Ausbildung von muslimischen Seelsorgern in Osnabrück

Religiöse und kulturelle Dolmetscher

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Christliche und muslimische Seelsorgerin
Nachweis

Foto: Thomas Osterfeld

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Mona Abdul-Kader (rechts) hat ein Praktikum im Klinikum Osnabrück absolviert – begleitet von der katholischen Seelsorgerin Sibylle Hartong.

Am Islamkolleg in Osnabrück werden muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger ausgebildet. Sie sind gefragt, kommen aber bislang nur ehrenamtlich zum Einsatz. Mona Abdul-Kader ist dennoch motiviert und erzählt von ihren Praktikumserfahrungen im Krankenhaus.

Es kommt vor, dass eine Pflegekraft auf der Intensivstation nicht mehr weiterweiß – weil sich dort gerade zehn bis 20 muslimische Familienmitglieder um das Bett des kranken Vaters drängen. Das stört sowohl die Mitpatienten als auch den Arbeitsablauf auf der Station. Mona Abdul-Kader sagt, sie selbst habe eine solche Situation während ihres Praktikums im Klinikum Osnabrück nicht miterlebt. Aber sie hätte den Konflikt entschärfen können. Als Vermittlerin.

Die angehende Seelsorgerin hätte der Pflegekraft zum Beispiel erklärt, dass Gemeinschaft für viele Muslime eine wichtige Quelle für seelisches Wohlbefinden ist. Dass Krankenbesuche zu den Pflichten im Islam zählen. Sie gelten der Anteilnahme; es geht darum, Trost zu spenden und an die religiösen Ideale der Geduld und des Gottvertrauens zu erinnern. Andererseits: Großfamilienbesuche kollidieren mit Krankenhausregeln und bergen Infektionsgefahren. Die Seelsorge-Praktikantin hätte die Angehörigen also auch deutlich um Rücksichtnahme gebeten.

Mona Abdul-Kader begeistert sich für ein noch recht junges Berufsfeld: professionelle muslimische Seelsorge. Sie studiert das Fach Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Vor zwei Jahren ist sie aus Heidelberg nach Osnabrück gezogen, um ihren Masterabschluss zu machen. Seit der Corona-Pandemie treibt sie die Frage um, wie Menschen in Krisenzeiten mit Leid umgehen. Leid zu lindern, für andere Menschen da zu sein, zuzuhören und sich selbst zu reflektieren – das interessiert sie. Am Islamkolleg in Osnabrück absolviert sie deshalb eine berufsbegleitende Seelsorgeausbildung, die sie im Januar abschließen wird.

Praktische Erfahrungen sammelte Mona Abdul-Kader in mehreren Osnabrücker Altenpflegeheimen – und zuletzt im Klinikum. Dort wurde sie von Sibylle Hartong begleitet. Die katholische Seelsorgerin macht muslimische Praktikanten mit dem „System Krankenhaus“ vertraut und erklärt ihnen die Strukturen: um zu verstehen, was Patienten und Angehörige erleben, welche Fragen sie haben. Und auch, wie die verschiedenen Dienstgruppen – Therapeuten, Pflegekräfte, Ärzte, Ehrenamtliche – mit kranken Menschen arbeiten und auf deren Bedürfnisse eingehen. „Sie sehen und hören, wie kommuniziert wird, wo es Grenzen gibt und Chancen“, sagt Hartong. „Jeden Tag reflektieren wir im Gespräch das Erlebte. Daraus ergeben sich Fragen und Antworten.“

Martin Kellner
Der islamische Theologe Martin Kellner ist Referent in der Seelsorgeausbildung. Foto: Anja Sabel

Seelsorge heißt für Sibylle Hartong, aus der inneren Haltung heraus ein Beziehungsangebot zu machen. Jeder Mensch im Krankenhaussystem habe eine eigene Würde, eine eigene Geschichte, eine eigene Spiritualität. Sie betont: „Seelsorge bedeutet, wahrzunehmen und ansprechbar zu sein.“

Mona Abdul-Kader hatte während ihres Praktikums überwiegend Kontakt zu christlichen und nichtgläubigen Patienten. Ihr gelang es schnell, Vertrauen zu gewinnen. Dass sie sich als Muslimin mit Kopftuch vorstellte, war kein Hindernis. „Es waren schöne Gespräche, weil ich das Gefühl hatte, dass die Leute sich öffnen. Wir haben darüber gesprochen, was sie gerade beschäftigt und was ihnen Angst macht“, sagt sie. Nur in einem Fall habe sie ihre Kollegin rufen müssen: als eine christliche Familie für ihren sterbenden Vater beten wollte.

