Neuer Blick auf christliche Rituale
Innehalten im Alltag
Foto: Anton Kensbock
Rebecca Lögers da Silva sucht nach zeitgemäßen Formen für christliche Rituale.
Es ist laut und voll auf dem Weihnachtsmarkt in Osnabrück. Der Geruch von Glühwein und Zimt liegt in der Luft, doch in der Marienkirche und im Dom wartet der „Segen to Go“. Er verspricht einen Moment des Innehaltens. Hier zeigt sich die neue Aufgabe von Rebecca Lögers da Silva; etwas anzubieten, das kurz aus dem Alltag befreit: Rituale. Rituale sind festgelegte, wiederholte Handlungsabläufe, die durch den Einsatz von Symbolen und Gesten eine tiefe, spirituelle Bedeutung transportieren. Sie helfen Menschen, Lebensübergänge wie Geburt, Heirat oder Trennung bewusst zu gestalten, stiften ein Gemeinschaftsgefühl und bieten einen Moment der Orientierung im Alltag.
„Schlüsselmomente im Leben“
Ihr Ansatz: Rituale dort anbieten, wo sich im Leben etwas verändert. Dabei „das Rad neu zu erfinden“, sagt Rebecca Lögers da Silva, „wird kaum möglich sein. Aber ich möchte die Bedürfnisse hinter den Ritualen finden“. Sie steht vor einer nicht einfachen Aufgabe: bestehende Rituale anpassen und neue entwickeln. Damit möchte sie Personen erreichen, die zwar christlich getauft sind, sich aber nicht an ihre Gemeinde angebunden fühlen. Sie fokussiert sich dabei auf Menschen, die vor wichtigen Punkten im Leben stehen: „Ich schaue, wo sind Menschen an Wendepunkten, wo sind Schlüsselmomente im Leben“.
Genau an diesen Stellen möchte die Ritualreferentin ansetzen und Begleitung anbieten. Als Beispiel nennt sie die Trennung von zwei Menschen. „Wir begleiten Leute, wenn sie heiraten, aber wir begleiten sie nicht, wenn sie sich trennen“, sagt Lögers da Silva und denkt darüber nach, „auch die Trennung zu feiern“. Zwar nicht im Sinne eines frohen Festes, sondern als „Abschiedsfeier, um etwas Neues zu machen“.
Dass sie in Osnabrück gelandet ist, hat viel mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Sie kommt aus Nordhorn, in der sie „selbstverständliche Ökumene“ im Freundeskreis kennengelernt hat. Lange hat sich die 27-Jährige bei den Pfadfindern engagiert und war später geistliche Leitung der DPSG im Bistum Osnabrück. In dieser Zeit lernte sie, wie Projektarbeit abläuft und wie sie auf Zielgruppen zugeschnittene, kreative Impulse entwickelt.
Für ihr Studium der Anglistik und der Religion auf Lehramt zog sie mit 18 Jahren nach Münster, wo sie heute noch wohnt. Nach drei Jahren wechselte sie zur Volltheologie, die sie bald abschließen wird. An dieser Stelle im Bistum Osnabrück reizt sie, dass kreative und offene Arbeit ermöglicht wird – und dass „sehr viel möglich ist“. Das Bonifatiuswerk fördert die befristete Arbeitsstelle mit 55 000 Euro über zwei Jahre.
„Segen to Go“ auf dem Weihnachtsmarkt
Anstatt sich völlig neue Rituale auszudenken, möchte sie bestehende Rituale aufgreifen und sie mit einem unerwarteten Element verknüpfen, „wie einem Ort oder einer überraschenden Zusammenstellung“. Ihr erstes und aktuelles Projekt ist der „Segen to Go“ während des Osnabrücker Weihnachtsmarkts. Dabei besteht die Möglichkeit, sich dem Trubel der Veranstaltung zu entziehen und von Hauptamtlichen gesegnet zu werden. Das passiert mit einem ökumenischen Segensteam, abwechselnd im Dom und der evangelischen Marienkirche. Diesen „Segen zum Mitnehmen“ bietet sie an, um „die Magie zurückzuholen, die wir als Kinder vor Weihnachten hatten“.
Weitere konkrete Projekte stehen noch nicht an; aktuell arbeitet sie daran, ein Netzwerk aufzubauen und Erfahrungsberichte einzuholen. Dazu tauscht sie sich mit einer vergleichbaren Stelle im Bistum Essen aus, um Ideen für rituelle Begleitung zu erhalten.
Auch durch ihre Jugend geprägt, sieht sie die Ökumene als Chance, möglichst viele Menschen erreichen zu können, und resümiert: „Natürlich ist es leichter, in der eigenen Konfession zu bleiben, aber ich glaube, es ist gewinnbringender, gemeinsam zu denken“.
Den „Segen to Go“ beim Osnabrücker Weihnachtsmarkt gibt es am:
8.–12. und 19. Dezember, je 17–18 Uhr: Marienkirche
15.–18. Dezember, je 17–18 Uhr: Dom St. Petrus