Sant'Egidio
Ehrenamtliche im Ukrainekrieg: „Es hilft einem, etwas für andere zu tun“
Foto: imago/Abacapress (Wärmezelt)
In der kriegsgeschüttelten und bitterkalten Ukraine suchen viele Menschen Schutz in Wärmezelten.
Russische Drohnen haben in den vergangenen Wochen gezielt Kraftwerke und die Stromversorgung in Kiew zerstört. Dieser Winter ist ungewöhnlich kalt. Wie geht es den Menschen in der ukrainischen Hauptstadt?
Seit Anfang Januar haben viele keine Heizung und kein Licht. Viele Häuser haben kein Wasser, sodass die Menschen nicht einmal die Toilette benutzen können. Es wird immer schlimmer. Es ist sehr kalt und die Menschen konzentrieren sich aufs Überleben.
Wie können Sie ihnen helfen?
Jeden Abend verteilen wir Essen, heißen Tee und Kleidung an obdachlose Menschen, die in U-Bahn-Stationen leben. Vor zwei Tagen haben wir erfahren, dass zwei von ihnen an der Kälte gestorben sind. Sant’Egidio hat in Kiew auch humanitäre Zentren, in denen wir Lebensmittelpakete, warme Kleidung und andere Dinge wie Powerbanks an die Leute verteilen, damit sie wenigstens ihre Handys aufladen können. Vor allem an Binnenvertriebene, denn sie sind besonders gefährdet.
Warum brauchen vor allem sie die Unterstützung?
Sie leben weit weg von zu Hause, haben Mietkosten, die sie vielleicht zuvor nicht in dieser Höhe hatten. Oft haben sie auch keine Arbeit. Ich habe eine alte Frau getroffen, eine Binnenvertriebene. Sie kam zu uns, um ein Lebensmittelpaket für den Monat abzuholen, und sagte: „Ich teile mir die Kekse ein: drei Stück für jeden Tag. Aber heute freue ich mich, weil ich das neue Paket von euch bekommen habe. Für heute habe ich sechs Kekse.“ Viele Seniorinnen und Senioren leiden Hunger und essen nicht genug. Sogar jüngere Menschen haben kein Geld für notwendige Dinge. In diesem Winter hörte ich von Familien: „Wir können nicht rausgehen, weil wir keine Winterschuhe haben.“
Sant’Egidio lädt Menschen in ihre humanitären Zentren ein. Können sie sich dort aufwärmen?
In den Zentren ist es nicht wärmer als woanders. Es ist auch für uns nicht einfach, Lösungen für Heizung und Strom zu finden. Die Stadt hat an einigen Orten große Zelte organisiert, wo die Menschen sich aufwärmen und ihre Handys aufladen können. Viele vermeiden es aber wegen der Kälte, nach draußen zu gehen. Das ist ein großes Problem.
Warum?
Die Leute brauchen natürlich humanitäre Hilfe, aber sie brauchen auch Kommunikation und das Gefühl von Solidarität. Viele Menschen haben nicht nur ihre Häuser verloren, sondern auch ihre Kontakte. Ihre Ehemänner oder Söhne wurden an der Front getötet. Sie haben Freunde verloren. Sehr oft sagen sie: „Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann.“ Ältere Menschen können ihre Häuser nicht verlassen, weil die Aufzüge nicht funktionieren. Einige sagen: „Niemand kümmert sich um mich.“ Die Freiwilligen von Sant’Egidio versuchen, so viele wie möglich zu besuchen. Aber auch junge Menschen sind betroffen. Gerade, wenn sie von zu Hause aus arbeiten. Sie sagen dann: „Ich habe keinen Grund rauszugehen. Ich habe niemanden, mit dem ich reden kann.“
Es geht also auch darum, nicht depressiv zu werden.
Die Menschen sind sehr widerstandsfähig. Aber sie konzentrieren sich aufs Überleben. Wenn sie um 2 Uhr nachts Strom bekommen, stehen sie auf und kochen Essen, weil sie nicht wissen, wann sie wieder Strom haben werden. Selbst wenn sie nicht geschlafen haben, gehen sie am nächsten Morgen zur Arbeit. Auf den ersten Blick scheint das Leben normal zu sein, aber viele Menschen sind zerbrochen. Sie sind wie gelähmt.
Woran können Sie das erkennen?
Wir sehen alle Arten von Traumata und Leiden in unseren Zentren. Als ich mit einer Frau sprach, erhielt sie die Nachricht, dass ihr Haus gerade zerstört wurde. Andere erfahren, dass jemand getötet wurde. Es hört nicht auf. Verzweiflung und Angst liegen in der Luft. Man kann es spüren. Die Leute haben die Vorstellung, dass es morgen schlimmer wird als heute.
Wie können Sie ihnen helfen, mit dieser Verzweiflung umzugehen?
Unsere Freiwilligen laden die Menschen in die Zentren ein, damit sie Kontakt mit anderen haben. Sie ermutigen sie sogar dazu, bei uns mitzumachen, sich bei uns zu engagieren. Es hilft einem selbst, etwas für andere zu tun. Es bewahrt einen davor, den Verstand zu verlieren.
Wer nimmt Ihre Einladung an?
Meist sind es junge Menschen oder Senioren, die sich in der Zeit des Krieges uns angeschlossen haben. Auch ehemalige Kriegsgefangene kommen und engagieren sich. Wenn sie zurück in der Ukraine sind, haben sie oft niemanden und nichts. Einige sagen: „Ich sehe jetzt einen Sinn in meinem Leben.“ Das ist eine wichtige Erfahrung für uns alle, dass wir keine Opfer sind.
Was bedeutet das?
Nach einem Angriff oder in schwierigen Situationen habe ich selbst die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, zu spüren, dass man nicht hilflos ist. Ich kann etwas tun, auch wenn es nur etwas Kleines ist. Ich bin weiterhin die Handelnde in meinem Leben. Bei Sant’Egidio ist es sehr wichtig, das Herz mit Glauben, Liebe und Mitgefühl zu füllen, damit nicht der Hass darin einzieht. Das hilft, die Hoffnung zu behalten. Hoffnung ist kein blinder Optimismus, sondern das Verständnis, dass das Böse nicht siegen wird. Vielleicht noch nicht heute, aber in der Zukunft.