen“. Dazu gehört für ihn „Loslassen, Vertrauen, Nichtwissen und das Dasein mit dem, was gerade geschieht“.

Ab und zu singt er, wenn er allein ist

Zwei Jahre haben sich seine Frau und er auf diesen Weg vorbereitet. „Sie hatte ein Vetorecht“, notiert er auf seinem Tablet. Durch das Schweigen hätten beide bemerkt, „dass wir vorher oft aneinander vorbeigeredet haben“. Als er zu Weihnachten und um Ostern daheim zu Besuch war, sei da „eine andere Nähe“ zu spüren gewesen. Für seine Frau hat er sein Schweigegelübde sogar einen Tag lang aufgegeben. Zu ihrem Geburtstag schenkte er ihr einen „Rede-Tag“. 

Seine Stimme war ungebrochen, denn unterwegs singt er ab und zu, wenn er allein ist. Eine Logopädin hat ihm das empfohlen, damit der Sprechapparat nicht verkümmert. Schwierigkeiten machen ihm eher die Gelenke, der Rücken, der Nacken und die Wanderstiefel. Er hat unterwegs ein neues Paar kaufen müssen. Das erste war nach den ersten Monaten durchgelaufen. Beim zweiten löste sich unterwegs eine Sohle. Ein Schuster in Amberg hat sie ihm geklebt – unentgeltlich. Er bat Beerstecher nur, in einer Kirche eine Kerze für ihn anzuzünden.

Wie warmherzig ihm fast alle Menschen begegnen, rührt den Künstler. Das Bild von den schroffen Deutschen, das ist für ihn „ein falsches Klischee“. Vielleicht sind die meisten ja viel netter, als sie von sich denken. Ein schweigender Pilger, der lächelnd zuhört und keinem seine Meinung aufdrängt, ist offenbar eine gute Gelegenheit, die eigene Freundlichkeit zu entdecken.

Alois Bierl

Zur Sache

Während seiner Reise schreibt Daniel Beerstecher einen Blog. Sie finden ihn hier: ich-hoere-zu.com/blog