Impuls zur Sonntagslesung am 16. August 2026

„Ihre Weite knackt seine Enge“

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Gemälde von Annibale Carracci
Nachweis

Foto: wikimedia commons

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Jesus schaut abweisend, die Frau lässt nicht locker. Gemälde von Annibale Carracci, 1595

Im Evangelium zeigt Jesus seine garstige Seite. Er ist ganz und gar kein Menschenfreund und beleidigt die Frau, die ihn um Hilfe bittet. Das zeigt, dass er nicht nur Gott ist, sondern auch Mensch – und lernfähig, sagt die Theologin Julia Knop.

Frau Professorin Knop, Jesus reagiert sehr abweisend gegenüber der Frau, die ihn bittet. Wie passt das zum gängigen Bild vom Menschenfreund?

Jesus agiert nach damaligen jüdischen Maßstäben erwartbar und normal. Er wusste sich zu den Kindern Israels gesandt, nicht zu allen Völkern. Im Lauf der Perikope weitet er seine enge Sicht. Dass wir uns darüber wundern, sagt mehr über unser Jesus-Bild aus als über den historischen Jesus.

Inwiefern?

Unser Jesus-Bild ist von den Dogmen des 4. und 5. Jahrhunderts geprägt, die in das große Glaubensbekenntnis mündeten. Jesus Christus wird darin als wahrer Gott und wahrer Mensch bekannt. Kontrovers war damals weniger, dass Jesus „ganz Mensch“ war. Kontrovers war vielmehr „ganz Gott“: Wie sollte man das denken? Bei uns ist es heute umgekehrt: Wir tun uns schwerer damit, dass Jesus ganz Mensch war. Manche sehen in ihm eine Art „Superman“, der alles konnte und wusste, nichts lernen musste und praktisch unfehlbar war. Das bleibt hinter dem Zeugnis der Bibel und auch hinter dem dogmatischen Stand der alten Kirche zurück.

Julia Knop
Julia Knop: Foto: Universität Erfurt

Wie meinen Sie das?

Göttlichkeit und Menschlichkeit Jesu können nicht aufgerechnet oder gegeneinander ausgespielt werden. In Jesu Menschlichkeit zeigt sich, wie Gott ist. Jesu Menschsein macht Gott nahbar. Dass Jesus ganz Mensch war, heißt auch: Er wurde religiös sozialisiert. Seine Persönlichkeit reifte. Sein Selbstverständnis und Sendungsbewusstsein entwickelten sich. Warum sollte man das Jesus nicht zugestehen? Ich finde es total hilfreich, dass das Matthäus-Evangelium kein Problem damit hat, diese Entwicklung Jesu darzustellen.

Jesus wählt einen drastischen Vergleich mit Hunden. Das irritiert doch, oder?

Ja, total, wobei das Bild bei Matthäus bereits abgeschwächt ist. Eigentlich sind Hunde in der Antike Streuner, Aasfresser, von denen man sich tunlichst fernhält. In der Bibelstelle wird nur vom Hündchen oder Haushund gesprochen. Dennoch passiert hier ein „Othering“: Die Frau wird aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt. Das würden wir heute „gruppenbezogene Diskriminierung“ nennen.

Und in dieser Situation erweist sich Jesus als Lernender?

Ja, denn als die Frau Jesus das herabsetzende Bild von den Hunden spiegelt, verändert sich etwas. Sie bricht seine Reserve auf. Vorher hatte er sie mit keinem Wort gewürdigt. Jetzt antwortet er ihr. Nicht bloß, weil sie nervt, sondern weil sie ihm mehr zutraut, als er glaubte, für sie als Kanaaniterin tun zu sollen. Ihre Weite knackt seine Enge.

Ist das eine Veränderung bei Jesus selbst oder verändert sich nur unser Blick auf ihn?

Die Erzählung ist da ganz eindeutig: Jesus lernt. Er verändert sich. Er durchläuft eine religiöse Entwicklung. Das finde ich ganz wichtig.

Inwiefern?

Wir können daran sehen, dass es auch in religiösen Fragen kein Problem ist, zu lernen und die Perspektive zu weiten. Wir dürfen alte Überzeugungen und gewohntes Verhalten korrigieren. Als Einzelne und als Kirche. Wir müssen das sogar tun, wenn wir erkennen, dass das Übliche dem Gegenüber nicht gerecht wird. Es gab ja diverse Um- und Abwege in der Kirche, Überheblichkeit und Diskriminierung, sogar im Namen Gottes. Wir müssen daran aber nicht festhalten. Es ist gut, dass wir das heute freimütiger wahrnehmen. Nur so ist schließlich Veränderung möglich.

Manche Bischöfe sagen von sich, sie hätten eine Lernkurve in Sachen struktureller Diskriminierung und Gewalt in der Kirche erlebt.

Ja, aber es gibt immer noch viel Diskriminierendes in der Kirche – im Blick auf Frauen, auf queere Menschen, auf die Machtfrage. Da braucht es dringend weitere Entwicklungsschritte in Kirche und Lehramt. Die sind aber möglich, und da ist das Beispiel Jesu ein lebensnahes Korrektiv.

Was bedeutet das konkret?

Wenn wir Aufbau und Ziel der Bibelstelle anschauen, werden Parallelen zur heutigen Zeit deutlich: Es gibt auch heute Gruppen, die wie die kanaanäische Frau bitten und drängen und kirchlich Verantwortliche sicher auch nerven, weil sie endlich anerkannt und nicht mehr diskriminiert werden wollen. Aktuellstes Beispiel ist die Laienpredigt, die vom Vatikan mal wieder abschlägig beschieden wurde – unter Hinweis auf geltendes Recht und kirchliches Selbstverständnis und ohne wahrzunehmen, dass darin auch viel Problematisches steckt. Man argumentiert ähnlich wie Jesus am Anfang der Bibelstelle und verfehlt sowohl die beschriebene Lernkurve als auch das Ziel: Menschliche Grenzen sollen Gottes Heilswillen nicht beschränken.

Ist das ein Appell – an die Kirche, an die Gläubigen?

Ja, und eine Einladung, sich einen Lernweg zu erlauben, ohne Sorge, dadurch unglaubwürdig zu werden. Ich halte es für ein Zeichen von Stärke, lernbereit und lernfähig zu sein und althergebrachte Gewohnheiten und Strukturen kritisch zu hinterfragen. Dazu helfen Menschen wie die kanaanäische Frau, die hartnäckig widersprechen, wo immer kirchliche Enge Gottes Heilswillen Grenzen setzt. Gottes Maß führt immer in ein Mehr an Weite.

Interview Michael Kinnen

Zur Person

Julia Knop (49) ist seit 2016 Professorin für katholische Dogmatik an der Universität Erfurt.