Friedensarbeit
Einfach keine Feinde sein
Foto: Hans-Joachim Kohl
Judith Samson zeigt, wohin ihre Reise ging.
Judith Samson, angehende katholische Religionslehrerin in Hamburg, war jüngst knapp drei Wochen vor Ort auf der Farm im Westjordanland zwischen Nahalin und Betlehem. Sie hat Judaistik, Religionswissenschaften und Interkulturelle Germanistik studiert. Derzeit unterrichtet sie an der Volkshochschule Deutsch für Flüchtlinge.
Auf einem Hügel bewirtschaftet die christlich-palästinensische Großfamilie Nassar eine weitläufige Farm. Dort wird Wein angebaut, es gibt Oliven- und Feigenbäume. Weil sie von israelischen Siedlern immer mehr bedrängt wird, hat Familie Nassar das „Zelt der Nationen“ gegründet und wirbt um internationale Unterstützung für ihr Friedensprojekt. Die Maxime „Wir weigern uns Feinde zu sein“ wird dort gelebt. „Die Familie Nassar besitzt die Farm seit den Zeiten ihres Großvaters“, erzählt Samson, „der hat sie 1916 zur Zeit des Osmanischen Reichs gekauft und ist einer der wenigen Palästinenser, die schriftliche Urkunden besitzen, die auch nochmal von den Briten und im Jordanischen Reich und von israelischen Gerichten bestätigt wurden“. Trotzdem sind sie einem jahrzehntelangen Rechtsstreit mit dem israelischen Staat ausgesetzt.
Es gibt viel Arbeit auf der 42 Hektar großen Farm. Freizeiten für Kinder soll es nach dem Krieg wieder geben. Es gehe darum, „ihnen Orte zu schenken“ – Orte für Freiräume, wo sie unbeschwert sein können, spielen und ihren Emotionen Raum lassen können. „In einer Umgebung, die sonst durch Armut, durch einen Überlebenskampf und durch eine Perspektivlosigkeit geprägt ist. Da ist es sehr schwer, eigentlich fast unmöglich, unbeschwert Kind zu sein.“
Unterbringung in Naturhöhlen
Bei ihrem Besuch hat Judith Samson auf der Farm mitgearbeitet. „Besonders wichtig war es in der heißen Sommerzeit sich um die Bewässerung der noch jungen Olivenbäume zu kümmern.“ Daoud Nassar plane neue Orte auf dem Gelände zu schaffen, so werde etwa der derzeit am Rand des Grundstücks gelegene Spielplatz für Kinder verlegt, weil israelische Siedler gleich daneben Häuser gebaut haben. „Daoud Nassar selbst darf keine ‘überirdischen Häuser’ bauen lassen“, sagt Samson, „deswegen sind wir alle in Naturhöhlen unter der Erde untergebracht gewesen. Die bieten eine gute Unterkunftsmöglichkeit für die Freiwilligen dort.“
Vor einigen Jahren wurden von Israelis über tausend Olivenbäume zerstört, genauso schon zu Zeiten des Vaters der Familie Nasser Aprikosenbäume kurz vor der Ernte. Danach kamen englische und später amerikanische Juden. Sie sagten, dass das nicht in ihrem Namen geschehen sei und pflanzten neue Bäume. Einen Dialog zwischen Palästinensern und Israelis gab es früher, seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 jedoch nicht mehr. „Das ist für beide Seiten extrem schwierig“, so Samson, sowohl für Palästinenser wie auch für Israelis, die sich für den Frieden einsetzen.
Wohl nur durch Dialog kann der Konflikt gelöst werden. „Wenn man das am eigenen Leib erlebt“, erinnert sich Judith Samson, „zu sehen, wie es in den palästinensischen Gebieten aussieht, diese marode Infrastruktur, diese Armut, diese Verzweiflung der Menschen: Das hat mich schon beschäftigt und ich denke, wir als Christen, so lese ich die Bibel, sind zum Einsatz für die Gerechtigkeit aufgerufen“.