Studie über geistlichen Missbrauch
„Wir haben eine Pflicht gegenüber den Betroffenen“
Foto: WWU Münster
Das Projektteam „Geistlicher Missbrauch in geistlichen Gemeinschaften“ der Uni Münster besteht aus Juliana Osterholz, Prof. Dr. Judith Könemann und Dr. Bernhard Frings. (v.l.)
Wie oft ist Ihnen diese Frage schon gestellt worden: Was ist geistlicher Missbrauch?
Sie ist mir noch gar nicht so oft gestellt worden, aber es ist natürlich eine berechtigte Frage, denn das Phänomen des geistlichen Missbrauchs ist erst in jüngerer Zeit in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Wir haben uns seit 2010 – zu Recht – mit sexualisierter Gewalt beschäftigt, das hat die Aufmerksamkeit gebunden. Dass es daneben ein weiteres Phänomen gibt, den geistlichen oder spirituellen Missbrauch, erlangt erst seit wenigen Jahren Aufmerksamkeit.
Und was ist geistlicher Missbrauch?
Was es ist, ist im Grunde noch nicht wirklich umfassend definiert. Es ist auch die Frage, ob es eine solche Definition jemals geben wird. Schon bei der sexuellen Gewalt ist es schwierig, sie genau zu definieren. Da hat man noch gewisse Anhaltspunkte. Und wir haben vor allem einen rechtlichen Rahmen. Den haben wir beim geistlichen Missbrauch in nur geringem Maße. Manches kann man noch nicht einordnen. Andere Dinge kann man schon klar als Missbrauch bezeichnen.
Zum Beispiel?
Geistlicher Missbrauch liegt auf jeden Fall vor, wenn eine geistliche Autoritätsperson, die sich so definiert oder als solche definiert wird, in die persönliche Freiheit und die spirituelle Selbstbestimmung eines Einzelnen eingreift. Der besondere Kern des geistlichen Missbrauchs ist die Tatsache, dass diese psychische Gewalt sakral aufgeladen und legitimiert wird. Da kommt eine transzendente Größe ins Spiel, die das Ganze noch einmal unangreifbar macht. Klaus Mertes (der Jesuit hatte den sexuellen Missbrauch 2010 publik gemacht, Anm. der Red.) sagt, es komme zu einer Verwechslung der Autoritätsperson mit der Stimme Gottes. Die Autoritätsperson verwechselt sich selbst mit der Stimme Gottes oder aber sie wird vom Gegenüber mit der Stimme Gottes verwechselt. Hinzu kommt, dass geistlicher Missbrauch immer mit Fragen von Abhängigkeit und Macht zu tun hat.
Wo passiert geistlicher Missbrauch?
Er ereignet sich in asymmetrischen Beziehungen in einem geistlichen Setting. Zum Beispiel bei der geistlichen Begleitung. Und er hat traumatische Folgen, die wir, so glaube ich, lange nicht gesehen oder nicht ausreichend gesehen haben. Er betrifft Frauen wie Männer. In der Forschung arbeiten wir gerade daran, das Phänomen geistlicher Missbrauch genauer zu umschreiben. Aber es gibt auch schon jetzt klare Parameter.
Welche?
Wenn Druck ausgeübt wird, wenn jemand sagt: Ich weiß, was für dich richtig ist … Gott hat mir im Gebet gesagt, dass Du das und das tun oder werden sollst ... Wenn die Freiheit des Gegenübers eingeschränkt wird, wenn der Kreis der Beratungspersonen, der Beichtväter, der geistlichen Begleiter/Begleiterinnen, die sich jemand suchen will, eingeschränkt oder sogar vorgeschrieben wird, dann ist das ist ganz klar geistlicher Missbrauch. Weitere Phänomene sind die Entfremdung von der Familie oder vom Freundeskreis – alles mit der Begründung, der Sache des Evangeliums dienen zu müssen.
Wie häufig kommt so etwas vor?
Es ist schwer zu quantifizieren, weil wir mit der Forschung hier relativ am Beginn stehen. Geistlicher Missbrauch kommt in Kombination mit sexueller Gewalt vor, geistlicher Missbrauch ist aber vor allem auch ein eigen ständiges Phänomen. Es scheint eine gewisse Affinität in geistlichen Gemeinschaften zu geben, sowohl in den neuen geistlichen Gemeinschaften als auch in klösterlichen Gemeinschaften.
