Kirchenmusik in Corona-Zeiten

Kein Gottesdienst ohne Gesang

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Es ist still geworden in den Kirchen. Wegen der Corona-Krise soll auf das Singen in Gruppen verzichtet werden. Damit es in den Gottesdiensten trotzdem Musik gibt, sind Kantorinnen und Kantoren zurzeit sehr gefragt.


Judith Rickers singt in Corona-Zeiten regelmäßig als Kantorin vor: in St. Johann in Osnabrück. Foto: Theresa Brandl

Hell und klar hallt die Sopranstimme durch die Kirche St. Johann in Osnabrück. Auf den ersten Blick ist nicht auszumachen, woher der Gesang kommt. Judith Rickers steht etwas versteckt links vom Altarraum, schräg neben den großen Säulen. Von dort gestaltet sie den Gottesdienst mit ihrem Gesang. Sie ist die Einzige, die heute singen wird. In der andauernden Corona-Pandemie ist der Gemeindegesang schon seit langer Zeit nicht mehr erlaubt. Doch ein Gottesdienst, in dem gar nicht gesungen wird, ist für viele Gläubige nicht vorstellbar. 

In einigen Gemeinden gibt es Ehrenamtliche, die das stellvertretend übernehmen: Sie sind Kantorinnen und Kantoren – wie Judith Rickers, die diesen Dienst schon seit ungefähr vier Jahren macht: „Von mir aus hätte ich damit nicht angefangen.“ Chorleiter Christian Joppich hatte damals einen Kantorendienst aufgebaut. „Das ist der liturgische Dienst, der am stiefmütterlichsten behandelt wird“, sagt auch Martin Tigges, Kirchenmusikdirektor im Bistum Osnabrück. Er wollte das ändern. Im vergangenen Februar hat er deshalb einen Kantorenkurs gestartet, der in mehrere Einheiten unterteilt war. Die Teilnehmer sollten unter professioneller stimmbildnerischer Anleitung üben. Nur das erste Wochenende konnte stattfinden – dann kam Corona „und hat die Ausbildung verhagelt“. 

Auch Judith Rickers wollte in einem dieser Kurse lernen, wie sie sich verbessern kann. Denn bei ihr ging es damals schnell los. Nur ein paarmal sang sie mit einer erfahrenen Kantorin, dann stand sie zum ersten Mal allein vor der Gemeinde. Mittlerweile ist Rickers routiniert, zurzeit singt sie alle zwei Wochen in St. Johann. Sie nennt das eine „aktivere Form der Gottesdienstteilnahme“. 

„Manche würden sich vielleicht trauen“

Am Donnerstag schickt Organist Joppich die Lieder für das kommende Wochenende. Die Kantorin singt dann erst einmal vom Blatt. Wenn sie das Gefühl hat „ich krieg’s nicht hin“, holt sie ihre alte Blockflöte hervor, spielt darauf die Melodie und übt die Lieder bis zum anstehenden Gottesdienst ein. Und da ist es zurzeit besonders wichtig, dass sich Joppich und Rickers aufeinander verlassen können. Denn der Organist musiziert auf dem Orgelboden, die Kantorin steht am anderen Ende der Kirche: „Der Schall braucht, bis er bei mir ist. Ich fange meist einfach an und Christian steigt dann ein“, sagt Judith Rickers. 

Im Moment wechselt sie sich in St. Johann mit einer weiteren Kantorin ab, in den Wintermonaten finden sich weniger Ehrenamtliche für diesen Dienst. Rickers ist überzeugt: „Manche würden sich vielleicht trauen, doch die Gemeinden müssten Sängerinnen und Sänger direkt ansprechen.“ Denn es wird noch dauern, bis die Gottesdienstbesucher wieder singen, „die Pandemie dauert an“, sagt auch Martin Tigges. 

Festlich soll es in den Kirchen trotzdem bleiben, das motiviert auch Barbara Reichelt, die seit der Corona-Krise wieder unregelmäßig in Wallenhorst-Hollage vorsingt. Nach den Weihnachtsgottesdiensten gab es Applaus und viele positive Rückmeldungen. Ihr Ehrenamt sieht sie in der Pandemie fast als Privileg: „Es ist schön, dass man in dieser Zeit in der Kirche sein und singen darf.“ Martin Tigges möchte dem Kantorendienst im Bistum schon lange „einen Schub“ verpassen. Deshalb bietet er ab sofort an, interessierte Kantorinnen und Kantoren online auf diesen Dienst vorzubereiten. Denn eines ist klar, so fasst Barbara Reichelt zusammen: „Der Gesang muss in die Kirche.“

Theresa Brandl

Für Interessierte, die sich auf elementare Kantorengesänge an den kommenden Wochenenden vorbereiten wollen, bietet das Bistum Osnabrück die Möglichkeit, an einem Online-Coaching in der Gruppe teilzunehmen. Hierbei werden ausgewählte Lieder und Gesänge vorgestellt und erarbeitet. Kontakt: Kirchenmusikdirektor Martin Tigges, E-Mail: m.tigges@bistum-os.de