Kindeserziehung zwischen Bindung und Freiheit

„Los, geh wieder spielen!“

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Kind auf einer Schaukel
Nachweis

Foto: imago/Westend61
 

Wie viel Freiheit brauchen Kinder? Zu dieser Frage gibt es unzählige Ratgeber. Der Familienberater Christoph Hutter sagt, Eltern sollten ihren Kindern zweiwesentliche Erfahrungen mitgeben: Sicherheit und Ermutigung, die Welt zu entdecken.

„Eigentlich ist Erziehung ganz einfach“, sagt Christoph Hutter. Der Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen im Bistum Osnabrück grinst. „Es dreht sich alles um Freiheit und Bindung, um Loslassen, um Vertrauen und um eine gute Beziehung. Mehr ist es nicht.“

Mehr ist es nicht? Erziehungsratgeber füllen ganze Bibliotheken, es gibt eine Fülle von Beratungsangeboten und eine Masse an Vorträgen über die verschiedenen Entwicklungsphasen von Kleinkindern oder den Umgang mit pubertierenden Teenagern. „Ja, und all diese Leute können mit dem, was sie tun, gut ihr Geld verdienen“, sagt Hutter. „Aber das Einmaleins der Erziehung ist sehr überschaubar.“

Wenn Hutter von diesem Einmaleins spricht, nennt er immer wieder den Begriff der Bindung. Also jene enge Beziehung von Kindern zu ihren Eltern, die sich in den ersten 18 Lebensmonaten herausbildet und festigt. Das, was wir in dieser Zeit an Zuneigung, Liebe und Wärme erfahren, prägt das Vertrauen in uns selbst und in andere Menschen. Es beeinflusst, wie wir Beziehungen gestalten und mit Problemen umgehen. „Der Begriff Bindung hat eine doppelte Bedeutung: Er bedeutet, dass die Eltern der sichere Hafen sind. Egal, was passiert, sie sind für das Kind da“, sagt Hutter. „Und auf der anderen Seite heißt Bindung auch, die Kinder zu ermutigen, frei zu sein und die Welt zu erforschen.“

Ein Idealbild von Bindung und Freiheit beobachtet Hutter immer wieder auf Spielplätzen. Wenn eine Mutter am Rand sitzt, ihr Kind spielt und tobt – und sie ihm die Freiheit dazu lässt. „Die Situation ändert sich erst, wenn das Kind ein Problem bekommt, sich zum Beispiel verletzt“, sagt Hutter. Dann sucht es automatisch die Nähe der Mutter. Die nimmt es auf den Schoß, tröstet, pustet, streichelt über den Kopf. „Das Kind beruhigt sich sofort. Und die Mutter gibt es wieder frei: Los, geh jetzt wieder spielen!“ Die Mutter ist für das Kind der sichere Hafen. Es weiß und lernt: Ich kann immer zu ihr kommen – egal, was passiert. Bei ihr finde ich Trost, Hilfe und Unterstützung. Und mit diesem Vertrauen gelingt es dem Kind, die Welt zu erobern. 

Hutter sagt, die Kombination aus Sicherheit und Bindung auf der einen Seite und Freiheit und Entdeckungslust auf der anderen Seite sei ideal: „Kinder, die in diesem Spannungsfeld groß werden, sind sicher gebunden – und können ihr Leben meistern.“ Wenn über Startchancen von Kindern gesprochen werde, sei es egal, ob ein Kind mit drei Jahren Geige spielt oder nicht. „Entscheidend ist, ob es sicher gebunden aufwächst“, sagt der Berater. „Freiheit heißt, sicher gebunden zu sein.“ Denn nur wer gebunden sei, lerne, sich frei zu entwickeln und freie Entscheidungen zu fällen.

„Die Mütter und Väter heute müssen nicht perfekt sein“

Aber was ist mit jenen Eltern, die übertreiben? Die wie Helikopter um ihre Kinder kreisen, die ihnen jede Gefahr aus dem Weg räumen und jedes Problem lösen? „Ich glaube, es gibt zwei große Bewegungen in unserer Gesellschaft“, sagt Hutter. Eben jene Eltern, die alles für ihr Kind tun und regeln. Und jene, die mit sich selbst überfordert sind und sich lieber hinter dem Handy verstecken, als mit den Kindern zu spielen. „Man kann auf beiden Seiten vom Pferd fallen“, sagt Hutter. „Weder das eine noch das andere ist richtig.“ 

Eltern müssten lernen, die richtige Balance zu finden. Hutter möchte sie ermutigen: „Die Mütter und Väter heute müssen nicht perfekt sein. Nicht mal gut. Es reicht, wenn sie gut genug sind.“ Das heiße auch, dass es Tage gebe, an denen es nicht gut läuft und der Geduldsfaden dünn ist. „Das sind dann Momente, in denen ich nicht erziehungsfähig bin. Und dann sollte ich auch nicht erziehen. Im Eifer des Gefechts wird das nichts“, sagt er und plädiert für mehr Gelassenheit: „Hört auf, euch mit alarmistischen Eltern-Ratgebern verrückt zu machen! Seid selbstbewusst, geht euren Weg als Eltern und hört auf eure Intuition!“

Das Wichtigste sei, die Bindung zu den Kindern zu stärken. „Dann ist es egal, ob die Sophie heute drei Schokokekse isst. Oder ob der Leon mit fünf Jahren immer noch im Bett bei den Eltern schlafen möchte“, sagt Hutter. Diese Aspekte, über die Eltern vortrefflich diskutieren könnten, seien letztlich nebensächlich. „Das Wichtigste ist die Bindung. Wenn wir in Bindung investieren, ist alles gut“, sagt Hutter. „Ich habe keine Sorge um Kinder, die erst mit sechs Jahren jede Nacht in ihrem Bett schlafen. Aber ich sorge mich um die Kinder, die nicht wissen, ob es einen Ort für sie gibt, wo sie hinflüchten können, wo sie sich sicher fühlen.“

Kerstin Ostendorf