Pfarrer und Haushälterin blicken auf ein langes Leben zurück

Gemeinsam alt werden

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Mann und Frau sitzen nebeneinander auf einem Stuhl und schauen in die Kamera
Nachweis

Foto: Nicole Weisheit-Zenz

Seit 55 Jahren Seite an Seite: Karl-Heinz Fuhr, Pfarrer im Ruhestand, und Pfarrhaushälterin Maria Stenger. Gemeinsam haben sie viel erlebt. Auch jetzt im Seniorenheim sind sie für viele gute Zuhörer und Mutgeber.

Ihr Lebensweg war und ist geprägt von Glauben und Gastfreundschaft: Auch im Ruhestand und im hohen Alter bleiben Pfarrer Karl-Heinz Fuhr (90) und die frühere Gemeindereferentin und Pfarrhaushälterin Maria Stenger (95) miteinander verbunden. „Wir leben seit 55 Jahren zusammen und vertragen uns immer noch“, sagt sie. Er nennt sie anerkennend „eine gute Seele“.

Jetzt wohnen sie im Caritas-Seniorenzentrum in Mainz-Drais. Im Gespräch mit den beiden wird deutlich: Hier sitzen zwei Menschen nebeneinander in der Kapelle, die aus dem Glauben heraus jahrzehntelang für andere da waren und auch füreinander. Kennengelernt haben sich die Steinheimerin, geboren 1931, und der aus dem Wonnegau stammende Pfarrer, Jahrgang 1936, in Dorn-Assenheim. Maria Stenger arbeitete als Seelsorgehelferin, einem damals noch neuen Beruf, aus dem später die Gemeindereferentin hervorging. Karl-Heinz Fuhr war Kaplan in der Gemeinde. Die katholischen Christen lebten dort in der Diaspora und waren eine Minderheit. Doch deshalb, so erinnern sich beide, sei deren Dankbarkeit für kirchliche Angebote groß gewesen.

Schon in jungen Jahren hatte Maria Stenger den Wunsch, für die Kirche und die Menschen zu arbeiten. Während ihrer Ausbildung zog sie sich bei einem Praktikum in einem Kinderheim eine Erkrankung zu, die zur Hörbehinderung führte. Der Religionsunterricht wurde dadurch beschwerlich, zumal leistungsfähige Hörgeräte noch keine Selbstverständlichkeit waren. Nach zehn Jahren entschied sie sich, die bisherige Tätigkeit aufzugeben und als Pfarrhaushälterin zu arbeiten. Nach einer ersten Anstellung wurde sie Pfarrhaushälterin bei Karl-Heinz Fuhr. Daraus entstand eine Weggemeinschaft, die bis heute anhält.

»Er war ein fleißiger Pfarrer und viel unterwegs.«

Auch Pfarrer Fuhr blickt dankbar auf seinen Berufungsweg zurück: Schon als Messdiener reifte der Wunsch, Priester zu werden. Nach dem Abitur studierte er in Mainz und zeitweise in Luzern, bevor er 1962 im Mainzer Dom zum Priester geweiht wurde. „Für Gott und die Menschen da sein“, dieser Gedanke trug ihn durch seine aktive Dienstzeit und motiviert ihn bis heute.

Gemeinsam führte ihr Weg durch verschiedene Gemeinden des Bistums, unter anderem nach Offenbach. Generell ging Maria Stengers Aufgabe weit über Kochen und Haushaltsführung hinaus. Sie war für viele Menschen eine geschätzte Gesprächspartnerin und oft die erste Anlaufstelle im Pfarrhaus. „Er war ein fleißiger Pfarrer und viel unterwegs“, sagt sie. Während Karl-Heinz Fuhr Gottesdienste feierte, Kranke besuchte oder in der Seelsorge tätig war, kamen viele zunächst zu ihr.

Auch bedingt durch die Nähe zum Bahnhof in Offenbach standen fast täglich einige Menschen vor der Tür, die Hunger hatten oder sonstige Hilfe suchten. „Man hat viel Elend erlebt, konnte aber auch viel Gutes tun“, sagt Maria Stenger. „Niemand sollte hungrig gehen müssen.“ Immer wieder halfen beide auch mit Geld und Sachspenden aus eigener Tasche. Eine weitere Möglichkeit war, Bedürftige zum Einkaufen zu begleiten und die Lebensmittel an der Kasse zu bezahlen. Einem Mann, der Kleidung brauchte, schenkte Maria Stenger sogar einen Anzug des Pfarrers – der das im Nachhinein mit Geduld und Humor nahm.

Sie halfen freiwillig und ohne danach zu fragen, welche Brüche oder Schicksalsschläge hinter jemandem lagen. Ein Vorbild sei ihnen dabei Jesus, betonen sie, weil auch er vielen Menschen ohne Vorbehalte begegnete und mit ihnen das Brot teilte.

»Wir hatten bei allem Gottes Beistand.«

Für Aufregung sorgte, dass im Laufe der Zeit mehrfach im Pfarrhaus eingebrochen wurde. Weil dies nachts geschah, blieben die beiden unversehrt und begegneten den Tätern nicht unmittelbar. „Wir hatten bei allem Gottes Beistand“, beschreiben sie rückblickend. Angst habe daher nicht ihr Handeln bestimmt.

Wichtig war ihnen, die Türen auch weiterhin für Hilfesuchende offenzuhalten, ob nun in der Stadt oder auch im ländlichen Ober-Olm. Dort habe ein obdachloser Mann an Heiligabend den Gottesdienst besucht und sich danach selbst zum Essen eingeladen. „Dann hat er eben mit uns Weihnachten gefeiert“, erzählen sie. Zu den schönen Erinnerungen an die Zeit in Rheinhessen zählen auch die netten Begegnungen mit Kindern, für die Maria Stenger wie eine Oma war, bei der es Süßes gab. Pfarrer Fuhr spielte dort begeistert in einer Laientheatergruppe mit.

Bedingt durch Multiple Sklerose ist er seit langem schon gehbehindert und schätzt nach wie vor die Hilfe seiner früheren Haushälterin. In Mainz-Drais sind die beiden seit einigen Jahren heimisch. „Hier klingelt niemand mehr an der Tür und bittet um Spenden“, scherzen sie und empfinden es auch als Erleichterung, nicht mehr kochen und putzen zu müssen. Auch im Seniorenheim möchten sie jedoch Gutes tun, auf ihre Weise: Pfarrer Fuhr hört gern zu und macht Mut, und Maria Stenger schenkt anderen Bewohnern des Seniorenheims wohltuende Worte und ihr warmherziges Lächeln.

Gemeinsam mit Freunden und Wegbegleitern feierten sie ihren 90. und 95. Geburtstag und baten dabei um Spenden für einen guten Zweck. Ganz so, wie sie ihr Leben lang gedacht und gehandelt haben: mit kleinen Gesten und großem Herzen, im Sinne Gottes und für die Menschen.

 

Nicole Weisheit-Zenz