Pilgern als Forschungsthema

Von Bilanzierern und Krisenpilgern

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Wer pilgert, nimmt Abstand vom Alltag und öffnet sein Herz für neue Eindrücke und Erfahrungen. Der Sozialwissenschaftler Christian Kurrat befasst sich mit dem Pilgern. Zusammen mit Kollegen an der Fernuniversität Hagen hat er es zum Forschungsthema gemacht.


Pilgertour in kleiner Gruppe. Foto: privat/Walther

Seit langer Zeit erfreut sich das Thema Pilgern großer öffentlicher Aufmerksamkeit. Wie nehmen Sie das wahr?

Tatsächlich erlebt das Pilgern seit einigen Jahren eine richtige Renaissance. 2019 pilgerten knapp 350  000 Menschen aus aller Welt nach Santiago de Compostela. Im Vergleich zu 2017 ist das ein Anstieg um 50  000. Und das sind nur die Pilger, die sich registrieren lassen, die wahre Zahl dürfte um 20 bis 30 Prozent höher liegen. Insgesamt spricht man von einer Steigerung von acht Prozent der Pilgerzahlen pro Jahr. 

Wie erklären Sie diese Zahlen?

Das mediale Interesse am Pilgern hat enorm zugenommen und vielerorts finden regelmäßig Pilgervorträge statt. Das weckt offenbar Sehnsüchte. Messbar wird das steigende Interesse auch an der Zahl der Veröffentlichungen. 1990 gab es im deutschsprachigen Raum ein gutes Dutzend Titel, die sich mit dem Pilgern beschäftigten, mittlerweile sind es mehr als 500. Als wichtige Veröffentlichung, die das Interesse am Pilgern ungemein angeregt hat, ist Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ von 2006 zu sehen. Es ist das meistverkaufte Sachbuch Europas geworden und wurde in elf Sprachen übersetzt. Danach ist die Zahl der deutschsprachigen Pilger um 70 Prozent gestiegen. In dem Buch wird gezeigt, was das Pilgern mit einem Menschen machen kann. Der Jakobsweg ist für Menschen in biografischen Krisen und Umbruchphasen ein Lösungsweg. Insgesamt fügt sich das Pilgern übrigens auch in den gesellschaftlichen Trend des Wanderns und des verstärkten Interesses an Naturerfahrungen ein. Man taucht unterwegs in eine Welt ein, die ganz anders ist als der Alltag. 

Wie viel hat Pilgern denn heute noch mit Religion zu tun?

Natürlich gibt es immer noch die traditionell religiösen Pilger. Insgesamt muss man aber sagen, dass religiöse Motive quantitativ auf den hinteren Plätzen rangieren. Die Mehrheit der Pilger macht sich aus Selbstfindungsmotiven oder zum Zwecke der Naturerfahrung auf den Weg. In der Regel sind es biografische Aspekte, die zum Pilgern führen. Man kann also festhalten: Pilgern als religiöse Praxis erfüllt auch für nichtgläubige Menschen eine wichtige Funktion. In meinen Gesprächen mit Pilgern war ich überrascht, wie wichtig und aufgeschlossen auch nichtreligiöse Pilger für Transzendenzerfahrungen und Spiritualität auf ihrem Weg waren. 


Pilgerforscher Christian Kurrat. Foto: privat

Sie unterscheiden fünf Typen von Pilgern. Welche sind das?

Als Erstes sind da „die Bilanzierer“. Das sind Menschen, die das Ende ihres Lebens vor Auge haben, meist durch Alter oder eine Krankheit. Der zweite Typ ist der „Krisenpilger“. Das sind Menschen, die mit einem schockierenden Ereignis konfrontiert waren, das sie aus der Bahn geworfen hat. Ein spannender Pilgertyp sind die „Übergangspilger“. Das sind Menschen, die sich in einer normalen Übergangsphase befinden. Etwa nach dem Studium und vor dem Einstieg in den Beruf. Die vierte große Gruppe, sind Menschen, die sich eine Auszeit nehmen. Sie haben oft Burn-out-Erfahrungen und fühlen sich im Alltag wie im Hamsterrad. Als letzte Gruppe sind die „Neustart-Pilger“ zu nennen. Sie haben einen Bruch in ihrem Leben selbst gewollt. 

Was bedeutet Corona für das Pilgern?

Corona ist auf der einen Seite eine Katastrophe für Pilger und alles, wasdaran hängt. Statt der 350 000 Pilger auf dem Jakobsweg aus 2019, sind bis zum Jahresende 2020 kaum mehr als 50 000 Menschen nach Santiago de Compostela gekommen. Auf der anderen Seite ist es vielleicht auch ganz gesund, denn in den letzten Jahren nahm die Kommerzialisierung auf dem Jakobsweg immer weiter zu und die letzten 100 bis 200 Kilometer waren sehr überlaufen. 

Interview: Martina Albert