Weihe am 15. März im Hohen Dom
Joshy Pottackal wird Weihbischof in Mainz
Foto: Gertrud Wellner
Pater Joshy wird auch als Weihbischof im Mainzer Karmeliterkloster wohnen.
Sie hatten im November Bedenkzeit angefragt, um zu Ihrer Ernennung als Weihbischof zusagen zu können. Wie geht es Ihnen jetzt mit Ihrer Entscheidung?
Eine Woche hatte ich Bedenkzeit bekommen. Das war die turbulenteste Zeit meines Lebens. Eigentlich kann man so eine Lebensentscheidung nicht in einer Woche treffen. Ich habe auch über die Hintergründe nachgedacht: Warum ich? Dann habe ich ,Ja‘ gesagt und ich stehe dazu. Ich freue mich jetzt auf die Bischofsweihe und auf die Aufgabe. Es hat mir gutgetan, dass ich vor meiner Weihe in Exerzitien war. Die innere Freude ist da. Trotzdem bleiben Fragen und der Respekt vor dem Amt.
Sie sind sehr früh in den Karmeliterorden eingetreten, mit 15 Jahren. Haben Sie dort das gefunden, wonach Sie gesucht haben? Warum sind Sie so früh eingetreten?
Die einfache Antwort lautet: In Indien geht es nicht anders. Um es genauer zu erklären: Man muss in der Regel nach der zehnten Klasse oder spätestens nach der zwölften Klasse, nach dem Abitur, eintreten, sonst gilt man als spätberufen. Die meisten Orden nehmen keine Spätberufenen.
Also Sie mussten sich entscheiden: Wenn ich in einen Orden möchte, dann jetzt?
Ja, genau. Wenn man mit 15 in einen Orden eintritt, dann sagt man sich nicht: Ich liebe die karmelitanische Spiritualität und deswegen trete ich dort ein. So war das nicht. Eigentlich wollte ich Priester werden. Das war meine Intention. Im Orden habe ich den Karmel kennen- und liebengelernt. Für mich war es auch wichtig, in der Mission zu arbeiten. Dafür muss man in einen Orden eintreten. Warum der Karmeliten-Orden? Ich kannte den Orden durch meinen Bruder. Er ist vier Jahre älter als ich und war bereits dort. Und die Karmeliten hatten ihr Kloster eine knappe halbe Stunde Fahrt von unserem Ort entfernt. Wenn man mit 15 eintritt, ist es auch für die Eltern wichtig, in der Nähe zu sein.
Warum wollten Sie Priester werden?
Als Kind hatte ich zwei Wünsche: Ich wollte entweder Priester werden oder Pilot. Warum ich Pilot werden wollte, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war es das Fernweh. Priester zu werden, das stand für mich von den beiden Interessen aber im Vordergrund. Und als Priester in der Mission geht es ja auch darum, weit weg zu gehen.
Wie hat Ihr Weg Sie überhaupt nach Deutschland geführt?
Der Karmeliterorden ist sehr international, mit Ursprüngen im 12. Jahrhundert. Der Orden kam schon sehr früh nach Westeuropa. Die indische Provinz ist sehr jung und in den 1980er Jahren entstanden. Die deutsche Karmeliter-Provinz hatte damals die indische Provinz gegründet. Als ich 2004 nach Deutschland kam, war ich Mitglied der deutschen Provinz. 2007 sind die indischen Karmeliten eine eigene Provinz geworden. Daher bin ich seitdem Mitglied der indischen Provinz. In Deutschland gibt es nicht so viele Berufungen, die Mitbrüder werden immer älter, und die deutsche Provinz äußerte an die Tochterprovinz damals den Wunsch, Mitbrüder nach Deutschland zu schicken. Wir sind dann zu dritt ausgesucht worden und nach Deutschland gegangen. Wir waren im gleichen Jahrgang und wurden direkt nach der Priesterweihe gefragt, ob wir nach Deutschland kommen wollen.
Sie leben seit 22 Jahren hier. Was verbindet Sie noch mit Ihrer Heimat Indien?
Meine Familie lebt in Indien, meine Ordensprovinz ist dort. Heimat ist Heimat. Wenn man dort hingeht, muss man nicht überlegen, was man macht, man ist einfach zu Hause, die Sprache, die Kultur ...
… scharfes Essen.
