Medientipp Kinofilm „Augenblicke“

Kurze Filme, lang im Kopf

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Ein Mann mit Brille sitzt am Tisch
Nachweis

Foto: Hai Latte, Carsten Strauch Filmproduktion, kfw

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Der Fisch stinkt? Kann man nichts machen.

Im Januar kommen die „Augenblicke“ in die Kinos. Zehn Geschichten verschiedener Regisseure,
kaum einer ist länger als ein paar Minuten. Manche sind humorvoll, manche nachdenklich oder
beides. Auf jeden Fall sind sie sehenswert.

„Man bekommt zehn Filme zum Preis für einen.“ So beschreibt Stephan Trillmich, was „Augenblicke Kurzfilme“ den Zuschauern bietet. Jeder einzelne sei Kunst und „absolut sehenswert“, sagt er. Der Referent vom Bistum Osnabrück hat als Mitglied der Auswahlkommission geholfen, die zehn Kurzfilme für das Projekt der katholischen Kirche zusammenzustellen. Sie sind von Januar bis April in Kinos in ganz Deutschland zu sehen. 

Nur wenige der Filme sind länger als fünf Minuten. Sie werden nacheinander gezeigt und haben am Ende etwa die Länge eines regulären Kinofilms. Die Filme fesseln. Sie reichen von lustig-locker über provokant bis poetisch und sorgen für das ein oder andere Tränchen. Leicht, fast seicht holt zum Beispiel „Hai Latte“ die Kinogänger zu Beginn der Vorstellung ab. Drei Minuten: Zwei Männer unterhalten sich in einem hippen Café. Darüber, wie der letzte Urlaub auf der Insel mit Luxushotel war. Alles super, alles bestens und nur zu empfehlen. Ein wenig störend? Der Haifisch auf dem Kopf des aus dem Urlaub Zurückgekehrten. Langsam stinke der zwar, sagt der mit dem Hai auf dem Kopf, aber: „Machste nix.“ Eine bitterfiese Kritik an denen, die im Ausland das Schöne mitnehmen und das Leid neben dem Hotel gekonnt ignorieren. Oder? Trillmich sagt: „Jeder darf eine eigene Interpretation haben.“ 

Ein Davidstern formt sich im Holz

Nicht alle Filme sind so lustig wie „Hai Latte“. Andere nehmen richtig mit. Zum Beispiel „Kratzer“. Drei Minuten, siebzehn Sekunden. Hauptcharakter: ein altes Schulpult in einem sonst leeren, dunklen Raum. Eine blecherne Stimme erzählt: „Gedankenexperiment. Du stehst auf, du putzt deine Zähne, gehst in die Schule.“ Die Kamera rückt näher an die Tischplatte. „Auf einmal bist du der Arsch. Es fängt an mit kleinen Sachen. Spuckkugeln.“ 

Der Film erzählt vom Innenleben eines Kindes, das Mobbing erlebt hat. Während der drei Minuten verändert sich der Tisch. Die Tischplatte wird beschmiert, ein Davidstern formt sich im Holz. Ein Papierflieger  landet auf dem Tisch. „Mongoboy“, steht darauf und „Spasti“. Drei Minuten, die zu Tränen rühren und im Kopf bleiben.

Das hat emotionalen Wert.

Potenzial, lange nachzuwirken, hat auch der spanische Film „Das Meisterwerk“. 20 Minuten ist er lang: Ein Ehepaar bietet einem Schrotthändler, der zu ihnen ins Haus kommt, einen alten Trockner an. Dann einen Kühlschrank. Die Frau will Gutes tun, der Ehemann, zerfressen von Vorurteilen gegenüber Fremden, die eine andere Hautfarbe haben, ist nervös – als könne jener jeden Moment das Haus leerräumen. Als sie in der Garage stehen, fragt der Händler, ob er auch das Fahrrad mitnehmen dürfe. Das Paar verneint, sagt: „Das hat emotionalen Wert.“ Der Fremde zieht ein Messer aus der Tasche. Das Paar erstarrt, doch der Mann will nicht angreifen, bloß helfen: „Wenn es Ihnen wichtig ist, dann repariere ich es.“

Die Bildsprache: mächtig. Die Handlung: wie ein Schachspiel. Im Auto des Händlers entdeckt das Paar ein Gemälde, ein Meisterwerk. Wahrscheinlich. „Mehr als unser Haus könnte es wert sein“, sagt die Frau leise zu ihrem Mann. 100 Euro bieten sie dem Händler. Der merkt, etwas stimmt nicht. Die Spannung steigt. Der Film ist ein Drama über Ungleichheit und Gier, Arm und Reich, Haben und Nicht- Haben. Er erzählt subtil, mal schnell, mal langsam. Lässt fast atemlos zurück und vor allem: nachdenklich.  Das Besondere an Kurzfilmen? Trillmich sagt: „Sie halten ein wahnsinnig reiches Angebot an Bildern und Gedanken und Fragen bereit, die für lange Zeit ausreichen, um darüber nachzudenken.“ 

Lisa Discher

Das Projekt „Augenblicke. Kurzfilme im Kino“ wird durch die Deutsche Bischofskonferenz gefördert und entsteht in Zusammenarbeit
mit den diözesanen Medienstellen. Die zehn Filme sind von Januar bis April 2026 in ausgewählten Kinos und online auf augenblicke-kurzfilme.de zu sehen.