Projektgruppe eröffnet Marienklause und Ausstellung
Ein neuer Glaubensort in Beesten
Foto: Andreas Eiynck
Mit Türmchen und Glocke: Die neue Marienklause in Beesten lädt ein zu Gebet und Information.
Rote Backsteinklinker, Eichenbalken, ein Glockentürmchen samt Kreuz und innendrin eine Madonna: Die neue Marienklause an der Poggerie in Beesten kann sich sehen lassen. Sehr zufrieden stehen Christian Lonnemann, Franz Weßling und Andreas Eiynck vor dem Gebäude, das dank viel Unterstützung, Spenden und helfenden Händen in den vergangenen Wochen im südlichen Emsland entstanden ist. Und ein wenig stolz darf der eigens dafür gegründete Verein auf sein Werk sein. Denn nicht mehr oft werden Wegekreuze oder Mariengrotten in dieser Zeit noch komplett neu gebaut. Für Lonnemann, Initiator des Projektes und Kreisarchivar in der Grafschaft Bentheim, war und ist es ein lang gehegter Herzenswunsch. „Ich bin wirklich froh, dass wir das geschafft haben“, sagt der Historiker und sieht darin einen „neuen Glaubensort für alle, die hier unterwegs sind“. Das kann Franz Weßling vom Kirchenvorstand der St.-Servatius-Gemeinde nur bestätigen.
Die "Notkirche" für die Beestener Katholiken
Ein Herzensprojekt ist die neue Kluse für die Beestener auch, weil sie auf historischem Boden errichtet worden ist. Hier stand von etwa 1729 bis 1825 eine „Notkirche“ für die Beestener Katholiken. Deren Geschichte hat Andreas Eiynck, Mitglied im Osnabrücker Katholikenrat und früherer Leiter des Lingener Emslandmuseums, gerne erforscht. Die Ergebnisse seiner Recherche können die Gäste nun auf großen Tafeln in einem Info-Pavillon direkt hinter der Kluse lesen und sehen. Dabei erfahren sie von einem Kapitel regionaler Geschichte, das sicher noch nicht alle kennen, denn kaum eine andere Region in Deutschland wurde ab dem 17. Jahrhundert durch den häufigen Wechsel der Konfessionen so geprägt wie die ehemalige Grafschaft Lingen.
„Stürmische Zeiten und scheinbar ausweglose Situationen hat es für die katholische Kirche auch in der Vergangenheit immer mal wieder gegeben. Das ging damals hin und her“, bringt Andreas Eiynck diesen „Kampf um den rechten Glauben“ auf den Punkt. Der begann 1633, als die Niederländer die Grafschaft Lingen besetzten – mit der Folge, dass die reformierte Kirche offizielle Staatsreligion wurde. Und es gab in den folgenden Jahren weitere Konsequenzen. Alle katholischen Geistlichen wurden ausgewiesen, reformierte Prediger übernahmen Kirchen und Pfarrhäuser, Katholiken durften nicht mehr in öffentliche Ämter gewählt werden. „Im Grunde war das komplette öffentliche katholische Leben verboten“, erzählt Eiynck und zeigt auf ein Hofkreuz, das ein paar Meter weiter an der Poggerie steht. „Wäre damals nicht erlaubt gewesen und bestraft worden.“ Zwischendurch gab es immer mal wieder Versuche etwa des Bischofs von Münster, reformierte Geistliche und Beamte zu vertreiben – letztlich aber ohne Erfolg.
Damit die Katholiken weiter Gottesdienst feiern konnten, bauten alle 14 Gemeinden der Grafschaft Lingen ab 1675 direkt hinter den Landesgrenzen in den Bistümern Münster und Osnabrück „Notkirchen“: meist ganz einfache, bescheidene Gebäude. Die Beestener fanden Unterschlupf in einer Scheune auf dem Hof Luster in Rüschendorf bei Hopsten. „Für die Messen sind sie bei Wind und Wetter jeweils 15 Kilometer hin- und zurückgelaufen“, sagt Eiynck. Erst ab dem 18. Jahrhundert, als die Grafschaft an Preußen fiel, durften die Katholiken am Rand ihrer Dörfer wieder kleine Kirchen bauen, die aber nicht wie eine solche aussehen durften: ohne Turm und Glocke, ohne Orgel und Kreuz auf dem Dach, ohne Prozessionen.