In Zukunft als Seelsorgerin zu arbeiten, in religiösen und kulturellen Belangen zu vermitteln, bei Sprachbarrieren zu helfen – das würde Mona Abdul-Kader gefallen. Allerdings kann sie damit kein Geld verdienen. Es gibt bislang nur sehr wenige hauptamtliche muslimische Seelsorger in Deutschland. Und das liegt nicht am mangelnden Interesse – die Bewerbungen sind zahlreich: Frauen und Männer aus Medizin, Erziehungswissenschaften, Psychologie, Software-Entwicklung, Polizei; auch einige Imame.

Viele Muslime sind glücklich, wenn da jemand kommt, der sie versteht

Allesamt Idealisten, denen bewusst ist, dass mehr als ein professionelles Ehrenamt vorerst nicht möglich ist. Martin Kellner, Professor für Koranwissenschaft am Osnabrücker Institut für Islamische Theologie und Referent in der Seelsorgeausbildung, bedauert das, denn er sieht Handlungsbedarf: in Krankenhäusern, in den Hospizen, den Justizvollzugsanstalten, in der Notfallseelsorge, neuerdings auch in der Militärseelsorge. „Aber der Islam hat keine Strukturen, wie sie die Kirchen haben. Vielen muslimischen Gemeinden bereitet es schon Probleme, von ihren Vereinsmitgliedern so viel Spenden einzuwerben, dass sie die Miete für ihre Gebetsräume bezahlen können.“

Seelsorge ist weitestgehend christlich geprägt, geregelt durch Verträge zwischen den Bundesländern und den christlichen Kirchen, fest etabliert in vielen kommunalen Einrichtungen. Für Muslime gab es lange Zeit nichts Vergleichbares. Eine institutionalisierte Seelsorge ist eher unbekannt, denn traditionell steht die Familie kranken und notleidenden Angehörigen bei. Das ist der Idealzustand. Mittlerweile verändert sich auch die muslimische Community in Deutschland, werden Familien kleiner, driften Familien auseinander, sind Menschen einsam. Die muslimische Telefonseelsorge beispielsweise sei enorm gefragt, sagt Kellner.

Seit 2022 werden muslimische Seelsorgerinnen und Seelsorger an zwei Standorten ausgebildet – 30 Personen pro Jahr. Einer dieser Standorte ist das Islamkolleg in Osnabrück. Die Ausbildungsmodelle verbinden islamische Theologie mit humanwissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen aus der christlichen Seelsorge. Noch sind viele Fragen offen. Was Martin Kellner aber mit Sicherheit sagen kann: Viele Muslime sind glücklich, wenn da jemand kommt, der sie versteht. „Weder Pflegende noch Ärzte haben oft Zeit, sich auf kulturelle Feinheiten einzulassen. Seelsorger könnten hier eine wichtige Brücke sein: als religiöse, kulturelle und sprachliche Dolmetscher.“ Das, betont Kellner, sei eine große Chance der muslimischen Seelsorge. Sie könne zugleich den Krankenhausbetrieb entlasten – und der Gesellschaft insgesamt nützen.

Anja Sabel

Zur Sache

Die Seelsorgeausbildung am Islamkolleg in Osnabrück ist berufsbegleitend und umfasst ein Jahr plus 45 Stunden Praktikum. Die Referenten unterrichten im muslimisch-christlichen Tandem. Langfristiges Ziel ist es, deutschlandweit islamische Seelsorge anzubieten. Weitere Informationen