Beim sexuellen Missbrauch befriedigt der Täter seinen Sexualtrieb. Was gewinnt ein Täter, eine Täterin, beim geistlichen Missbrauch?
Macht! Er oder sie – es kommen nicht nur Männer infrage – macht sich jemand anderen gefügig, bringt jemanden in eine große Abhängigkeit. Die Person agiert nicht mehr, ohne sich an den Täter als machtvolle Person zu wenden. Sie fragt alles nach, holt sich für alles eine Erlaubnis. Das empfindet der Täter, die Täterin wahrscheinlich als positives Gefühl.
Warum ist es wichtig, neben den Ursachen für sexuellen Missbrauch auch diese Form des Missbrauchs aufzuarbeiten?
Weil es auch beim geistlichen Missbrauch eine große Leidensgeschichte gibt. Ich sage das, ohne die sexualisierte Gewalt schmälern zu wollen. Aber auch der geistliche Missbrauch hat unglaubliche Folgen, es erfolgen Traumatisierungen – bis dahin, dass es manchem gar nicht gelingt, das aufzuarbeiten. Ich halte das für ein hoch relevantes Thema, mit dem sich die Kirche genauso auseinandersetzen muss wie mit der sexualisierten Gewalt.
Die Studie der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster wird durch die Bistümer Osnabrück und Münster, die Bischofskonferenz und den Thuiner Orden gefördert. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Wir arbeiten erst mal für das Thema. Ich bin beauftragt worden, diese Studie durchzuführen, und die bearbeite ich als unabhängige Wissenschaftlerin. Dass es vier Auftraggeber sind, hat mit der Entstehung des Projektes zu tun. Der Anlass liegt im Bistum Osnabrück mit der sogenannten „Christusgemeinschaft“ und deren Verbindung zum Thuiner Orden. Das Bistum Münster hat sich angeschlossen, dort hat der Bischof vor eineinhalb Jahren die Gemeinschaft „Totus Tuus“ verboten. Weil aus den Vorgängen in Osnabrück und Münster allgemeinere Erkenntnisse für geistlichen Missbrauch an sich gewonnen werden sollen, kam auch die Bischofskonferenz dazu.
Hat der Rücktritt von Bischof Bode Auswirkungen?
Im Moment nicht. Auch Weihbischof Johannes Wübbe steht als Diözesanadministrator meines Wissens nach hinter der Studie. Es gibt geschlossene Verträge, deshalb gehe ich nicht davon aus, dass es Auswirkungen haben wird.
Warum behandeln Sie nur die neuen geistlichen Gemeinschaften – andernorts gibt es das doch auch?
Das ist, ehrlich gesagt, eine pragmatische Entscheidung. Jedes Forschungsprojekt muss sich begrenzen. Und wir haben eben diesen Fokus in den Mittelpunkt gestellt und nicht die Ordensgemeinschaften. Wobei es gerade bei der „Christusgemeinschaft“ ja Verbindungen zur Ordensgemeinschaft in Thuine gibt, deswegen haben wir diese zumindest mit drin. Eine Erweiterung der Untersuchung könnten wir, in dem jetzt gegebenen zeitlichen und finanziellen Projektrahmen, einfach nicht leisten.
Warum ist gerade bei neuen geistlichen Gemeinschaften die Gefahr für geistlichen Missbrauch so hoch?
Mit solchen Formulierungen muss man vor sichtig sein, aber: Die Gemeinschaften leben von einem gewissen Enthusiasmus der Nach folge Christi. Oft fehlen in den jungen Gemeinschaften die Korrektive, oder sie sind noch nicht ausgebildet. Das heißt nicht, dass es in klassischen Ordensgemeinschaften keinen Missbrauch gibt, aber diese haben oft eine lange Geschichte und dementsprechend Erfahrungen, um sich mit Formen von Spiritualität, mit Enthusiasmus oder mit überaus motivierten Mitgliedern auseinanderzusetzen. Und die Erfahrung ist bei den geistlichen Gemeinschaften, die meist nach dem Zweiten Weltkrieg oder dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden sind, noch nicht so ausgebildet.
Wie gehen Sie in Ihrer Arbeit vor?
