Anrührend und poetisch
Zu Besuch im Theater der Bilder
Fotos: Daniel Poiema/Patrick Senner
Wenn Eike Schmidt die Stabpuppen führt, soll das Publikum ihn bewusst sehen können.
Schon die erste Szene nimmt die Gäste im Auricher Theater Lazarett mit auf eine Reise. In ein dunkles Zimmer, in einen einsamen Morgen, in ein Etagenhaus gar nicht so weit weg von der ostfriesischen Küste. „Alma“ sitzt dort auf einem Stuhl, eingemummelt in ihre Bettdecke. Bis der Wecker klingelt, sie aufspringt und ihr Ohr sehnsüchtig an eine große Muschel legt und dort das Meer rauschen hört. Unbedingt will „Alma“ dahin. Sie packt fix den Koffer, wirft sich den Mantel über – und schafft es dann doch nicht, die Tür zu öffnen und auf die Straße zu gehen. Weil sie sich vor dem „Draußen“ fürchtet, weil sie nach dem Tod der Mutter so allein ist, weil sie sich nur zu Hause sicher fühlt. Jeden Tag geht das so – bis das „Amt für scheinbar unerfüllbare Wünsche“ ihr eine Fee in roter Livree samt einem geheimnisvollen Paket in die Wohnung schickt.
Das mit Katy Fakler und Eike Schmidt besetzte Zwei-Personen-Stück „Die Muschellauscherin“ ist eine der etwa zehn Produktionen, die das ostfriesische Theater Lazarett jedes Jahr auf die Bühne bringt: in einem sanierten Haus, das früher einmal tatsächlich zu einer Garnisons-Klinik gehörte. Fast jede der Aufführungen ist voll besetzt, was nicht nur an dem kleinen Zuschauerraum liegen mag. Sondern mehr noch, weil das Team viele Themen anspricht, die Gäste in jedem Alter berühren: Trauer und Einsamkeit, Schmerz und Verlust, Liebe und Mut, Träume und Aufbruch. Und das geht weit über klassisches Schauspiel hinaus, es verbindet Hand- und Stabpuppen mit visuellen Effekten und Sound-Design, mit Video-Installationen und aus nachhaltigen Materialien gebauten Requisiten zu einem „Theater der Bilder“, wie Eike Schmidt sagt. Da wird aus einem schlichten Geschirrtuch schon mal eine Gans. Da entsteht mit minimalistischen Mitteln ganz schnell Kino im Kopf, das in aller Offenheit eigene Deutungen zulässt und erwünscht.
Aus der Region für die Region
Der gebürtige Ostfriese Schmidt, der in Stuttgart Figurentheater studiert und schon bei der deutschen Sesamstraße mitgemacht hat, gilt als Vater des Theaters Lazarett. Während der Corona-Pandemie hat er die Idee entwickelt, mit sieben Freundinnen und Freunden ein professionelles Theater-Kollektiv zu gründen: aus der Region für die Region, mit Talenten aus vielen Bereichen. Frauen und Männer zum Beispiel aus der Regie, der Dramaturgie, dem Bühnenbild, dem Figurenspiel, dem Ton und auch der Theologie gehören dazu. Für die Aufführungen bucht sich das Team bei Bedarf jeweils weitere externe Expertinnen und Experten aus der Musik oder dem Videobereich dazu. Gut zehn Ehrenamtliche unterstützen die Gruppe außerdem vor und hinter den Kulissen.
Die Finanzierung ist dabei mitunter ein Kraftakt. Ticketeinnahmen, Spenden und Fördermittel sollen langfristig die Basis sichern. „Wir schreiben ständig Anträge“, sagt Patrick Senner, der sich als Community-Manager um die Besucherinnen und Besucher kümmert. Senner, der früher als evangelischer Jugendpastor „digital und unterwegs“ gearbeitet hat, ist tatsächlich der einzige Festangestellte im Team. Alle andere bekommen Honorare – zu „fairen Konditionen“, wie Senner betont. Seine Stelle wird zu einem Teil von der Lutherischen Landeskirche Hannover finanziell unterstützt, dort von der Initiative Missionarische Aufbrüche. Die I:MA will laut Senner bewusst an säkulare Orte gehen und in einer Suche nach Sinn und Deutung „neue Formen der Vergemeinschaftung finden – wo Menschen sich treffen, begegnen, reden können“. Gefördert werden dabei Projekte, die nach eigenem Bekunden ökumenische Gemeinschaft leben und „ein weites Herz für die Transformation der Welt zeigen“.
Das Theater in Aurich erfüllt offenbar diese Kriterien. Nicht nur, weil nach jedem Stück das Publikum eingeladen ist, bei Tee mit Kandis und Keksen zusammenzubleiben und sich zu unterhalten: miteinander und mit dem Ensemble. Sondern auch wegen der anspruchsvollen Themenauswahl in den Stücken, die für Familien mit Kindern ebenso wie für Erwachsene inszeniert werden. Da entführt zum Beispiel das interaktive Projekt „Fluten“ die Zuschauer mitten hinein in eine Wattwanderung und zeigt dadurch, wie wichtig es ist, dieses Weltkulturerbe zu schützen.
Wo Menschen sich treffen und reden können
Bei anderen Stücken tauchen viele bekannte Autorinnen und Autoren auf. Bei „Nils Holgersson“ von Selma Lagerlöf geht es um Freundschaft, Fürsorge, Abschied – und zugleich Toleranz und Gewaltlosigkeit. „Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren erzählt von Sorge und Mut in der Eltern-Kind-Beziehung. Bei „20 000 Meilen unter dem Meer“ stellt Jules Verne Eroberung und Fortschritt kritisch gegenüber. Auch Theodor Storms „Schimmelreiter“ mit einem Plädoyer für Nachhaltigkeit und eine Spaltung überwindende Gemeinschaft zählt zum Repertoire. Ganz neu kommt in 2026 „Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist auf die Bühne, der eine noch immer aktuelle Frage stellt: Was passiert, wenn aus dem Gefühl der Ohnmacht Radikalisierung und Fanatismus wird?
Was mit der „Muschellauscherin“ passiert, erfahren die Gäste natürlich auch. Die sehen in kleinen Projektionen ihre Angst vor Enttäuschungen, vor einem erneuten Verlassen-werden. Wie damals, „als Mama weg ist“. Die für „Alma“ unsichtbare Wunschfee spürt, dass dieser Auftrag mehr als eine Postkarte erfordert. Und zaubert ein Paket auf den Tisch. Daraus krabbelt, geführt von Eike Schmidt, eine sonderbare Figur mit langen Ohren namens „Rolf“. Der bringt „Almas“ Tag gehörig durcheinander und schafft es so, ihr Herz und ihre Tür zu öffnen – damit sie endlich ans Meer fahren kann. Was für ein schönes Ende!
Hintergrund
Das Theater Lazarett steht an der Oldersumer Straße 10 im ostfriesischen Aurich. Die Abendkasse ist immer eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet. Reservierungen werden empfohlen per E-Mail: karten@theaterlazarett.de. In der Regel gibt es Aufführungen freitags, samstags und sonntags, der Spielplan reicht derzeit bis Juni. Informationen: www.theaterlazarett.de