Verzicht auf Kunst in der Fastenzeit
Wohltuende Nüchternheit
Foto: Alouis Bierl
Ritual am Aschermittwoch: Guido Schlimbach, Theologe aus Köln, hängt seine Bilder ab.
Seit 25 Jahren schaut Guido Schlimbach an jedem Aschermittwoch zufrieden auf kahle Wände. 40 Fastentage und sechs Fastensonntage bleiben sie leer. Dann sind in seiner Wohnung sämtliche Bilder abgehängt und verpackt. Damit er nicht in Versuchung kommt, sie wieder aufzuhängen, „und weil ich außerdem nicht viel Lagerplatz habe“, bringt er sie im Keller eines Freundes unter. Manche Stücke verleiht er auch an Bekannte, die sie in der Fastenzeit betrachten wollen.
Etwa 200 zeitgenössische Kunstwerke umfasst seine Sammlung, viele Arbeiten auf Papier. Nur ein gutes Zehntel davon kann er aufhängen, mehr Fläche geben die Wände seiner Wohnung nicht her. Die Preise halten sich in engen Grenzen. „Kunst war für mich nie eine Wertanlage“, sagt der 59 Jahre alte Theologe. Ebenso wenig seien die Bilder „nur Deko an der Wand, sondern eine Inspiration und eine Herausforderung an mich, was Kunst bedeutet“. Dazu gehört, dass er von Aschermittwoch bis Ostersonntag in seiner engsten Umgebung darauf verzichtet.
„Bilder sind gefährlich“
Die Idee hat Schlimbach von dem Jesuitenpater und Ausstellungsmacher Friedhelm Mennekes übernommen. Der Priester ist Gründer der Kunst-Station Sankt Peter in Köln. Dort ist in den Fastenwochen nur eine Pietà, Maria hält den toten Jesus in ihren Armen, offen zu sehen. Sonst sind während dieser Zeit in dieser Stadtpfarrkirche ausnahmslos alle Bilder und Kreuze verhüllt, sogar die bunten Fensterscheiben.
Mennekes nahm damit eine alte kirchliche Tradition auf. „Denn Bilder sind gefährlich“ war ein Motto des Jesuiten. Guido Schlimbach ist heute dessen ehrenamtlicher Nachfolger als künstlerischer Leiter der Kunst-Station Sankt Peter. Der Gedanke, dass Bilder gefährlich sind, wenn sie „keine Fragen mehr stellen, gar nicht mehr gesehen werden und nur noch bunte Flecken an der Wand sind“, hat ihn nicht mehr losgelassen. Denn Kunstwerke üben Macht aus, können den Geist lähmen und träge machen, wenn sie sich einerseits einprägen und andererseits nicht mehr genau angeschaut werden.
„Die Kirche hat sich zu ihrem Wohl und Wehe mit der Kunst eingelassen“, sagt Schlimbach. Und schiebt gleich die rhetorische Frage hinterher: „Wie viele Menschen würden Stein und Bein schwören, dass Maria einen blauen Mantel getragen hat?“ Die Antwort ist für ihn klar: „Weil es über Hunderte Jahre Maler so dargestellt und wir das als scheinbar feststehende Tatsache aus ihren Werken gelernt haben.“ Das banalste Beispiel ist, sich Gott als alten Mann mit weißem Bart vorzustellen, das Dargestellte und das Bild davon ohne weiteres Nachdenken miteinander zu verschmelzen und gleichzusetzen. Das gilt selbst für abstrakte religiöse Kunst: Gott ist immer mehr als eine noch so überwältigende Farbkomposition.
Bilder lassen eigene Vorstellungen oft erstarren und dann können sie eben gefährlich werden. „Glaube muss ja immer weitergehen und sich über Festgefügtes hinwegsetzen, nicht die Angelegenheit mit einem Bild für erledigt halten“, sagt Schlimbach.
Als Theologe ist ihm selbstverständlich klar, wie sehr seine Branche jahrhundertelang mit Bildern gerungen hat. Das biblische Verbot war nie vergessen. Das Zweite Konzil von Nicäa im Jahr 787 zog eine scharfe Trennlinie zwischen der Verehrung und der Anbetung von Bildern. Die Anbetung macht sie zu Götzen und nicht mehr zu Vermittlern, die den Betrachter auffordern, sich dem Sichtbaren wie dem Unsichtbaren, der greifbaren wie der ungreifbaren Wirklichkeit zu nähern und die eigenen Gefühle und Gedanken zu erweitern, ohne sie damit abzuschließen.
Immer wieder auf sie zu verzichten, bedeutet, sich der Vorläufigkeit und der Vergänglichkeit nicht allein von religiösen Bildern bewusst zu sein. Das übt Guido Schlimbach in den eigenen vier Wänden, die in der Fastenzeit kahl sind: „Diese Nüchternheit sehe ich gar nicht negativ, ich betrachte das als wohltuend.“ Gerade weil er Kunst liebt, will der Theologe nicht, dass sie ihm selbstverständlich und völlig alltäglich wird: „So wie andere bewusst auf Luxusgüter wie Schokolade oder Alkohol verzichten, mache ich es in der Fastenzeit mit meinen Bildern.“
„Die Wohnung ist dann ganz sauber“
Beim Abhängen zieht er auch gleich die Nägel mit heraus. Im Kaschieren der Löcher hat er Übung, die übertüncht er mit weißer Wandfarbe. Dadurch kann er die Bilder nach der Fastenzeit neu gruppieren und anders hängen. Und weil sie regelmäßig in den Keller kommen, bleiben auf der weißen Wand auch keine grauen Ränder zurück.
Zu Ostern dürfen die Kunstwerke wieder heimkehren: „Die Wohnung ist dann ganz sauber geputzt, strahlt und es stehen viele Blumen da.“ Damit begrüßt Schlimbach das Fest und auch die Bilder. Gedanklich geht er die Kunstwerke in seinem Besitz auch in der Fastenzeit durch. Einige hängt er zu Ostern nach jahrelanger Pause wieder auf, weil er in ihnen etwas vermutet, das ihn neu beschäftigt oder herausfordert. Bis zum nächsten Aschermittwoch, wenn er sie wieder abnimmt: um sich vor weißen Wänden Gedanken zu machen, was Bilder bedeuten, warum sie ihm so wichtig sind und sogar gefährlich sein können.