Ein besonderes Praktikum für Studierende
Mit Gott auf der Insel
Foto: Dorothee Fleute
Zwei Wochen lang gestalten (v.l.) Ella, Maxine und Anna in diesem Sommer die Urlauberseelsorge auf Baltrum.
Mit flotten Strichen zeichnet Bianca Seidel eine Blumenwiese rund um ihre Initialen. Rosen, Tulpen, Sonnenblumen umranken die Buchstaben, verflechten sich mit ihnen. Geduldig beginnt die Urlauberin, die Blumenränder mit bunten Farben zu besticken. Während sie die Nadel durch den Stoff des Jutebeutels fädelt, erklärt sie: „BS – das ist mein Name, eingebettet in Blumen. Sie stehen für die allumfängliche Geborgenheit Gottes“.
„Go(o)die-Bag“, so nennt das Team der InselZeit auf Baltrum die Jutebeutel, die an diesem Nachmittag von Urlaubern verziert werden können. Im offenen, hellen Rund der Sommerkirche haben Anna Nolte, Maxine Thien und Ella Wachter-Sommerfeld Tische und Stühle aufgebaut, Material bereitgelegt. Die drei Studentinnen gestalten diesen Sommer zwei Wochen lang Angebote. Es gibt Morgen- und Abendandachten, Meditationen und Wanderungen am Strand, musikalische, gesellige oder kreative Aktionen oder Gesprächsabende.
Die Jutebeutelaktion ist die erste kreative Auszeit, die sie für die Inselurlauber anbieten. Anna (21) sagt: „In den Beuteln können die Menschen Erinnerungen an die Urlaubszeit, Momente von Segen oder Dankbarkeit sammeln, die sie an ihren Urlaub und die gute Zeit auf Baltrum erinnern.“
Bianca Seidel hat das Angebot im Schaukasten vor der Kirche entdeckt. „Das ist eine tolle Idee, niederschwellig Menschen anzusprechen, um ihnen Freude zu bereiten“, sagt sie. Dass junge Menschen auf Baltrum das Gesicht der Kirche sind, sich für den christlichen Glauben engagieren, beeindruckt die Urlauberin aus Niederbayern. Nach und nach gesellen sich weitere Menschen zu ihr an den Basteltisch – Familien, Jugendliche, Kinder. „Das hier ist ein wunderbarer Ort, eine andere Kirche, als man sie sonst so kennt“, betont eine Mutter und sieht sich begeistert um, bevor sie sich ihrer Bastelarbeit zuwendet.
Offen, hell und kreativ – so präsentiert sich die kleine reetgedeckte Kirche St. Nikolaus den Urlaubern auf der Nordseeinsel Baltrum. Sie wurde 1957 erbaut und als Winter- und Sommerkirche konzipiert. Im Winter ist die Inselgemeinde klein, im Sommer wächst sie mit den Urlaubern zu einer großen bunten Gemeinde auf Zeit. Seit 2017 gestalten hier im August jeweils zwei Teams von Studierenden Angebote der Urlauberseelsorge. InselZeit heißt das Projekt, das Pastoralreferentin Natalia Löster ins Leben gerufen hat. Die Theologin ist im Bistum Osnabrück zuständig für die Urlauberseelsorge an der niedersächsischen Küste und betont: „Die Studierenden haben auf Baltrum die Möglichkeit, Erfahrungen in der Begleitung von Menschen zu sammeln. Sie können sie sich ausprobieren und alternative Formen der Seelsorge erleben.“ Natalia Löster hat bereits viele junge Teamer erlebt, die hier über sich hinausgewachsen sind, die sich neue Dinge trauen, Selbstbewusstsein tanken, viele Anstöße für die Seelsorge mit nach Hause nehmen.
