Wertvolles Schriftstück

Ein alter Brief löst Emotionen aus

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Ein besonderes Schriftstück aus dem Jahr 1941 ist jetzt in der Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“ zu sehen: ein Brief des früheren Bischofs von Münster, Kardinal von Galen, an den Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning. Er zeigt das Ringen von Galens zwischen dem Gehorsam seiner Kirchenleitung gegenüber und dem eigenen Gewissen.


Ein wertvolles Dokument: Georg Wilhelm (links) und Thomas Flammer begutachten den Brief, den der münstersche Bischof von Galen 1941 an den Osnabrücker Bischof schrieb. | Foto: Matthias Petersen

Auf den ersten Blick sind es nur vier leicht vergilbte Seiten Papier, mit Schreibmaschine getippt, versehen mit handschriftlichen Anmerkungen. Mit spitzen Fingern blättert Thomas Flammer die Seiten um – der Kirchengeschichtler aus Münster weiß genau, was er da vor sich hat: „Ja, das hat er wirklich selbst geschrieben“, sagt er und seine Stimme klingt ein wenig erfürchtig.

Er, das ist der frühere Bischof von Münster, Kardinal von Galen, der 1941 flammende Predigten gegen die Euthanasiegesetze der Nationalsozialisten hielt und der kurz zuvor dem Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning schrieb. „Offenbar ist der Brief auch nicht durch das Sekretariat gegangen, sehen Sie nur, die vielen Tippfehler“, fügt der Professor an den Osnabrücker Bistumsarchivar Georg Wilhelm gerichtet hinzu. Der Brief wird Bestandteil einer Ausstellung, die in diesen Tagen in Münster eröffnet wird. An fünf Orten geht es um „Frieden. Von der Antike bis heute“, Flammer sammelt derzeit die Exponate ein – darunter auch die Tiara Papst Paul VI.

Der Brief trägt das Datum 26. Mai 1941, als Eingangsstempel ist der 21. Juni des gleichen Jahres zu erkennen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Schriftstück dem Osnabrücker Bischof persönlich übergeben wurde und dass der ihn erst nach einer gewissen Zeit in die Ablage gab: „Ad acta“ hat er handschriftlich hinzugefügt. Was macht das Schriftstück so besonders?

„Der Brief zeigt das Ringen von Galens zwischen dem Gehorsam seiner Kirchenleitung gegenüber und dem eigenen Gewissen“, sagt Flammer. Von Galen schreibt seinem Osnabrücker Amtsbruder, wie unzufrieden er ist mit der offiziellen Haltung der Kirchen­oberen gegenüber den Nationalsozialisten, dass er nicht länger stillhalten wolle, gleichwohl wolle er andere Bischöfe nicht bloßstellen. Bei dem einflussreichen Wilhelm Berning erhofft er sich offenbar Unterstützung.

Wenige Wochen später hat von Galen für sich eine Entscheidung getroffen und beginnt mit der Reihe der Predigten, in denen er sich offen gegen die Nazis stellt. Dabei wird er sich auch auf sein Gewissen berufen. „Die drei Predigten kann man nicht verstehen, wenn man nicht um das Ringen weiß, das von Galen durchgemacht hat“, sagt Kirchengeschichtler Flammer. (pe)