Marienklause an der Poggerie
Die Beestener holten ihre „Notkirche“ um 1728/1729 aus Rüschendorf zurück – an die Poggerie auf ein Grundstück, das heute zum Hof Lonnemann gehört. „Die war gar nicht so klein“, sagt Franz Weßling. Etwa 100 Jahre feierten die Katholiken dort ihre Gottesdienste, bis sie 1825 wieder ihre alte Kirche im Ortskern nutzen durften. Die neue Verwaltung des Königreichs Hannover hatte mittlerweile erkannt, dass die kirchliche Situation in der Grafschaft Lingen unhaltbar war, und regelte den Status neu – die Rechte der drei großen Konfessionen wurden gleichermaßen anerkannt. Nach 1825 wurde die „Notkirche“ abgebrochen und an ihrer Stelle bauten die Beestener eine bis in die 1970er Jahre hinein genutzte Marienkluse.
Christian Lonnemann und Franz Weßling fühlen sich mit dieser Grotte eng verbunden. „Meiner Oma war immer ganz wichtig, dass die gepflegt aussah und dort frische Blumen standen“, erzählt Lonnemann. Dass bis auf einen 1992 vom Heimatverein errichteten Gedenkstein in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr viel an dieses besondere Kapitel Beestener Geschichte erinnert, hat den Kreisarchivar lange umgetrieben. Und er ist sichtlich froh, dass er viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter gefunden hat, die sich mit ihm für die neue Marienkluse samt Info-Pavillon stark gemacht haben. Angefangen vom emsländischen Landrat als Schirmherr über die Kommune und Kirchengemeinde bis zu Stiftungen, örtlichen Firmen, privaten Spendern und Sponsoren. Auch die Europäische Union hat über ein Förderprogramm das Projekt unterstützt. „Hier in Beesten hat sich eine ganze Dorfgemeinschaft eingesetzt für ein Projekt, das Glauben, Geschichte und Gegenwart verbindet“, lobt Eiynck die Initiative. „Das war eine echte Gemeinschaftsleistung.“
Wer hier künftig als Einwohner, Wanderer oder Radfahrer ankommt, kann anhalten und sich hinsetzen. Kann sich nach der Pause im hinteren Teil die Ausstellung zur Kirchengeschichte anschauen, vorn eine Kerze entzünden und vielleicht ein Gebet sprechen. Die Gäste stehen dabei tatsächlich auf historischem Fundament – „auf unserer Geschichte“, wie Franz Weßling sagt. Einige Bodenfliesen stammen noch aus der früheren "Notkirche", andere Teile aus der mittelalterlichen Dorfkirche. Wie die Altarplatten, in die eine Nische für Reliquien, ein Kreuz und eine Marienplakette eingelassen ist. Bei der Segnung der Marienkluse werden diese Objekte dort eingemauert. Außerdem gibt es alte Steine mit einem Christussymbol und Kreuzen, die Zeugnis von einer lang gelebten Glaubenspraxis ablegen.
Eine Madonna von Ludwig Nolde
Bei der Segnung am 21. Juni werden die Gäste zum ersten Mal auch das Zentrum der Grotte sehen – eine Schutzmantel-Madonna des Künstlers Ludwig Nolde (1888–1958). Nach dem Ersten Weltkrieg hatte er ein Atelier in seiner Heimat Osnabrück eröffnet, aber seine oft expressionistisch anmutenden Skulpturen waren weit über die Stadt hinaus im ganzen Bistum bekannt. Das Diözesanmuseum stellt dem Beestener Verein eine seiner Marienfiguren für die neue Klause zur Verfügung. Dafür sagen die Beestener ganz herzlich „Danke“, denn damit wird das kleine Backsteinhaus an der Poggerie tatsächlich zu einem Glaubensort für Einkehr und Gebet.
Die Marienklause steht an der Poggeriestraße in Beesten im südlichen Emsland und wird am 21. Juni bei einer ökumenischen Feier gesegnet. Sie ist jederzeit zu besichtigen und kann auch für Andachten, Meditationen und ähnliche Veranstaltungen genutzt werden. Der Verein Historische Marienkluse Beesten bietet zudem Führungen an. Infos per Mail: marienkluse-poggerie@web.de