Es gibt noch Schönes

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„Wenn man ein Kind im Wald aussetzt, wird es sich immer auf die Suche machen. Auch nach Gott.“ Dieser Satz seines Religionslehrers hat sich Fernando Capone eingeprägt. Auch ihn hat die Suche nach Gott nie losgelassen, selbst in der Zeit, als er den Bezug zur Institution Kirche verloren hatte. Von Julia Hoffmann.

Fernando Capone
Fernando Capone arbeitet als Rettungsassistent. Foto: Tobias Hub

Fernando Capone ist in zwei Welten aufgewachsen. Geboren in Deutschland, hat er in seiner Kindheit zeitweise in Italien gelebt, in einem 1000-Seelen-Dorf in Apulien. „Ich bin ein Re-Import“, scherzt er. Er wuchs im römisch-katholischen Glauben auf, ging zur Kirche, war mit neun Jahren als Messdiener aktiv. „Dann geschah etwas Schlimmes“, sagt er und wechselt zunächst das Gesprächsthema. Mit 16 Jahren ging er nach Deutschland. Das Erlebte hat dazu beigetragen, dass der 43-Jährige nun seit etwa 20 Jahren ununterbrochen in Deutschland lebt. 

Schließlich erzählt er doch davon: Fernando Capone hat schweren sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erlebt. Er engagiert sich in der italienischen Organisation „Rete L’Abuso“, in der sich Überlebende für die Aufklärung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche Italiens einsetzen. 

„Nach meinen Erlebnissen habe ich den Bezug zur Kirche komplett verloren und wollte mehr als 25 Jahre nichts mehr mit der Institution zu tun haben“, sagt er. Seine innere Suche nach Gott ging weiter. „Irgendwann hab ich es wieder gespürt“, sagt er. Und meint damit seinen Glauben an Gott. Für diesen Wandel gab es keinen äußeren Anlass, es war ein innerer Prozess. 

„Das war wie das Eintauchen in eine andere Welt“ 

Auf das Gefühl der inneren Suche reagierte Capone zunächst rational. Er beschäftigte sich theologisch und historisch mit verschiedenen Glaubensrichtungen. Stellte Vergleiche an. „Mein innerer Antrieb war immer da.“ 

Fernando Capone vor seinem Hausalltar
Die „heilige Ecke“ zu Hause in Sprendlingen. Foto: privat

Er lernte seine heutige Frau kennen und kam über sie mit der serbisch-orthodoxen Kirche in Kontakt. Gemeinsam mit ihr besuchte er zum ersten Mal eine Liturgie in Wiesbaden. „Das war wie das Eintauchen in eine andere Welt“, schwärmt er. 

Er war fasziniert von der Sinnlichkeit dieser Kirche. Der Weihrauch, die Gesänge, die Ikonen, all das begeisterte ihn sehr. „Obwohl ich nichts verstanden habe, hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, mitzubeten“, sagt er. Er war erstaunt: „Ich wusste nicht, dass es theologisch gesehen um die Ecke diese Kirche gibt.“ 

Während in Gottesdiensten, die er bis zu diesem Zeitpunkt besucht hatte, manchmal auf die Uhr geschaut wurde, spielt Zeitdruck in der orthodoxen Kirche keine Rolle. Ein Festtagsgottesdienst dauert zweieinhalb Stunden, die Gläubigen stehen während der gesamten Feier. Nur für Ältere gibt es ein paar Sitzgelegenheiten am Rand. Zu besonderen Ereignissen dauern die Gottesdienste auch mal fünf oder sechs Stunden. „Am Ende bin ich traurig, wenn es vorbei ist“, sagt Capone. Er spürt dort eine spirituelle Wärme, die er bis dahin vermisst hat. 

Auch das Fasten werde intensiver vollzogen, und das Gebet spielt seitdem auch in seinem Alltag eine große Rolle. 

Mit der Zeit machte er sich immer mehr mit dem für ihn neuen Glauben vertraut. Er lernte Kirchenslawisch, die Sprache der Liturgie und die kyrillischen Schriftzeichen kennen. 2014 ließ Capone sich serbisch-orthodox taufen. Sein Taufname ist Sava, das ist auch der Schutzpatron seiner Familie, zu der seine Frau und drei Kinder gehören. Sie beten viel zu Hause, morgens und abends, vor und nach dem Essen. 

Ob beten etwas bewirkt? „Es hilft uns dabei, gütiger zu werden und innerlich schöner“, ist er überzeugt. Das Gespräch zwischen Mensch und Gott vergleicht er mit Verliebten, die möglichst viel Zeit miteinander verbringen wollen. 

Das Gebet hat ihm auch dabei geholfen, seine Missbrauchserfahrungen zu verarbeiten. „Beten hilft mir dabei zu sehen, dass es auch noch etwas Schönes in der Welt gibt“, sagt er. 

Nicht bloß ein Stück Holz, sondern ein Fenster zum Himmel 

Ikonen sind ihm ebenfalls sehr wichtig. Sie sind für ihn die Bibel in Farbe, haben eine tiefe Bedeutung. „Sie sind für mich nicht bloß ein Stück Holz, sondern ein Fenster zum Himmel“, sagt er. 

Deshalb nimmt er sie überall mit hin. Auch zur Arbeit. Capone arbeitet als Rettungsassistent beim Deutschen Roten Kreuz in Ingelheim. Dort ist die Neutralität ein wichtiger Grundsatz. Wenn es die Arbeit nicht behindert, betet er je nach Schicht in der Pause auf der Wache. Seine Kollegen haben schon mitbekommen, dass ihm sein Glaube sehr wichtig ist. Sie akzeptieren das. „Wenn es einen Einsatz gibt, hat das natürlich Vorrang“, betont er. 

Auch im Umgang mit Patienten gilt das Neutralitätsgebot. Aber manchmal wird er von ihnen direkt auf seinen Glauben angesprochen oder kommt darüber beiläufig mit ihnen ins Gespräch. Vor allem mit Älteren, sagt er. Wenn eine ältere Patientin zum Beispiel mit ihm über Gott spricht, weiß er: „Wir sind alle in Gottes Hand.“