Ehrenamtlicher Hausmeister seit 50 Jahren
Gottesdienst mit Heckenschere

Foto: Matthias Schatz
Josip Geler in der Sakristei von St. Bernard. Das Ministrantengewand trägt er auch, wenn er Wortgottesdienste mit der ungarischen Gemeinde feiert.
„Josip, toll sieht das aus“, freut sich eine Kindergärtnerin. Spontan öffnet sie die Tür der Kita in der Gemeinde St. Bernard im Hamburger Stadtteil Poppenbüttel um Josip Geler dafür zu danken, dass er die Hecken auf dem Gelände schneidet. Der 77-Jährige lächelt erfreut. Die Gartenarbeit macht er schon seit 50 Jahren. Denn seit 1975 ist Geler Hausmeister der Gemeinde – im Nebenjob respektive als Minijobber. Seit der Maschinenbautechniker vor fünfzehn Jahren in Rente ging und mit seinem Hauptjob bei Airbus aufhörte, ist er in St. Bernard allerdings noch viel mehr als das: Küster, Ministrant und Leiter der ungarischen Gemeinde, für die er auch Wortgottesdienste abhält.
Der etwas reibeiserne ungarische Akzent ist bei Geler unverkennbar. Er stammt gleichwohl aus Novi Sad, einer Stadt im Norden Serbiens. Sie gehörte bis 1920 zum ungarischen Teil der Wiener K.u.K Monarchie. „Es lebten dort viele Ungarn, aber auch Kroaten, Slowaken und Serben“, erinnert sich Geler. In dem von Josip Tito beherrschten sozialistischen, jedoch blockfreien Jugoslawien durfte er auf eine ungarische Schule gehen, wuchs aber zweisprachig auf, da viele Nachbarn Serben waren. Als er nach dem Militärdienst auf der Technischen Hochschule in Novi Sad dann Maschinenbau studierte, wurde allerdings nur auf Serbisch unterrichtet. „Das katholische Gotteshaus teilten sich die Ungarn mit den Kroaten.“
Kroaten teilten sich Kirche mit Ungarn.
1967 verlies Gelers Vater, ein Zimmermann, Novi Sad, um bei einer Leiharbeitsfirma in Deutschland als „Gastarbeiter“, wie es damals hieß, Geld zu verdienen. „Sprachliche Vorkenntnisse spielten bei der Anwerbung keine Rolle“, berichtet sein Sohn, der zwei Jahre später nach Deutschland folgte. Nach einer Odyssee über Augsburg, Wuppertal und Gelsenkirchen kamen beide 1971 nach Hamburg, wo sie den S-Bahnhof Stadthausbrücke direkt neben dem Kleinen Michel mit bauten. „Mein Vater sagte mir: ‘Geh mal in die Kirche und schau, ob dort eine Figur der Mutter Gottes steht. Wenn ja, ist die Kirche katholisch.’“ Die deutsche Sprache brachten sich die beiden derweil selbst „on the job“ bei.
Außerdem entdeckten die beiden eine Anzeige der ungarischen Gemeinde, die schon damals jeden ersten Sonntag im Monat einen Gottesdienst in der Kirche St. Bernard im Stadtteil Poppenbüttel feierte. Gemeindepfarrer war seinerzeit Istvan Czodór, der selbst aus Ungarn stammte und 1962 die ungarische Mission gegründet hatte. Nach ihren Messen in Poppenbüttel trafen sich die Ungarn stets zu einem geselligen Miteinander. „Dabei habe ich dann auch meine Frau Èva kennengelernt“, erinnert sich Josip Geler. Die Trauung fand natürlich in St. Bernard statt. Gewohnt haben die Gelers dann zunächst im Stadtteil Winterhude in einer Wohnung der Gemeinde St. Antonius.

Als 1975 das Gemeindezentrum von St. Bernard eröffnet wurde, wollte Pfarrer Czodór Geler als Hausmeister in St. Bernard einstellen. Nachdem er eine neue Anstellung bei einer Firma in Altona gefunden hatte, ging das nur im Nebenjob. Damit verbunden war ein Umzug in ein kleines Einfamilienhaus von St. Bernard, das direkt neben der Kirche steht. Dort wohnen Josip und Èva Geler, deren zwei Töchter und deren Sohn längst ausgezogen sind, noch heute. Als vor 15 Jahren die Stelle des Küsters frei wurde, übernahm Geler auch diese Arbeit, allerdings ehrenamtlich. Und ehrenamtlich betreut er seit vier Jahren auch die ungarischen Katholiken in Norddeutschland. Denn nachdem Pastor Pal Rastovac 2021 gestorben war, der ebenfalls aus Nordserbien stammte, fand sich kein Geistlicher mehr für diese Aufgabe.
„Nach dem Aufstand von 1956 in Ungarn waren viele Magyaren hierhergekommen. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs sind dann viele nach Ungarn zurückgekehrt.“ Offiziell zähle die ungarische Gemeinde in Hamburg heute noch rund 2000 Mitglieder, in die Gottesdienste jeden ersten Sonntag im Monat um 16 Uhr kämen rund 40 bis 50. „Viermal im Jahr laden wir ungarische Geistliche ein, die auch die Beichte abnehmen“, berichtet Geler. So auch am kommenden Sonntag, 6. April. Und am 11. April lädt sie um 18 Uhr zu einer Kreuzwegandacht in St. Bernard auch deutschsprachige Christen ein. An jeder Station werden Sätze auf Ungarisch und Deutsch gesprochen.
Das Ehrenamt ist auch zur Ehre Gottes.
Nach dem Gespräch im Gemeindezentrum geht Josip Geler über das Nachbargrundstück, das die Gemeinde erworben hat, und einen kleinen Hof hinüber zu seiner Werkstatt. Dort repariert er nach wie vor kaputte Türklinken, Leuchten und anderes technisches Gerät. Und dort hat er auch seine Heckenschere deponiert. Den Rasen mäht er übrigens auch, allerdings teilt er sich die Arbeit seit kurzem mit einer Familie aus Nigeria, die in einer Dienstwohnung des Gemeindezentrums untergekommen ist.
„Die Kirche, das Gelände und das Leben hier deute ich immer als Gottes Wille“, sagt Geler. In den Gottesdiensten, an denen er zuweilen als Ministrant mitwirke, drücke er auch seine Dankbarkeit dafür aus, dass er das alles noch physisch machen kann, dass er zufrieden mit seinem Leben rund um St. Bernard sei. „Das Ehrenamt ist auch zur Ehre Gottes.“
Zur Person
Josip Geler wurde 1948 in Novi Sad geboren, das heute zu Serbien zählt. Er gehörte der dortigen ungarischen Minderheit an. 1969 folgte er seinem Vater nach Deutschland. Bei der Gemeinde St. Bernard in Hamburg-Poppenbüttel ist seit Jahrzehnten sein Lebensmittelpunkt. Zur Tätigkeit Gelers als Hausmeister gehören vor allem Gartenarbeiten. Josip Geler in der Sakristei von St. Bernard. Das Ministrantengewand trägt er auch, wenn er Wortgottesdienste mit der ungarischen Gemeinde feiert.