Wie Verletzte aus dem Ukrainekrieg neue Kraft schöpfen

Kriegsversehrte im Caritas-Rehazentrum: Sie lachen und weinen gemeinsam

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Caritas Reha-Camp in der Ukraine
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Foto: Caritas international

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Gegenseitige Massage im Reha-Camp: rechts Serhii und Nadiia, daneben Viktor and Nataliia.

Viele ukrainische Männer, die ihr Land gegen Russland verteidigen, kehren verletzt aus dem Krieg zurück. Sie machen sich Vorwürfe, sind Frau und Kindern fremd geworden, finden schwer in ein neues Leben. In einem Rehazentrum der Caritas können sie und ihre Familien Kraft schöpfen. Zwei Paare erzählen davon.

Irgendwann, sagt Serhii, habe er seine Frau Nadiia gebeten, ihn zu verlassen. Er konnte seinen Schmerz und seine Verzweiflung nicht mehr ertragen, und er wollte ihr den Mann nicht mehr zumuten, der er jetzt war. „Wir haben damals viel gestritten“, sagt er. „Zum Glück war sie stärker als ich – und ist geblieben.“

2022, als Russland in die Ukraine einmarschierte, wollte Serhii sein Land verteidigen. Er ignorierte Nadiias Bedenken und meldete sich freiwillig für die Armee. 2023 riss eine Minenexplosion ihm das linke Bein ab. Die Folge: sieben Monate Krankenhaus, ein Jahr Reha. Und ständig dunkle Gedanken. „Ich habe mir Vorwürfe gemacht, dass ich nicht genug für mein Land getan hatte“, sagt Serhii. „Dass ich nicht mehr geschafft hatte, obwohl ich es so sehr wollte.“ 

„Sprecht mehr! Vertraut mehr!“

Nadiia spürte, wie schwer es ihrem Mann und ihr fiel, über die Schmerzen und Gefühle zu sprechen, die ihr Leben nun bestimmten. Und wie ihre Eheprobleme ihren Sohn Nazar belasteten. Sie hörte von einem Rehazentrum der Caritas in der Zentralukraine, in dem Kriegsheimkehrer und ihre Familien zehn Tage lang Kraft schöpfen können. Wäre das nichts für sie? Nadiia und Serhii zögerten, doch dann meldeten sie sich für das Programm.

Die Psychotherapeutin Liudmyla Frolova gehört zu dem Therapeutenteam des Veteranencamps. „Wenn die Familien hier ankommen, sind sie wie versteinert“, sagt sie. „Da ist keine Wärme zwischen ihnen.“ Die Männer haben an der Front Leid und Tod erlebt; die Frauen haben zu Hause versucht, den Familienalltag und ihre Sorgen in den Griff zu bekommen. Die Trennung hat Paare voneinander entfremdet, manche Väter kennen ihre Kinder kaum. Wenn die Männer aus dem Krieg zurückkommen, verletzt an Körper und Seele, tun sie sich oft schwer damit, in ein neues Leben zu finden. Viele leiden an Depressionen, Angstzuständen, Schlafstörungen. Manche flüchten in den Alkohol. 

Im Camp, erzählt Frolova, machten sie vieles, um die Partner einander wieder näherzubringen. In Gruppen- und Einzeltherapie sprechen sie über ihre Beziehung und die zu ihren Kindern. Die Frauen lernen, ihre Männer zu massieren – und umgekehrt. Sie schauen gemeinsam Filme und sprechen darüber. Am zweiten Abend spielen sie mit der ganzen Gruppe Improvisationstheater. Die Erwachsenen, sagt Frolova, könnten da spontan sein wie früher – und die Kinder sähen ihre Eltern mal leicht und lustig. 

