Missionarinnen der Nächstenliebe
Film über Mutter Teresa: Ohne Heiligenschein
Foto: Vuelta Germany
Noomi Rapace spielt die zweifelnde Mutter Teresa.
Schwester Teresa ist unzufrieden. Sie kann so wenig tun. Ja, sie geht in Armenviertel und Notunterkünfte, um Leidende und Sterbende zu unterstützen. Aber die meiste Zeit leitet sie in Kalkutta die Mädchenschule der Loreto-Schwestern. Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, ärztliche Versorgung – das alles ist hier selbstverständlich. Und fühlt sich falsch an. Denn so schön es ist, kleinen Mädchen Bildung zu vermitteln, Teresas Herz hängt anderswo.
Aber sie ist an ihren Orden gebunden. „Sie sind ein Mann“, sagt sie zu ihrem Beichtvater, Pater Friedrich (Nikola Ristanovski). „Sie könnten alles ändern. Ich bin eine Frau, ich bin hier in den Klostermauern eingesperrt. In diesem Gefängnis, wo ich gemütlich darauf warte, dass sich die Welt ändert.“ Der Priester runzelt die Stirn: „Spüre ich da mangelnden Glauben?“ Teresa schaut aus dem Fenster. „Ja, vielleicht ... Hier diesen Konvent zu leiten, das ist so ermüdend, so sinnlos.“
Deshalb will Teresa einen neuen Orden gründen: die Missionarinnen der Nächstenliebe. Aber dafür braucht sie die Erlaubnis des Papstes. 1948 – in diesem Jahr spielt der Film – wartet sie auf Antwort. Wird Pius XII. ihre Statuten anerkennen? Sicher ist das nicht. „Nur sehr selten wurde einer Schwester erlaubt, den Orden zu verlassen und einen eigenen zu gründen“, warnt eine ältere Mitschwester. Begeistert ist sie nicht von Teresas Idee. „Gibt auf deinen Stolz acht, Schwester!“
Das Projekt steht auf der Kippe
Dann geschieht etwas Unerhörtes: Schwester Agnieszka (Sylvia Hoeks), die einzige, die Teresa unterstützt und die ihre Nachfolgerin als Oberin der Loreto-Schwestern werden soll, gesteht Teresa, dass sie schwanger ist. Die ist entsetzt: „Wie konntest du mir das antun?“ Das ganze sowieso schon leicht anrüchige Projekt steht damit auf der Kippe. „Ich habe mich verliebt“, sagt Agnieszka kleinlaut. „Unsinn, was weißt du schon von Liebe?!“ Teresa kann hart sein, mitleidlos. Aber abends betet sie: „Lehre mich, o Herr, allem mit Sanftmut zu begegnen.“
Doch Sanftmut löst das Problem nicht. Agnieszka sieht nur einen Weg: eine Abtreibung. „Niemand wird es wissen, nur du und ich und der Doktor. Und Gott.“ Ja, seufzt Teresa, „und Gott“. Sie widersetzt sich nachdrücklich: „Kinder sind das Heiligste, das es auf der Welt gibt.“ Dann kommt ausgerechnet an diesem Tag der Krise der ersehnte Brief aus Rom: „Nach reiflicher Überlegung und inbrünstigem Gebet haben wir beschlossen, Ihnen die Genehmigung zu erteilen ...“ Schön, ganz wunderbar, dem Herrn sei Dank ... Aber Teresa kann sich nicht wirklich freuen. Agnieszkas Schwangerschaft belastet sie bis buchstäblich in die tiefste Nacht ihrer Seele.
Der Film spielt innerhalb von nur einer Woche: sieben entscheidende Tage. Filmisch ist er gut gemacht. Es gibt ungewöhnliche Kameraperspektiven – von oben, von unten, im Spiegel, Großaufnahmen direkt in die Kamera. Nur selten ist Musik unterlegt, und wenn, dann ist sie unerwartet. Zum Beispiel erklingt gleich zu Beginn rockige Instrumentalmusik. Die gibt den Ton des Films vor: nicht süßlich, sondern wuchtig und kraftvoll.
Wer in den Film geht, erlebt keine vergeistigte Heilige, sondern eine Frau mit einer Vision und mit (Selbst-)Zweifeln. „Könnte mich meine Eitelkeit dazu verleitet haben, unter den Ärmsten der Armen leben zu wollen, um der Welt das Bild einer Heldin und Heiligen vorzugaukeln?“, fragt sie ihren Beichtvater. Aber selbst wenn die Antwort „Ja“ lautet: Teresa tut, was sie tun muss. So sieht man sie am Schluss, wie man sie kennt: im Armenviertel im schlichten weißen Sari mit blauem Rand. Lächelnd. Endlich.
Teresa. Ein Leben zwischen Licht und Schatten. Regie: Teona Mitevska. 104 Min., Kinostart: 4. Dezember