Thomas Kater klärt auf, wie man obdachlosen Menschen besser hilft
Wie helfe ich wohnungslosen Menschen richtig?
Foto: kna/Harald Oppitz
Wie sollte ich reagieren, wenn ich einen obdachlosen Menschen sehe, dem es offensichtlich nicht gut geht?
Pauschal kann man das nicht sagen. Zuerst muss ich mich fragen: Traue ich mich, diesen Menschen anzusprechen? Wenn ich den Eindruck habe, ihm geht es nicht gut oder es ist lebensbedrohlich, weil es zum Beispiel sehr kalt ist oder bei sichtbaren Verletzungen, kann ich immer den Rettungsdienst unter der Nummer 112 anrufen. Die Disponenten sind sehr aufgeschlossen und nehmen das ernst. Sie schicken Einsatzkräfte vorbei, die die Situation aus medizinischer Sicht einschätzen. Lieber wählt man den Notruf einmal zu oft, anstatt gar nichts zu tun. Wenn kein medizinischer Notfall vorliegt, kann man uns in Osnabrück unter der Nummer 330 350 anrufen. Wir verbinden dann mit einem Sozialarbeiter und fahren vorbei, um vor Ort zu helfen.
Wie sollte ich mich auf keinen Fall verhalten?
Ignorieren und denken, das sei egal und schon nicht so schlimm. Außer Nichtstun kann man nichts falsch machen. Und wenn man doch merkt, die Situation entgleist oder man möchte den Menschen nicht direkt ansprechen – was ich auch verstehen kann – dann kann man immer den Notruf absetzen oder uns anrufen.
Manchmal fällt es schwer zu entscheiden: Soll ich lieber Geld geben oder zum Beispiel ein Brötchen kaufen?
Auch da gibt es kein Pauschalrezept. Manche nutzen das Geld, um sich zum Beispiel Alkohol zu kaufen. Das ist zwar nicht toll, aber so wird niemand bevormundet und die Eigenständigkeit der Menschen gewahrt. Wenn ich den Alkoholkauf nicht unterstützen möchte, sollte ich trotzdem nicht ungefragt Essen anbieten. Was spricht dagegen, die Menschen anzusprechen und zu fragen: „Ich möchte Ihnen etwas Gutes tun und denke dabei an Brötchen oder Kaffee. Körner oder Weizen? Was möchten Sie auf dem Brötchen haben? Möchten Sie einen Kaffee oder lieber Tee?“ Schon ist man im Gespräch. Und das ist meine Bitte: Sprecht die Leute doch einfach an. Das sind Menschen wie du und ich. Die freuen sich, wenn jemand mit ihnen spricht und sich interessiert.
Gibt es Organisationen, an die ich spenden kann?
Ja, wir freuen uns sehr über Spenden! Auf unserer Homepage kann man sich mit dem neuen Spenderportal selbst aussuchen, wo die Spende hingehen soll. Unter anderem für eine günstige warme Mahlzeit, unsere Tageswohnung, unseren Nothilfefonds, wo wir unbürokratisch helfen können, oder andere Projekte. Wir nehmen auch Sachspenden. Aktuell brauchen wir große Rucksäcke mit viel Stauraum, Boxershorts, Frischhaltedosen, Isomatten, Schlafsäcke und frisches Obst. Und dann auch Hygieneartikel wie Zahnpasta oder Duschgel – das können wir immer brauchen.
Was ist aus Ihrer Sicht das größte Missverständnis über obdachlose Menschen?
Dass sie so leben und sich nicht verändern wollen. Niemand möchte freiwillig auf der Straße leben. Der Wunsch nach Veränderung versteckt sich einfach hinter Resignation. Wenn man mit den Menschen spricht, stellt sich oft heraus, dass sie schon weg von der Straße wollen, es aber nicht schaffen. Und wer gibt schon gerne zu, dass er etwas nicht schafft? Natürlich haben die diejenigen, mit denen wir arbeiten, keinen überbordenden Optimismus; sie sind häufig melancholisch oder depressiv. Es ist dann auch unser Job, sie zu motivieren und sie zum Mitmachen anzuregen.
Bis 2030 will die Bundesregierung Wohnungs- und Obdachlosigkeit überwinden. Ist das realistisch?
Kein Stück. Ich halte das nicht für realistisch. Es fehlt an Wohnungen, an Sozialwohnungen. Aber es ist gut, dass das Thema so auf der Tagesordnung steht. Auf dem ersten Wohnungsmarkt bekommen unsere Leute so gut wie keine Wohnung. Auch wir als Soziale Dienste SKM haben Schwierigkeiten; wir möchten gern eine Tageswohnung für Frauen einrichten, aber niemand will an uns vermieten. Da wird einem auch klargemacht, dass wir nicht erwünscht sind. Wohnungslosigkeit endet nicht automatisch mit dem Einzug in eine Wohnung. Wenn Menschen sich in ihrer neuen Umgebung noch einsam und unsicher fühlen, brauchen sie weiterhin Unterstützung. Wir sind so lange da, wie es nötig ist und ziehen uns Schritt für Schritt zurück, damit sie ihr Leben selbstbestimmt und eigenständig in die Hand nehmen können.
Haben Sie eine Wohnung zu vermieten oder könnten Sie 180 Quadratmeter für eine Tageswohnung für Frauen zur Verfügung stellen? Kontakt: Thomas Kater, Telefon 05 41/3 30 35 25, E-Mail: t.kater@soziale-dienste-skm.de
97,5 Prozent aller wohnungslosen Menschen haben im Report der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe angegeben, dass sie sich eine eigene Wohnung für sich oder ihre Familie, ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft oder alternative Wohnformen bzw. Unterbringung wünschen.
Was ist der Unterschied zwischen Wohnungs- und Obdachlosigkeit?
Wohnungs- und Obdachlosigkeit werden im alltäglichen Sprachgebrauch oft verwechselt oder gleichgesetzt. Wohnungslosigkeit ist der übergreifende Begriff, Obdachlosigkeit bezeichnet lediglich einen Teil der Wohnungslosigkeit.
Als wohnungslos werden alle Menschen bezeichnet, die über keinen mietvertraglich abgesicherten oder eigenen Wohnraum verfügen, obdachlos sind, vorübergehend bei Verwandten oder Bekannten untergekommen sind, in Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege oder in kommunalen Einrichtungen leben.
Als obdachlos werden Menschen bezeichnet, die im öffentlichen Raum wie beispielsweise in Parks, Gärten, U-Bahnhöfen, Kellern oder Baustellen übernachten oder über die jeweiligen Ländergesetze der Sicherheit und Ordnung vorübergehend untergebracht sind.
Gemeinsam haben diese Lebenssituationen, zu denen auch das Leben in Wohnungen mit gravierenden baulichen Mängeln oder eingereichte Räumungsklagen zählen, die existierende Wohnungsnot. Deshalb wird fachlich häufig von Wohnungsnotfällen gesprochen. Die dadurch ausgedrückte Vielfalt der darunterfallenden Lebenslagen dient dazu, Ausgrenzung und Hilfeausschluss zu verhindern und schlägt sich in den differenzierten Angeboten der Wohnungsnotfallhilfe nieder. (Quelle: Diakonie Deutschland)