Immer wieder, berichtet die Psychotherapeutin, bläuten sie den Männern und Frauen ein: „Sprecht mehr! Vertraut mehr! Öffnet euch mehr!“ Ihre Arbeit wirkt: Nach und nach wenden sich die Paare einander wieder zu und schauen sich in die Augen. Fangen an, Händchen zu halten. Lachen und weinen gemeinsam. Die Männer schenken ihren Frauen Blumen. Oder kaufen Eis für die ganze Familie. Und die Frauen sagen: „Es ist so schön zu sehen, dass mein Mann sich wieder um uns kümmert. Ich hatte schon vergessen, wie das ist.“

Im Camp lernen die früheren Soldaten und ihre Frauen sich neu kennen. Auch dadurch, dass sie gemeinsam einen Baum malen. Tag für Tag kleben sie neue Blätter daran – und schreiben die Emotionen darauf, die sie gerade fühlen, positive wie negative.  

Der Baum von Viktor und Nataliia hat besonders viele Blätter, stolz halten sie ihn im Videogespräch in die Kamera. Dann erzählen sie ihre Geschichte: Viktor verteidigt die Ukraine seit 2014 gegen die Angreifer aus Russland. Dann wurde er verletzt, er musste am Knie und am Herzen operiert werden und die Armee verlassen. Er fühlte sich schuldig gegenüber Kameraden, die er ausgebildet hatte und nun nicht mehr unterstützen konnte. Er begann zu trinken. Bei seiner Arbeit in einem Zahntechniklabor wurde er aggressiv – so sehr, dass sein Chef seine Frau bat, etwas zu unternehmen. 

„Es hat sich angefühlt, als ob ich durch einen sehr dunklen Tunnel gehe“, sagt Viktor. Nataliia nimmt seine Hand; sie spürt, wie sehr ihn die Erinnerung schmerzt. Sie sagt, sie habe damals gemerkt, dass es Viktor und ihr immer schlechter ging: „Wir brauchten einen Neustart.“

Im Camp erkannte Viktor, dass viele das Militär aus gesundheitlichen Gründen verlassen müssen. Ihm wurde bewusst, dass das kein Zeichen von Schwäche ist. Im Alltag, sagt seine Frau, sei er von vielen Menschen umgeben, die nicht im Krieg gewesen sind. Da fühle er sich unwohl: „Hier, unter lauter Ex-Soldaten, ist er glücklich.“ Weil sie sind wie er.  

Viktor lernte, wieder eine Verbindung zu seinem verletzten Körper aufzubauen. Die Massagen und Übungen mit dem Rehabilitationstherapeuten Oleksii Hrytsun halfen ihm, Schmerzen und Verspannungen zu lindern. „Viele Veteranen akzeptieren ihren Körper überhaupt nicht mehr“, sagt Hrytsun. „Er ist für sie wie ein alter, schmutziger Anzug voller Löcher, den sie auf keinen Fall tragen können. Aber ihren Körper müssen sie tragen.“ Im Laufe der zehn Tage, sagt Hrytsun, fingen die Männer an, ihren Körper wieder zu lieben.

„Sie hören auf, sich als Opfer zu fühlen“

Viktor erzählt, er sei gelassener geworden, und wie im Tunnel fühle er sich jetzt auch nicht mehr. Er habe wieder einen Blick für das Schöne auf der Welt: „Die Zeit hier hat mir geholfen, die Sonne und den blauen Himmel zu sehen. Vorher habe ich das nie geschafft.“ 

Am Ende des Camps, berichtet die Psychotherapeutin Frolova, hätten alle Männer und Frauen sich verändert. Manche hätten Kraft gesammelt, sich einen neuen Job jenseits des Militärs zu suchen. Andere wollten sich ehrenamtlich engagieren, etwa für die Rechte von Veteranen. Viele weinten, weil sie so dankbar sind. Und alle hätten ein neues Selbstbewusstsein. „Sie hören auf, sich als Opfer zu fühlen“, sagt Frolova. „Das ist sehr wichtig für unsere Gesellschaft.“ Denn der Krieg dauert an, und die Ukraine braucht Männer und Frauen, die daran nicht verzweifeln.

Andreas Lesch