Die Studie hat einen dreifachen Zugang: Im Moment sind wir dabei, uns in die Aktenbestände einzuarbeiten. Dieser archivalische Zugriff über Protokolle, Aktennotizen, Korrespondenzen, über Artikel des Kirchenboten gibt uns viel Hintergrundwissen. Dem kann man schon einiges über die Entwicklung, über das Wirken, die Rezeption, die Auswirkungen entnehmen. Ein zweiter Zugang sind Gespräche mit Zeitzeugen und Wissensträgern bzw. Verantwortlichen der Bistumsleitungen, also mit allen, die mal in diesem Aufgabenfeld tätig waren. Das sind Zeitzeugen, sie stehen aber auch in der Verantwortung, wie das Bistum den Prozess mit der „Christusgemeinschaft“ gestaltet hat.
Und der dritte Zugang?
Wir führen Gespräche mit Betroffenen beider Gemeinschaften und auch mit denen anderer, wenn sie sich bei uns melden. Es haben sich schon eine ganze Reihe an ehemaligen Mitgliedern gemeldet. Viele von ihnen sehen die Aufklärung als unabdingbar an und möchten gerne dazu beitragen, so schwer es Ihnen auch fallen mag. In ein paar Wochen, im Mai oder Juni, wollen wir einen Aufruf starten, dass sich Betroffene bei uns melden können. Wenn jemand im Anschluss an das Gespräch Unterstützung in Anspruch nehmen möchte, hat er/sie die Möglichkeit, sich an eine Beratungsstelle zu wenden, die zügig Hilfe zur Verfügung stellt.
Wie ist die Zusammenarbeit mit der Osnabrücker Bistumsleitung?
Bisher erfahren wir große Unterstützung. Die eigens für die sexualisierte Gewalt und den geistlichen Missbrauch eingerichtete Geschäftsstelle unterstützt uns tatkräftig, ebenso der Archivar im Bistumsarchiv. Aber letztlich wissen wir natürlich nicht, welche Akten existieren. Wir müssen uns darauf verlassen, dass uns das Bistum die Unterlagen zur Verfügung stellt. Bisher haben sich auch alle Bistumsverantwortlichen zu einem Interview bereiterklärt. Im Moment gibt es aus meiner Sicht hinsichtlich der Studie keinen Grund, mit einer Hermeneutik des Verdachts auf das Bistum Osnabrück unterwegs zu sein.
Wie ist das Projekt angelegt?
Wir wollen Aufklärung in einem zeitgeschichtlichen und pastoralgeschichtlichen Kontext erreichen. Die Vorgänge sollen entsprechend eingeordnet werden. Das generelle Ziel ist die Erforschung von Mechanismen, die geistlichen Missbrauch ermöglichen und die dazu führen, dass er aufrechterhalten wird. Wichtig ist auch die Einbindung in die Geschichte und Kontexte. Geistliche Gemeinschaften agieren ja nicht im luftleeren Raum, sie sind in die Pastoral eingebunden und wurden von Papst Johannes Paul II. gefördert. Sie wurden lange Zeit als etwas sehr Positives angesehen. Von ihnen wurde die Erneuerung der Kirche erhofft. Zu diesen näheren Kontextfaktoren gehört auch die Frage nach dem Beitrag theologischer Lehren und ebenso nach Theologien geistlichen Lebens, die unter Umständen zu geistlichem Missbrauch beitragen. Dieses Kaleidoskop möchten wir in unserem Projekt beleuchten.
Mit welchen Ergebnissen der Studie rechnen Sie?
Im Moment kann ich noch nicht sagen, welche Ergebnisse wir genau haben werden. Unsere Ziele habe ich genannt, und das sind im besten Fall dann auch die Ergebnisse, also die Beschreibung dessen, was geistlicher Missbrauch ist, wie er sich entwickelt, wie er aufrechterhalten wird. Und Theologien, die dazu beitragen. Wenn wir das herausarbeiten, haben wir sicherlich gute Ergebnisse. Und am Ende sollen natürlich auch Aussagen für die Prävention stehen.
Werden Sie in der Studie Schuldzuweisungen vornehmen?
Die Studie zur sexuellen Gewalt hat ja mit einem Ampelsystem gearbeitet, an dem sich ablesen lässt, wer im Einzelfall welche Fehler gemacht hat. Das werden Sie bei uns mit Sicherheit so nicht finden, weil es gar nicht diesen Rechtsrahmen gibt, der nötig wäre, um das umzusetzen. Aber natürlich gibt es auch beim geistlichen Missbrauch Täter und Verantwortliche und wenn wir die Bedingungen für Entstehung und Aufrechterhaltung untersuchen, beinhaltet dies auch die Benennung von Verantwortlichkeiten und Verantwortlichen.
Mit welchem Zeitrahmen rechnen Sie?