Das habe ich mir mittlerweile abgewöhnt. Als ich nach Mainz ins Kloster kam, gab es kein scharfes Essen, denn hier wird ja wie auch woanders in Deutschland gegessen. Viel mehr Probleme hatte ich, Besteck zu benutzen, weil wir in Indien mit der Hand essen. Als ich ankam, gab es zufällig Spaghetti Bolognese, das war ich überhaupt nicht gewöhnt. Das musste ich erst einmal beobachten und habe nur etwas probiert. Zum Glück hatte ich zwei Tafeln Schokolade im Zimmer. (lacht)
Sie haben auch ihre geistlichen Wurzeln in Indien. Was haben Sie von der indischen Spiritualität mitgebracht?
In der Ordensausbildung ist es normal, dass man jeden Tag drei, vier Mal betet und Eucharistie feiert. In Indien gehört es selbstverständlich dazu, dass man morgens und abends jeweils eine halbe Stunde meditiert. Das kennt die europäische Tradition vielleicht so nicht. Diese stille Zeit zu haben, finde ich ganz wichtig. Zum Beispiel um Yoga als spirituelle Übung zu machen. In Deutschland wird Yoga von manchen Kreisen verteufelt. Eigentlich ist Yoga eine spirituelle Übung und gehört zu keiner Religion. Außer den Übungen ist dabei auch die Atmung zu beachten. Wir haben das so gelernt: Einatmen, ausatmen und dabei zum Beispiel den Satz „Jesus, ich liebe dich“ sprechen. Solche einfachen Sätze zu wiederholen, hat mir immer sehr gut gefallen. Deswegen finde ich Taizé-Gebete sehr schön, weil die Lieder wiederholt werden. In Indien hat sich mittlerweile der Katholizismus ein bisschen anders entwickelt, mit viel Lobpreis und Halleluja-Rufen. Das stammt aus der charismatischen Bewegung, die in den letzten 20, 25 Jahren sehr stark geworden ist. Dabei ist die Stille etwas verloren gegangen. Zum Glück habe ich vor dieser Zeit in Indien gelebt.
Ihr Wahlspruch lautet „Durch Vertrauen geführt“. Woher nehmen Sie dieses Vertrauen? Wenn Sie etwa an die Lage in Nahost denken?
Der Wahlspruch ist meine persönliche Erfahrung. Ich wollte Priester werden und bin in den Karmeliterorden gekommen. Das ist ein Zufall gewesen, weil ich die Leute kannte und auch mein Bruder dort ist. Aber es war gut. Es hat für mich gepasst. Auch die Entscheidung für Deutschland: Es ist gutgegangen. Das ist eine Erfahrung, die ich an vielen Stellen gemacht habe. Ich war einer der ersten indischen Pfarrer in Mainz und habe unterschiedliche Aufgaben übernommen. Ich habe mich nie auf einen Dienst beworben, ich bin immer gerufen worden. Das ist bisher mein ganzes Leben lang so: dieses Vertrauen, Ja zu sagen. Und ich habe wirklich eine Führung von göttlicher Seite erlebt, dass alles gut wurde. Bei Jeremia 20,7 steht: Du hast mich verführt, ich habe mich verführen lassen. Gott ruft und beim „Verführen lassen“ habe ich aktiv mitgewirkt.
Und was ist mit Vertrauen in der Situation der Welt mit ihren Kriegen?
Das ist schwierig und schlimm. Ich meine: Wir Christen haben eine Grundhoffnung. Und aus dieser Hoffnung heraus leben wir. Für meinen Bischofsstab habe ich als Motiv einen Delfin ausgesucht. Ich mag Delfine, das ist der eine Grund. Aber der Delfin ist auch ein starkes Symbol der Hoffnung und der Auferstehung. Der Fisch ist ein Symbol für Jesus. Aber der Delfin ist in frühchristlichen Zeiten ein Symbol für Jesus, weil er Schiffbrüchige an Land bringt, so interpretiert, ist er ein Hoffnungszeichen. Diese Hoffnung ist es, die uns trägt. Und auch der Gedanke, dass am Ende alles gut wird. Unsere Aufgabe ist es auch, aus der christlichen Liebe heraus in der Welt zu handeln.
Manchmal erscheint die Kirche ja ein bisschen überholt. Wie wollen Sie ein modernes Bild von Kirche transportieren?
