Unter dem Eindruck des Ukrainekriegs
Katholiken in Russland: „Gib uns den Mut, die Wahrheit zu leben“
Foto: imago/ITAR-TASS
Russlands größte katholische Kirche: die Kathedrale der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Mariain Moskau.
Es ist still geworden um katholische Priester und Ordensleute in Russland. Selbst in kirchennahen Medien hört man selten von ihnen. Und wenn, dann erfährt man nichts Persönliches: Wie geht es ihnen in dem Land, das einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt? Wie geht es ihnen in ihren Gemeinden, zwischen Menschen, die den Krieg unterstützen und die ganz selbstverständlich der staatlichen Propaganda glauben?
Ein Priester wollte sich dieser Redaktion gegenüber auch anonym nicht äußern. „Ich beobachte, dass sich in den Kirchen ein hohes Maß an Selbstzensur durchsetzt“, sagt Regina Elsner. Sie ist Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenik an der Universität Münster und verfolgt die kirchliche Situation in Russland. Katholische Priester würden von ihren Bistümern angehalten, „zu schweigen und keinen zusätzlichen Ärger zu provozieren“, sagt sie. Am ersten Tag des Angriffs auf die Ukraine haben die russischen katholischen Diözesen in einer gemeinsamen Erklärung zum Ende des Krieges aufgerufen. Große öffentliche Proteste gab es seitdem nicht mehr. Dennoch nimmt Elsner Widerstand gegen den Krieg wahr.
Von den etwa 200 katholischen Priestern in Russland kommen nach Angaben der dortigen katholischen Bischofskonferenz etwa 140 aus dem Ausland. 60 haben die russische Staatsangehörigkeit oder sind in einem Staat der ehemaligen Sowjetunion geboren. Die meisten Ausländer sind Polen oder Slowaken, viele kommen aus Deutschland, einige sind Amerikaner, Inder, Ukrainer oder Lateinamerikaner. Von den etwa 230 Ordensmitgliedern, meist Ordensschwestern, hat weniger als die Hälfte die russische Staatsangehörigkeit. Viele stammen aus Polen.
Seelsorger fürchten die Ausweisung
„Die meisten von ihnen hatten in der orthodox geprägten Mehrheitsgesellschaft noch nie ein leichtes Leben“, sagt Elsner. „Sie mussten sich mit ihrer Seelsorge und mit ihrer Sozialarbeit von Anfang an gegen Vorurteile wehren.“ Der Vorwurf lautet, sie würden Gläubige von der russisch-orthodoxen Kirche abwerben. Als Geistliche einer Kirche, der weniger als ein Prozent der Russinnen und Russen angehören, stehen sie bei den Behörden seit Beginn der 1990er Jahre unter Druck. Jederzeit kann ihnen die Aufenthaltserlaubnis entzogen oder die Wiedereinreise nach Russland verwehrt werden.
Das habe dazu geführt, dass sie sich „jetzt, wo erst recht keine öffentliche Kritik am Staat mehr geäußert werden darf, stark zurückgezogen haben“, sagt Elsner. Sie machen still ihre Gemeindearbeit. Die meisten fahren mit ihren Autos regelmäßig in weit abgelegene Gegenden, um Gottesdienste zu halten, karitative Arbeit zu leisten und Spenden zu verteilen. „Sie sorgen dafür, dass die Menschen das Notwendigste zum Leben haben oder dass sich auch mal ein Arzt um sie kümmert“, sagt Elsner. Das wollten sie weiter tun und nicht wegen Äußerungen gegen den Krieg des Landes verwiesen werden.
Es gibt auch katholische Geistliche, die den Krieg nicht ablehnen oder ihn gar rechtfertigen. Gerade die Russen unter den Seelsorgern seien „Teil ihrer Bevölkerung, der man jahrelang beigebracht hat, dass der Westen der Feind ist, gegen den man sich wehren muss“, erklärt Elsner. Sie berichtet von russischstämmigen Geistlichen, die ihren Mitarbeitern deutlich gemacht haben sollen, dass sie keine Kritik an der Regierung dulden. Den Gläubigen sei klar, welchen Priestern gegenüber sie offen reden können und wer sie nicht denunziert, sagt Elsner: „Man weiß in den Gemeinden stillschweigend voneinander, ohne dass man darüber diskutiert.“ Die Priester wiederum „wissen, mit welchen Menschen im Raum sie ein Gebet für den Frieden sprechen können, bei dem allen klar ist, dass damit die Ablehnung des Krieges gemeint ist“.
Elsner hat noch von keiner katholischen Gemeinde gehört, die Kriegspropaganda verbreitet. „Das kann man nicht hoch genug einschätzen in einer Gesellschaft, in der es eigentlich keine Räume mehr gibt, in denen nicht der Krieg propagiert wird“, sagt sie. Denn wo man auch hinkomme, überall hingen die entsprechenden Fahnen und Plakate – in jeder Straße, jeder Universität, jeder Schule, jedem Kindergarten. Elsner sagt: „Wenn katholische Gemeinden im wörtlichen Sinn Räume haben, in denen man nicht mit Propaganda konfrontiert wird, dann bieten sie einen Schutz.“ Das ziehe sogar orthodoxe Gläubige an.
Kyrill nutzt Predigten für Propaganda
Die russisch-orthodoxe Kirche spricht von einem „heiligen Krieg Russlands“ und erklärt, Russland habe die Mission, die Welt vor dem „an den Satanismus verfallenen Westen“ zu schützen. Patriarch Kyrill I. ist ein enger Verbündeter von Diktator Wladimir Putin und nutzt Predigten für Kriegspropaganda. In orthodoxen Gottesdiensten wird für den Sieg Russlands gebetet. Orthodoxe Priester, die sich dem verweigern und stattdessen für den Frieden beten, müssen mit Strafen rechnen.
In einigen katholischen Gemeinden wird dagegen seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine vor oder nach jeder Sonntagsmesse für den Frieden gebetet. In einem dieser Gebete heißt es am Ende: „Bewahre uns davor, uns an Lügen zu beteiligen, die die Welt zerstören. Gib uns den Mut, die Wahrheit zu leben.“ Regina Elsner sagt: „Das finde ich einen starken Ausdruck, den man wertschätzen muss in einer Gesellschaft, die eigentlich aus Lügen über diesen Krieg besteht.“
Regina Elsner ist Professorin für Ostkirchenkunde und Ökumenikan der Universität Münster.