Was uns diese Woche bewegt

Ist ein „Tag der Heimat“ noch zeitgemäß?

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Sie sind aus Ostpreußen, Pommern oder dem Sudetenland gen Westen geflohen. Millionen Deutsche mussten im Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen. Daran erinnert auch heute noch ein bundesweiter Gedenktag. In diesem Jahr am 13. September. Ich habe mich gefragt: Hat sich ein solcher „Tag der Heimat“ nicht längst überholt? Die unmittelbar Betroffenen leben nicht mehr; die Vertriebenenwallfahrten sind eine sterbende Tradition. Zudem bekommt der Heimatbegriff durch populistische Parteien wie die AfD einen faden Beigeschmack, weil er ausgrenzend benutzt wird. 

Allerdings: Was vor mehr als 80 Jahren passiert ist, kann sich auch auf die nachfolgenden Generationen auswirken. Meine Großeltern wurden 1946 aus dem Sudetenland vertrieben. In Windeseile packten sie zusammen, was auf einen Handwagen passte. Auch meine Mutter, damals drei Jahre alt, schob murrend einen schwer beladenen Puppenwagen. Der Verlust der Heimat bedeutet nicht nur einen physischen und materiellen Verlust von Orten und Besitztümern. Er bedeutet auch einen emotionalen Verlust von Identität, Erinnerung und sozialem Gefüge. Das Trauma saß tief bei meinen Großeltern. Über das Erlebte haben sie nie viel gesprochen. Meine Oma galt immer als „schwermütig“ – heute würde ich sagen sagen: Sie war depressiv. 

Und was ist Heimat im Jahr 2026, in einer Zeit globaler Umbrüche, neuer Fluchtbewegungen und Identitätssuche? Was bedeutet sie zum Beispiel Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden? Dem gehen wir in einem Schwerpunkt im nächsten Kibo-Magazin nach. Die Geschichte von Tetiana aus der Ukraine hat mich besonders berührt. Vor vier Jahren musste sie mit ihrer Familie – sechs Personen – aus der umkämpften Stadt Mariupol fliehen. In letzter Minute, mit drei Koffern und einem Rucksack. Alles andere, das eigene Haus, Fotos, schöne Erinnerungen, blieb zurück. Ich habe ihr von meinen Großeltern erzählt. Und Tetiana hatte auf einmal Tränen in den Augen. Sie fühlte sich verstanden. 

Braucht es heute noch einen „Tag der Heimat“? Ich finde: ja. Es kommt eben darauf an, wie wir ihn gestalten. Er kann uns daran erinnern, wie wichtig Verständigung, Dialog und die Weitergabe von Geschichten sind. Und er kann für Werte wie Frieden, Menschenrechte und kulturelle Vielfalt stehen, für Versöhnung und Zusammenhalt in der Gesellschaft. 

Anja Sabel