Besuch in Deutschland - und zurück nach Kolumbien
Entwicklungshelferin Ulrike Purrer lebt zwischen zwei Welten
Foto: Adveniat/Mareille Landau
Ulrike Purrer im Gespräch mit einem kleinen Jungen.
Diese Ruhe! Jede Nacht kann Ulrike Purrer neuerdings durchschlafen. Nie wird sie gestört. Bis Mai hat Purrer in Tumaco gelebt, in einer Hafenstadt an der Pazifikküste im Süden Kolumbiens. Dort, so erzählt sie, sei es immer laut gewesen: Musik dröhnte, Motorräder röhrten, Hunde bellten, Kinder schrien. Nun wohnt sie in Mecklenburg-Vorpommern, in einer Gartenlaube, die ihre Familie liebevoll ausgebaut hat. „Sehr erholsam“, sagt sie. „Ich genieße es.“
Die Entwicklungshelferin Purrer (49) lebt gerade zwischen den Welten. Sie ist aus Kolumbien für eine Auszeit in ihre alte Heimat zurückgekommen, aus einer Gegend voller Armut und Arbeitslosigkeit, Gangs, Gewalt und Drogenprobleme ins vergleichsweise reiche, sichere Deutschland. Und sie spürt, dass manches nicht mehr so ist wie damals, als sie es verlassen hat.
In Tumaco hat sie seit 2012 mit Unterstützung des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat ein Jugendzentrum aufgebaut und in einer Holzhütte gelebt. Sie ist geblieben, als andere Helfer gingen – als Corona kam und als die Gewalt eskalierte. Sie hat erschossene Menschen in ihrem Blut liegen sehen und versucht, härter zu werden: „Sonst dreht man durch. Sonst hält man das nicht aus.“
Purrer hat viel gelernt, übers Leben und Sterben und darüber, was wirklich wichtig ist. Sie hat mit ihrem Leitungsteam das Centro Afro geschaffen – einen Ort, der Jugendlichen Perspektiven schenkt. Einen Ort des Friedens und des Vertrauens. Dort wird gelacht und getanzt, gerappt, geredet und gebetet. Im Laufe der Zeit, erzählt Purrer, hätten die Jugendlichen immer mehr Verantwortung übernommen. Sie hätten angefangen, in Vorstandssitzungen ihre Vorschläge zu hinterfragen und zu überstimmen, und sie hätten eigene Ideen eingebracht: „Das fand ich großartig.“
Wege ohne die Obermutti
Als sie nun ging, schmerzte sie das sehr, denn die Menschen dort waren für sie wie eine Familie geworden. Aber sie merkte auch, dass der Abschied richtig war: „Da ist so ein tolles Team entstanden. Die hatten jetzt ein Recht darauf, eigene Wege zu gehen, eigene Fehler zu machen und ohne die Obermutti aus Deutschland weiter zu funktionieren.“
Mit Stolz liest sie in den WhatsApp-Nachrichten und E-Mails, die sie alle paar Tage aus Tumaco bekommt: Ihr Plan geht auf. Und während ihre Gedanken noch oft um Kolumbien kreisen, versucht Purrer, in Deutschland anzukommen. Sie hat hier ihre Eltern, Geschwister, Nichten und Neffen. Aber sie hat keine eigene Wohnung, kein Auto, kein Rad. Sie sagt: „Ich bin überall nur zu Gast.“ Doch nicht nur deshalb sieht sie ihre alte Heimat jetzt mit neuen Augen.
In Tumaco, so erzählt Purrer, war der nächste Buchladen mehr als 500 Kilometer entfernt. In Deutschland findet sie selbst in kleinsten Orten eine Bibliothek, in der sie kostenlos Bücher ausleihen kann. „Ein wahnsinniger Luxus“, sagt sie. In Tumaco hatte Purrer in ihrer Hütte kein fließendes Wasser; in Deutschland sieht sie, wie Trinkwasser die Toilette runtergespült wird. In Tumaco gab es keine Bahn; in Deutschland gibt es eine – und doch hört sie ständig Klagen über Ausfälle und Verspätungen.
Purrer betont, sie wolle nicht besserwisserisch klingen, nicht wie die heldenhafte Helferin aus dem Slum, die den wohlstandsverwöhnten Deutschen die Welt erklärt. Sie sieht sehr wohl, dass vieles hier nicht funktioniert, wie es soll: die Bahn, das Gesundheitssystem, die Schulen. Aber sie sieht eben auch traumhafte Radwege, transparent arbeitende Behörden und einen Sozialstaat, der Härten abfedert. Und sie fragt sich, warum so viele Menschen so unzufrieden sind.
„Ich empfinde die Gesellschaft als sehr aufgewühlt“, sagt sie. Anders als früher, vor ihrem Weggang nach Tumaco, gebe es heute Themen, die spalten und sogar Freundschaften zerstören können. Vor allem: Migration. Sie sagt, sie würde sich wünschen, dass die Menschen wieder lernen, besser miteinander zu diskutieren und abweichende Meinungen auszuhalten. Vielleicht, weil sie in Kolumbien erlebt hat, wie sich auch krassere Gegensätze versöhnen lassen.
„Das ist immer sehr trubelig“
Die Auszeit in Deutschland tue ihr gut, sagt Purrer. Nicht nur, weil sie ihr neue Perspektiven schenkt. Sondern auch, weil sie endlich wieder Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden verbringen kann, die sie so lange nicht gesehen hat. Und weil sie kürzlich für eine Woche nach Luzern gereist ist, um an der Universität ein Blockseminar in Missionswissenschaft zu geben. Dozentin ist sie dort schon vorher gewesen; aus Kolumbien hat sie virtuell unterrichtet – da fand sie es spannend, die Studierenden mal live zu treffen.
Nun aber freut sie sich erst mal auf ein richtig deutsches Weihnachten, mit Tannenbaum, Gottesdienst und Hausmusik. „Wir sind eine große Familie und das ist immer sehr trubelig“, sagt Purrer. „Das wird schön.“
Am 5. Januar fliegt sie dann wieder nach Kolumbien. Diesmal nach Cartagena, an die Atlantikküste im Norden des Landes. Sie wird dort in einem Pfarrhaus mit drei Jesuiten leben. Ihre Mission: die schwarze Bevölkerung stärken, damit sie sich im Leben behaupten kann und nicht abgehängt und ausgebeutet wird. Wie ihre Arbeit genau aussehen wird, das muss sie zusammen mit den Jesuiten entwickeln: „Das finde ich total spannend.“
Ob sie wieder 13 Jahre bleibt? „Mal sehen“, sagt Purrer. „Ich bin jedenfalls guter Dinge, dass mein Einsatz dort gelingt.“ Zumal sie all die Erfahrungen aus Tumaco mitnimmt: „Die trage ich wie einen Schatz in mir. Die kann mir keiner nehmen.“