In der kleinen reetgedeckten Kirche im Westdorf der Insel herrscht ein reges Kommen und Gehen. Nicht jeder Gast möchte malen oder basteln. Manche genießen einfach die Ruhe und Stille oder besichtigen das architektonische Kleinod, das einen Altar in Muschelform, bunte Fenster mit Motiven aus dem Leben des heiligen Nikolaus und eines der wenigen Reetdächer auf der Insel besitzt. Dauerbrenner sind die Opferkerzen, die in einer Ecke der Kirche in einem Sandbett entzündet und aufgestellt werden können. Das haben die Studierenden gleich am ersten Tag festgestellt. Während ihres Aufenthaltes übernehmen sie auch den Küsterdienst und sind auch für den Nachschub beim Kerzenvorrat zuständig, der regelmäßig aufgefüllt werden muss. Darüber hinaus bereiten sie die Gottesdienste vor und nach, übernehmen Lektoren- oder Ministrantendienste. „Meistens finden sich aber Urlauber, die sich gerne einbringen“, erklärt Maxine (27). Sie erlebt die Menschen auf der Insel viel entspannter und offener, freier und spontaner. Das motiviert und begeistert sie.
Die Gesichter der Gäste sind den drei Studentinnen schnell vertraut. Denn viele Urlauber kommen regelmäßig auf die Insel und in die kleine Inselkirche. Über das Vertrauen, das ihnen bei ihren Begegnungen entgegengebracht wird, freuen sich die jungen Erwachsenen. „Man kommt schnell ins Gespräch, auch über tiefsinnige Fragen und Dinge, die einen im Leben bewegen“, erzählt Maxine, die als Lehramtsstudentin später auch Religion unterrichten wird. Zuhören können sei eine wichtige Eigenschaft einer Seelsorgerin. Das habe sie gelernt. „Manchen reicht es schon, wenn sie sich die Sorgen von der Seele reden können“, erzählt sie.
Im großen, offenen Rund der Sommerkirche baut Ella verschiedene Stationen auf. Die 26-Jährige studiert evangelische Theologie, möchte Menschen begleiten – auch während ihrer Zeit auf der Insel. An den Stationen können Urlauber ein Samenkorn als Zeichen für einen Neuanfang pflanzen, persönliche Segenssprüche aus einer Flaschenpost nehmen, Sorgen auf einen Stein schreiben und ihn dann ins Meer werfen oder auf einem Zettel notieren, was Urlaub für sie bedeutet. Den Besuchern fällt dazu jede Menge ein, sodass schnell eine bunte Sammlung an persönlichen Motiven entsteht: So ist Urlaub „Familienzeit“, „Energie für einen Neuanfang“, „Ruhe für die Seele“, „eine kurze Zeit ohne Stress“ oder „Zeit mit Gott … gehimmelt und geerdet“.
Schutzengel erinnert an eine segensreiche Zeit.
Gastpriester Stefan Maria Huppertz aus München hat schon viele Studierende auf der Insel erlebt und liebt die „erfrischende Art, die Spontaneität und die Freiheit“ in der sie die vielen Angebote gestalten. Gerne begleitet er die Studierenden und betont: „Sie erleben hier, wie es ist, ein Gesicht von Kirche zu sein“. Dazu gehöre auch eine gewisse Frustrationstoleranz, „wenn Angebote mal nicht so gut angenommen werden“. Und er erinnert sich schmunzelnd an eine Müllsammelaktion am Strand, die sehr erfolglos endete, „weil das die hier auf Baltrum zum Glück nicht notwendig ist“. Für das Team endet nach zwei Wochen eine intensive Zeit auf der Insel mit vielen guten Gesprächen und Erlebnissen, Dünenausblicken, Meeresleuchten, Sternschnuppen und Sonnenuntergängen am Meer. Die Abschlussveranstaltung ihrer InselZeit ist eine Wanderung um die Insel mit Impulsen zum Motto „Geh mit Gott“. Am Ende erhält jeder Teilnehmer einen Schutzengel-Anhänger als kleines Andenken an eine erholsame und segensreiche Urlaubszeit – mit den Studentinnen und mit Gott
Studierende, die Interesse an der InselZeit haben, können sich melden bei Natalia Löster, Tel. 04931 9329439 oder per E-Mail: n.loester@bistum-os.de