Interview: Seelsorge im Urlaub

Warum der Priester Axel Werner Kreuzfahrten begleitet

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Axel Werner
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Foto: kna/Sabine Kleyboldt

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Axel Werner, Priester der deutschsprachigen Gemeinde auf Gran Canaria - im Stadion von Las Palmas. 

Axel Werner (61) begleitet Kreuzfahrten als katholischer Seelsorger. Im Interview erzählt er, wie er an Bord Beichten hört und Silberhochzeiten feiert und welche berührenden Momente er erlebt.

Herr Werner, Sie sind seit fast 30 Jahren Kreuzfahrtseelsorger. Wie sind Sie dazu gekommen?

Das war eher zufällig. Nach meiner Kaplanszeit im Erzbistum Köln hatte ich mich für einen Auslandseinsatz beworben und sollte nach Ecuador gehen. Damals fragte mich das Katholische Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, ob ich nicht Interesse hätte, in den Sommerferien auch Kreuzfahrtseelsorge zu übernehmen. Es ist ein Ehrenamt, das Seelsorger in der Regel in ihrem Urlaub übernehmen. Ich war damals 30 Jahre alt und neugierig. Also habe ich zugesagt – und bin bis heute dabei geblieben.

Wie oft fahren Sie mit?

Im Regelfall einmal im Jahr. Es gab längere Unterbrechungen, etwa während meiner Zeit als Generalpräses des Kolpingwerks. Aber grundsätzlich gehört ein Kreuzfahrteinsatz in den Sommerferien seit vielen Jahren zu meinem Jahresablauf. Das begrenzt die Route auf die nördlichen Gebiete, also Norwegen, England und Ostsee, weil in dieser Jahreszeit Kreuzfahrten in tropische Gebiete gar nicht angeboten werden.

Wie sieht ein Tag an Bord aus?

Das hängt stark von der Route ab. Besonders gefragt sind wir an Seetagen, wenn die Gäste nicht zu Landausflügen unterwegs sind. Der Tag beginnt häufig mit einer ökumenischen Morgenandacht, sonntags mit einer Messe. Dazu kommen Gesprächskreise zu unterschiedlichen Themen und natürlich Einzelgespräche. Außerdem begleiten wir Jubiläen wie Silber- oder Goldhochzeiten. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist auch die Seelsorge für die Besatzung. Die Gespräche mit Crewmitgliedern finden oft abends oder nachts statt, weil die Menschen tagsüber arbeiten.

Warum suchen Menschen auf einer Kreuzfahrt das Gespräch mit einem Seelsorger?

Ich glaube, das hat viel mit den veränderten Lebensumständen im Urlaub zu tun. Die Menschen sind aus ihrem Alltag herausgenommen. Viele Zwänge fallen weg. Gleichzeitig ist der Seelsorger präsent und leicht ansprechbar. Man muss keinen Termin im Pfarrbüro vereinbaren oder lange warten. Viele nutzen diese Gelegenheit. Das gilt übrigens nicht nur für Kirchenmitglieder. Immer wieder kommen Menschen auf mich zu, die längst aus der Kirche ausgetreten sind und dennoch das Bedürfnis haben, über ihr Leben, ihren Glauben oder ihre Sorgen zu sprechen.

Mit welchen Themen kommen die Menschen zu Ihnen?

Es gibt schöne Anlässe wie Ehejubiläen. Aber häufig geht es um Krankheit, Trauer und Verlust. Manche erzählen, dass sie zum ersten Mal allein verreisen, weil der Partner verstorben ist. Andere berichten von einer schweren Erkrankung und sagen: „Herr Pfarrer, vielleicht ist das meine letzte Reise.“ Es gibt Menschen, die über familiäre Konflikte sprechen möchten. Ich habe auch Gespräche mit Missbrauchsbetroffenen geführt, die erstmals den Mut gefunden haben, sich zu öffnen.

Gibt es eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja. Bei einer Reise setzte ich mich zu einer Mutter und ihrem Sohn an den Tisch. Der Sohn hatte erkennbar eine Behinderung. Die Mutter sagte mir später unter Tränen, dass zuvor schon fünf Menschen den Tisch gesehen hätten und vorbeigegangen seien. Als sie ihren Sohn gesehen hätten, seien sie weitergegangen und hätten sich einen anderen Platz gesucht. Wir haben einen wunderbaren Abend miteinander verbracht. Das hat mich sehr berührt. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, wie viel Würde, Respekt und Freude schon durch einfache Nähe und Zugewandtheit entstehen können.

Hatten Sie schon Todesfälle an Bord?

Ja, das kommt fast bei jeder Reise vor. Viele Passagiere sind bereits älter und bringen Vorerkrankungen mit. Herzinfarkte oder Schlaganfälle können leider auch während einer Reise auftreten. Dann ist es wichtig, als Seelsorger präsent zu sein. Natürlich wünschen nicht alle Menschen in einer solchen Situation den Kontakt zu einem Pfarrer. Aber viele sind dankbar, wenn jemand da ist, zuhört und die Angehörigen begleitet.

Sie kümmern sich nicht nur um die Passagiere, sondern auch um die Besatzung. Worin unterscheiden sich diese Gespräche?

Die Crew hat oft ganz andere Sorgen. Viele arbeiten acht oder neun Monate am Stück an Bord. Besonders häufig treffe ich auf Menschen von den Philippinen oder aus Vietnam. Sie sind weit von ihren Familien entfernt und haben oft nur eingeschränkte Möglichkeiten, Kontakt nach Hause zu halten. Es geht um Eheprobleme, um Sorgen um die Kinder oder um die Belastung, über Monate getrennt zu leben. Manchmal entwickelt sich auch eine Art Lagerkoller an Bord. Für viele Crewmitglieder sind Gottesdienst oder Beichte ein wichtiger Halt.

Wo finden Ihre Gespräche statt? 

Die Gespräche finden immer in öffentlichen Bereichen statt, etwa in der Bibliothek oder in ruhigen Ecken von Restaurants und Bars. Die Gottesdienste werden je nach Schiff unterschiedlich gefeiert. Manche Schiffe nutzen das Bordkino, wo vor der Leinwand ein Altar aufgebaut wird. Auf der MS Amera etwa gibt es eine Kapelle in der Panoramalounge mit einem 180-Grad-Blick aufs Meer. Das ist für die Passagiere sehr ansprechend.

Interview: Michael Althaus