Die Studie ist auf drei Jahre angelegt. Am Ende wird es in irgendeiner Form eine öffentliche Präsentation geben und eine Buchpublikation.
Was bedeutet die Studie für Sie persönlich?
Es ist kein Thema wie jedes andere. Das Lesen der Akten, die Briefe besorgter Eltern an den Bischof, die sich um ihre Kinder sorgen – das lässt mich alles andere als kalt. Ich habe lange überlegt, ob ich für die Studie zusage, denn es gibt wahrlich angenehmere Themen für eine Wissenschaftlerin. Ich habe mich schließlich dafür entschieden, weil ich finde, dass es ein absolut wichtiges Thema ist, das wissenschaftlich bearbeitet werden und bei dem aufgeklärt werden muss, ähnlich wie der sexuelle Missbrauch. Beide Themen darf man nicht gegeneinander ausspielen, sie sind beide wichtig. Aber für beide Themen gilt, dass Betroffene lange Zeit nicht gehört wurden. Ich finde, wir haben eine Pflicht gegenüber den Betroffenen, die sehr lange darauf warten, dass der begangene geistliche Missbrauch aufgeklärt und aufgearbeitet wird. Geistlicher Missbrauch ist gegenüber sexuellem Missbrauch noch mal diffuser und damit schwerer zu fassen und nachweisbar, auch weil er noch so jung in der Beschreibung ist. Deshalb ist es doppelt wichtig, diese Aufklärung vorzunehmen. Was ich jetzt sage, meine ich nicht pathetisch: Aber ich verbinde mit der Studie auch die Hoffnung, dass den Betroffenen damit ein Hauch von Gerechtigkeit widerfahren möge.
Wie wichtig ist die Aufklärung des geistlichen Missbrauchs?
Ich habe zuerst die Betroffenen im Blick, aber ich glaube auch, dass es für die Kirche selbst unabdingbar ist, sich ihrer Geschichte und ihrer Vergangenheit zu stellen – auch dem, was sie lange Zeit im Namen Gottes zugelassen hat. Von daher glaube ich, dass Aufklärung wichtig für die Geschichte ist. Es gibt diesen schönen Satz eines jüdischen Mystikers: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, und das, glaube ich, diese Erinnerung ist auch für die Kirche notwendig. Nur, wenn sie sich ihrer Geschichte stellt, kann sie angesichts der Erosionsprozesse und Vertrauensverluste, die wir gerade erleben, überhaupt einen Weg in die Zukunft finden.
Was zeichnet Sie als Projektleiterin für die Studie aus?
Ich bin Theologin, Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin mit einem religionssoziologischen Schwerpunkt. Ich bin Professorin an der katholisch-theologischen Fakultät in Münster im Bereich der praktischen Theologie mit Schwerpunkt Religionspädagogik, Bildungs- und Genderforschung. Das Thema Missbrauch beschäftigt mich und meine Fakultät schon lange. 2010 haben wir eine große Podiumsdiskussion veranstaltet, als die ersten Fälle sexualisierter Gewalt aufkamen. Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Aber natürlich ist das für eine Wissenschaftler nicht nur ein notwendiges, sondern auch ein interessantes Thema. Vor allem aber hat das Thema sehr viel mit Bildung zu tun, Bildung, die aufklärt und die Menschen stärkt, und das wiederum hat sehr viel mit Prävention zu tun. Deshalb hat mich die Mitarbeit an diesem Projekt gereizt und bedeutet mir viel. Ich möchte zur Klärung der oben beschriebenen Fragen beitragen.
Mit welchem Team arbeiten Sie?
Im Moment sind wir zu dritt, neben mir als Projektleiterin noch zwei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ferner noch einige studentische Kräfte. Ich bin sehr froh darüber, im Team zu arbeiten, denn, wie gesagt, es ist ein herausforderndes Thema, das uns nicht kaltlässt. Von daher ist der Austausch im Team ausgesprochen wertvoll. Wir haben einen hohen Grad an persönlicher Reflexion. Wenn es uns mal zu sehr angehen sollte, werden wir uns sicher nicht scheuen, Supervision in Anspruch zu nehmen.
Buchtipps: Verheißung und Verrat: Dysmas de Lassus über geistlichen Missbrauch in Orden und Gemeinschaften der katholischen Kirche; Aschendorff Verlag; 26,80 Euro Toxische Gemeinschaften: Stephanie Butenkemper darüber, wie man geistlichen und emotionalen Missbrauch erkennt, verhindert und heilt; Herder Verlag; 24 Euro