Der ehemalige CSU-Vorsitzende im Gespräch

Erwin Huber über Klimaschutz: „Ich predige nicht nur Verzicht“

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Erwin Huber
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Foto: pa/Armin Weigel 

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Offen für Neues: Erwin Huber (79), der frühere CSU-Chef, hat die Herbstklausur der bayerischen Grünen-Landtagsfraktion besucht.
 

Früher war Erwin Huber Vorsitzender der CSU. Heute ist er ein engagierter Klimaschützer. Hier erzählt er, was seine Enkel, sein Studium im Alter und ein Papst damit zu tun haben, warum Christen an der Spitze der Klimabewegung stehen sollten – und wie er für das Thema begeistern will.

Was hat Sie da dazu bewegt, mit Mitte 70 ein Philosophiestudium zu beginnen?

Ich habe damals meine politische Tätigkeit im Bayerischen Landtag nach 40 Jahren beendet und mich gefragt: Wie könnte ich den Geist in Bewegung halten? Philosophie hat mich immer fasziniert, also habe ich mich an der Münchner Hochschule für Philosophie eingeschrieben.

Und? Wie war’s? 

Das Studium war für mich ein großer Gewinn. Vor allem, weil ich mit jungen Leuten diskutieren konnte. Sie waren gegenüber alten, weißen Männern wie mir sehr offen und tolerant. Ich habe jetzt ein anderes Jugendbild als vorher. Ich habe eine junge Generation kennengelernt, die engagiert ist, empathisch, hochintelligent. 

Sie sind im Studium auch einem Aktivisten der Letzten Generation begegnet. Wie hat Sie das geprägt?

Ich habe ihn gefragt, was ihn dazu bewegt. Er hat gesagt: „Man muss doch was tun. Man kann die Klimakrise nicht einfach laufen lassen, bis die Erde unbewohnbar wird.“ Also hat er sich mit anderen auf die Straße geklebt. Dafür musste er Weihnachten und Neujahr im Gefängnis verbringen. 

Und? Wie war das für ihn?

Er sagte: „Das war gar nicht so schlimm. Ich habe viele Bücher dabeigehabt und hatte da eine ruhige Zeit.“ Da habe ich gemerkt: Dieser junge Mensch ist kein Staatsfeind. Der will keine Revolution. Er hat lautere Motive, ganz im Sinne von Laudato si, der großen Enzyklika von Papst Franziskus. Sein Engagement hat mir Respekt abverlangt.

Hat sich durch die Begegnungen mit ihm Ihre Haltung zur Klimakrise geändert?

Meine Haltung zum Klimathema hat sich tatsächlich radikal verändert. Im Vergleich zu vor zehn Jahren bin ich ein engagierter Klimaschützer geworden. Das hat im Wesentlichen drei Ursachen. Erstens die Begegnungen an der Hochschule. Zweitens das Studium von Laudato si. Und drittens der Blick auf meine fünf Enkel. Sie haben eine Lebenserwartung, die statistisch gesehen bis zum Jahr 2100 geht. Und ich möchte, dass sie ein gutes, ein erträgliches Leben führen können.

Was tun Sie dafür?

Wir haben eine Wärmepumpe und eine Photovoltaikanlage. Und ich fahre heute sehr viel mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln als früher. Ich bemühe mich, einen Beitrag zu leisten. Die Klimaziele zu erreichen, ist eine riesige Aufgabe, und manchmal bedauere ich, dass die C-Parteien den Klimaschutz zu wenig auf der Agenda haben.

Inwiefern hat Laudato si Sie geprägt? 

Ich habe selten ein Werk gelesen, das mich so nachhaltig beeindruckt hat wie dieses. Es ist getragen von der Verantwortung des Christen, die Schöpfung zu bewahren. Ich würde mir wünschen, dass diese Verantwortung im katholischen Alltag noch stärker zum Ausdruck kommt. Eigentlich müssten die Christen an der Spitze der Klimabewegung stehen.

Wie ließen sich mehr Menschen davon überzeugen, ihren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten? Zum Verzicht etwa auf Flugreisen sind die wenigsten bereit.

Ich habe auch nicht die perfekte Idee. Aber ich vermute, das Predigen eines starken Verzichts ist in einer Wohlstandsgesellschaft aussichtslos. Totale Askese muss auch nicht sein. Es geht um eine graduelle Veränderung unseres Lebensstils. 

Wie meinen Sie das?

Ich sage: Ich muss nicht völlig auf Fleisch verzichten, aber ich könnte ein bisschen weniger Fleisch essen. Oder: Ich könnte ein bisschen weniger mit dem Auto fahren und dafür ein bisschen mehr mit dem Zug. Ich predige aber nicht nur Verzicht, ich führe den Menschen auch die wirtschaftlichen Vorteile eines klimafreundlichen Lebensstils vor Augen. 

Welche?

Wenn mich jemand fragt, warum er sein Haus mit einer Wärmepumpe heizen soll, sage ich: „Wenn du nichts machst, wird dein Haus in 20, 30 Jahren deutlich weniger wert sein.“ Es wird heute schon beim Immobilienmakeln auf den Energiewert geachtet – und das wird noch zunehmen. 

Hätten Sie in Ihrer Karriere als Politiker beim Klimaschutz anders handeln müssen?

Ich hatte vor 10, 20 Jahren nicht das Maß der Erkenntnis, das ich heute habe. Ich bin aufgewachsen in einem Autoland – und in einem Autolandkreis, in der Nähe von Dingolfing, wo BMW sein größtes Fahrzeugwerk in Europa hat. Das hat mich geprägt. Zeit meines politischen Lebens bin ich sehr stark für den Straßenbau eingetreten. Die Benachteiligung der Schiene gegenüber den Straßen gehört zu den großen Schwächen meines politischen Lebens. 

Mal angenommen, Sie wären jetzt noch mal 20 Jahre jünger und aktiver Politiker. Was würden Sie fürs Klima tun?

Ich würde mich mehr um Klimaschutz kümmern. Ich würde mich dafür einsetzen, dass der Staat Anreize für ein klimafreundliches Umdenken der Bevölkerung schafft. Ganz praktisch: Ich halte die Tatsache, dass Deutschland 2023 aus der Förderung des E-Autos ausgestiegen ist, für eine Katastrophe. Und ich begrüße es, dass die Bundesregierung 2026 wieder eine Kaufprämie für E-Autos einführen will.

Interview: Andreas Lesch