Wenn die Kirche von ihren Grundsätzen weggeht, dann ist das ein Problem. Wir sind in der letzten Zeit mit vielen Skandalen, mit der Struktur und viel mit uns selbst beschäftigt. Manchmal vergessen wir, dass Jesus der Mittelpunkt der Kirche ist. Der Synodale Weg ist gut, und ich hoffe, dass wir die wichtigen Fragen klären können und uns danach wieder auf das Wesentliche konzentrieren können. Die Botschaft Jesu ist immer noch sehr aktuell und interessant. Auch wenn wir jetzt die aktuelle Weltsituation sehen: Die Botschaft von der Liebe, vom Frieden, alles, was er gesagt hat, ist relevant. Ich hoffe, dass die Strukturveränderungen des Pastoralen Wegs in den Hintergrund treten und die Botschaft viel mehr nach vorne kommt. Andererseits muss ich auch sagen: Es ist sehr gut, dass wir jetzt einen Synodalen Weg haben, zumindest in Deutschland, dass wir versuchen, im Gespräch zu bleiben, auch mit den ganzen Themen, die der Synodale Weg bringt. Und dass wir schauen: Was kann die deutsche Kirche machen, auch vor Ort, was mit Rom zu vereinbaren ist. Katholisch bedeutet Vielfalt, das muss man akzeptieren. Und es ist eine inklusive Kirche: Wir schließen keinen aus.
In Ihrem neuen Amt als Weihbischof werden Sie auch Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz sein. Wie würden Sie sich da gerne einbringen?
Auf jeden Fall in der Weltkirche und der Ökumene. Das mag ich. In Neckarsteinach und in Hirschhorn (Pfarrei Neckartal) habe ich eine starke ökumenische Arbeit gemacht. Und auch aktuell sind das meine Themen: interreligiöser Dialog, Ökumene, Weltkirche und Orden. Wenn das bei der Bischofskonferenz möglich wäre, würde ich in diesen Bereichen gerne mitarbeiten.
Das bedeutet, dass Sie wohl weniger Zeit für die Seelsorge haben.
Meine Aufgabe ist es, Bischof Kohlgraf bei seinen pastoralen Tätigkeiten und Aufgaben zu unterstützen. Man macht als Weihbischof keine Gemeindearbeit, aber Einzelgespräche oder Begleitung sind nicht ausgeschlossen. Ich muss auch erst einmal Erfahrungen sammeln. Meine Aufgabe ist es, Gemeinden zu visitieren, mit ihnen Gottesdienst zu feiern, das Sakrament der Firmung zu spenden, Jubiläen und Kirchweih-Jubiläen zu feiern. Ich werde genug Möglichkeiten für die Seelsorge in diesem Sinn haben. Aber so nah und intensiv wie in einer Pfarrei ist das nicht möglich, mit Taufbegleitung oder Begleitung der Erstkommunionkinder. Diese Art von Begleitung vermisse ich.
Sie sind seit 2004 im Bistum Mainz. Haben Sie einen Lieblingsort?
Das Neckartal. Diese Gegend mag ich schon sehr. Ich bin seit 22 Jahren in Deutschland, davon habe ich 13 Jahre im Neckartal gelebt. Die ersten zwei Monate war es für mich ungewohnt, in dieser Dorfstruktur zu leben. Aber es gibt dort eine andere Nähe zu den Menschen. Eine gute, schöne Nähe, eine Zusammenarbeit, die gewachsen ist. Aber Mainz ist natürlich auch eine tolle Stadt.
Ihre Weihe steht kurz bevor. Wer kommt von Ihrer Familie? Ihr Bruder aus Kanada reist an?
Genau. Mein älterer Bruder ist, wie gesagt, auch Karmeliterpater und lebt in Kanada. Meine Eltern sind beide seit mehr als 30 Jahren tot. Mein jüngster Bruder ist Informatiklehrer und arbeitet in Indien. Er kommt mit seiner Frau zur Weihe, die beiden Kinder haben Prüfungen, daher können sie nicht mitkommen. Auch einige Cousins sind dabei, einer davon ist auch Karmeliterpater und lebt in Irland. Wir sind eine berufungsreiche Familie! (lacht)
Zur Person
Pater Joshy Pottackal
30. April 1977 geboren in Meenkunnam/Kerala
19. Juni 1977 Taufe in Meenkunnam
14. Mai 1996 Erste Profess im Karmeliterorden St. Thomas Province, Indien
15. Mai 2001 Ewige Profess
28. Dezember 2003 Priesterweihe in Thrissur, Kerala
ab 2005 Weitere Ausbildung in Münster und Mainz
ab 2006 Seelsorger im Bistum Mainz
1. November 2022 Personalreferent für die Priester des Bistums
26. November 2025 Ernennung zum Weihbischof in Mainz und Titularbischof von Ceramussa durch Papst Leo XIV.