Impuls zur Sonntagslesung am 03.04.2026
Apostelgeschichte und Diakonat: „Vielleicht ist es wieder an der Zeit“
Foto: kna/Paolo Galosi/Romano Siciliani
Der „Dienst an den Tischen“ gehört zum Christsein hinzu. Hier ein Foto von einer „Tafelrunde ohne Mauern“ auf der Via della Conciliazione in Rom 2019.
Herr Professor Müller, sind die Diakone aus der Apostelgeschichte vergleichbar mit Diakonen heute?
Da gilt es zunächst, mit einem Missverständnis aufzuräumen: Im sechsten Kapitel der Apostelgeschichte ist gar nicht von Diakonen die Rede. Dass dem Siebenerkreis um Stephanus so etwas wie ein Diakonenamt zugeschrieben wird, findet erst in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts statt. Diakonia heißt Dienst – und hier gleich zweimal: „Dienst des Tisches“ des Stephanus-Kreises und „Dienst des Wortes“ der zwölf Jünger. Das eine bezeichnet die Sorge um bedürftige Witwen, das andere die Wortverkündigung. Diakonia meint hier also keineswegs nur karitative Tätigkeit.
Welche Aufgabe hatten die ersten Diakone dann?
Wenn Diakone – bei Paulus auch Diakoninnen – erwähnt werden, geht es wohl um Gemeindeleitung. Das bezieht sich auf die Verwaltung des Geldes, aber Diakone waren auch Gesandte und Repräsentanten ihrer Gemeinde zu anderen Gemeinden, um dort zu berichten. Dem Wort nach ist ein Diakon ein für einen Dienst Beauftragter – und zwar neben den Episkopen, die später dann mit den Bischöfen identifiziert werden. Der Auftrag kommt zunächst von der Gemeinde, nicht vom Bischof.
Eine Unterordnung im dreigliedrigen Amt von Bischöfen, Priestern und Diakonen gab es also nicht?
Zumindest nicht in den neutestamentlichen Texten. Das kam erst später mit der Institutionalisierung und Organisation der Kirche. Das ist Folge einer sehr langen Entwicklung mit vielen Veränderungen.
Foto: privat
Wann begann das?
Zum Ende des zweiten und Beginn des dritten Jahrhunderts kam immer mehr die Frage auf, wer die Gemeinde leiten soll. Das wurde dann der Bischof, der damit auch der einzige Leiter der Gemeinden wurde. Man spricht von dem monarchischen Episkopat. Erst ab da ordnete sich ein Diakon dem Bischof unter. Je institutioneller die Kirche wurde, desto mehr haben sich dann solche Ämter herausgebildet, wie wir sie heute kennen.
Und wie sieht es mit den karitativen und mit den liturgischen Aufgaben für Diakone aus?
Die wurden im Lauf der Jahrhunderte immer präziser festgelegt. Die Witwenversorgung, wie sie in der Apostelgeschichte erwähnt wird, hat schon eine lange Tradition, auch im Judentum. Die liturgischen Aufgaben, etwa bei der Taufe, sind keineswegs nur Assistenz, sondern in manchen Texten eigenständige Aufgaben. Allerdings ist die Eucharistiefeier da ausgenommen. Die Hauptaufgabe war aber die Leitung.
Das klingt für heutige Ohren ungewohnt und etwas überraschend.
Ja, für Diakone, die sich mehr Einfluss in der Gemeinde wünschen oder auch für Frauen, die einen Zugang zum diakonischen Amt wollen, sind das spannende Texte.
Sie sagten gerade, dass Paulus aus den damaligen Gemeinden auch weibliche Diakone kannte?
Das Wort „diakonos“ kann je nach Artikel sowohl für Männer als auch für Frauen verwendet werden. Es gab sicher belegt Frauen mit dem Titel „Diakon“. Die waren möglicherweise auch in der Gemeindeleitung tätig. Die Protagonistin für weibliche Diakone war Phoebe, diakonos der Gemeinde von Kenchreae in der Nähe von Korinth, wie es im Römerbrief heißt. Sogar Paulus ordnet sich ihr unter und bezeichnet sie als seine „Patronin“ – was auch immer das konkret heißen mag. Auf jeden Fall hatten Frauen – auch etwa Iounias oder Lydia – eine starke Stellung in den paulinischen Gemeinden.
Das hat sich dann aber geändert …
Es gibt eine syrisch überlieferte Kirchenordnung aus dem dritten Jahrhundert, in der die Diakoninnen mit einem eigenen Amt gegen Witwen abgegrenzt werden. Witwen waren oft nicht nur Frauen, die ihre Männer verloren hatten, sondern vielen von ihnen kamen eigene Aufgaben zu, etwa in der Caritas oder im Gebet. Diakoninnen dagegen wurden klar dem Bischof untergeordnet und damit zwar mit einem eigenen Amt ausgestattet, aber eben domestiziert. Die großen ökumenischen Konzilien haben das dann nach und nach ausgestaltet, aber es ist unumstritten, dass es ein Diakonenamt für Frauen gab. Was das für heute bedeutet, bleibt aber offen.
Welche Aufgaben hatten Diakoninnen?
Bei den Erwachsenentaufen waren sie oft assistierend tätig, wenn es um Ganzkörpersalbungen bei Frauen ging. Das ist dann auch eine liturgische Aufgabe. Ein anderes Beispiel sind Hausbesuche in Haushalten, in denen es für Männer anstößig gewesen wäre, sie zu betreten – etwa, weil Nichtchristen dazugehörten.
Wo gibt es heute in der christlichen Ökumene Diakoninnen?
Koptische Christen pflegen das Amt schon lange wieder. Die griechische Orthodoxie diskutiert es. Dabei geht es dann nicht nur um eine karitative, sondern auch um eine liturgische Rolle in den Gemeinden. Der orthodoxe Patriarch von Alexandrien hat kürzlich sogar eine entsprechende Weihe durchgeführt. In der frühen Kirche ist nicht einheitlich geregelt, ob es eine Handauflegung oder gar eine Weihe für Frauen in diese Ämter geben soll.
Wo sehen Sie als Historiker die Lehren aus dieser Geschichte?
Die Kirchen sind heute in einer großen Umbruchsphase; das bezieht sich nicht nur auf den Personalmangel, sondern auch auf Gemeindestrukturen. Da sollte man überlegen: Was ist theologisch möglich und historisch sogar schon erprobt? Es gab Zeiten, in denen weder die Gemeindeleitung durch Diakone noch die Einsetzung von weiblichen Diakonen theologisch ein Problem war; die damaligen Zeitumstände förderten es sogar. Vielleicht ist es heute in Europa wieder an der Zeit, darüber auch in der katholischen Kirche ernsthaft nachzudenken.
Zur Person
Andreas Müller studierte Evangelische Theologie in Bethel, Bern und Heidelberg und Orthodoxe Theologie in Thessaloniki. Er ist Professor für Kirchen- und Religionsgeschichte des 1. Jahrtausends an der Universität Kiel