Gemeindereferentin Bernadette Rausch
Aus Liebe zu Gott und den Menschen
„Sie sehen, ich habe immer viel gelernt“, sagt Bernadette Rausch und lacht fröhlich. Sie sitzt im kleinen Besprechungsraum des Cottbuser Pfarrhauses. Eigentlich hat sie diesen Ort im August verlassen, als sie in den Ruhestand ging. Aber jeden Dienstag kommt sie noch hierher zurück, um – passend zum neuen Lebensabschnitt – in die Seniorenmesse zu gehen. Heute nimmt sich die Gemeindereferentin etwas mehr Zeit und blickt zurück auf ihre 40-jährige Tätigkeit im und für das Bistum Görlitz, besonders aber für die Menschen der Region – eine lehrreiche Zeit.
Ein Theologiestudium und viel Kreativität
Die ersten Lehren ihres Lebens erhielt Bernadette Rausch im kleinen Spreewaldort Straupitz, wo sie als ältestes von fünf Kindern aufwuchs. Früh engagierte sie sich in der katholischen Gemeinde, ihrer „Spielwiese“, die ihr Heimat und Gemeinschaft gab: „Als Katholiken hatten wir es in der DDR nie ganz leicht, aber gehadert habe ich damit nicht. Meine Eltern standen sehr klar zu ihrem Glauben“, erklärt sie. Weil sie kein Abitur machen durfte, lernte Rausch zunächst Krankenschwester, wechselte aber schon kurz darauf nach Magdeburg, wo sie zur Seelsorgehelferin ausgebildet wurde. Ihre erste Stelle trat sie in Cottbus an. Schon ein Jahr später wurde sie gefragt, ob sie nicht Theologie in Erfurt studieren wolle. Schnell holte sie das Abitur an der Abendschule nach, wo sie sich – inzwischen 27 – als „Frau von der Kirche“ zwischen den 17- und 18-Jährigen „schrecklich alt“ vorkam. 1990 nahm Rausch dann das Theologiestudium in Erfurt auf. „Eine Bedingung stellte ich schon vor dem Studium: Ich wollte weiterhin an der Basis aktiv sein“, sagt sie über eine Überzeugung, die sie Zeit ihres Berufslebens behalten hat.
Nach einem Externen-Jahr in Wien und dem Abschluss in Erfurt kam Rausch nach Jauernick – zumindest halb. Denn mit der anderen halben Stelle arbeitet sie im Seelsorgeamt in Görlitz. An ihrer Seite war der spätere Generalvikar Alfred Hoffmann. „Uns wurde damals gesagt: ‚Macht einfach mal!‘ Nach der Wende war viel Neues im Werden“, erinnert sich Rausch zurück. Das Zweigespann nutzte die Chance und lebte sich kreativ aus. Vieles, was bis heute im Veranstaltungskalender des Bistums steht, geht auf diese Zeit zurück: die Mutter-Kind-Tage, die Großeltern-Enkel-Tage oder die Fußwallfahrt nach Bloischdorf etwa. Zusätzlich war Bernadette Rausch für die Pfarrei Jauernick verantwortlich: „Ich war für alles zuständig: Unterricht, Senioren, Küster, Ministranten und so weiter. Heute frage ich mich, wie ich das alles geschafft habe.“ Ein Jahrzehnt hielt Bernadette Rausch die Doppelrolle durch, dann bat sie um Versetzung. Sie landete in Hoyerswerda. Auch dort behielt sie ihren Mut und Spaß am Ausprobieren.
Die Erfahrungen eines Russlandaufenthalts
2010 kehrte Bernadette Rausch Deutschland und „ihrem“ Bistum Görlitz den Rücken und ging nach Russland. „Dieses große, weite Land hat mich schon immer gereizt. Es war aber nicht ganz einfach, etwas Passendes zu finden. In der russischen Kirche gibt es eigentlich nur Priester und Ordensfrauen“, erklärt sie. In Orsk, an der kasachischen Grenze, wurde sie schließlich fündig. Sie lernte Russisch und arbeitete in der Pfarrei und in einem Kinderzentrum der Caritas mit. Es wurde eine lehrreiche Zeit, in vielerlei Hinsicht: „Damals habe ich erlebt, wie es ist, in einem fremden Land zu sein und die Sprache nicht zu sprechen. Als 2015 in Deutschland die Flüchtlingskrise kam, hatte ich ein Gefühl für die Situation der Migranten.“ Aber auch den tiefen Glauben der russischen Bevölkerung hat Rausch kennen- und schätzen gelernt. „Sie haben 70 Jahre Kommunismus überlebt, weil sie gebetet haben. Mir scheint, dieses Vertrauen in das Gebet fehlt uns in Deutschland heute“, meint sie. Gerne wäre sie für immer im weiten Land hinter dem Ural geblieben. Nach eineinhalb Jahren aber kehrte sie auf Wunsch des neuen Bischofs von Görlitz nicht ganz freiwillig ins Bistum zurück.
Zurück in die Heimat und eine Lehre für die Zukunft
In der Bischofsstadt wurde Rausch Teil des Seelsorgeteams der neu gegründeten Großpfarrei. Geduldig arbeitete das Team daran, dass die Pfarreien in der neuen Konstellation zusammenwachsen konnten. Parallel wurde Rausch – in Doppelrollen ja bereits geübt – Diözesanreferentin für Gemeindereferentinnen und Mitglied der Personalkommission. „Das ist kein Posten, um den man sich reißt“, gibt sie zu und betont: „Ich habe das für die Kolleginnen gemacht. Aber ich konnte mich da gut einbringen.“ Während der Coronapandemie wechselte Rausch 2021 schließlich zurück nach Cottbus, um im heimischen Straupitz ihren schon verwitweten Vater pflegen zu können. Die Stadt ihrer ersten Stelle wurde so auch die ihrer letzten. Im August 2025 ging Bernadette Rausch in den Ruhestand.
Gefragt nach den Höhepunkten in ihrem Berufsleben, blitzt ein Strahlen in Rauschs Augen auf. „Die Vorbereitung von Erwachsenen auf die Taufe“, antwortet sie sofort. „Wenn Erwachsene von Gott angesprochen sind, ist das für mich ein Wunder.“
Als Gemeindereferentin habe sie immer gerne gearbeitet – unter der Rolle als Frau in der Kirche aber manchmal auch gelitten. „Wäre ich ein Mann, wäre ich wohl Priester geworden“, gibt sie zu. Das Priesteramt für Frauen halte sie aber bis heute wegen der innerkirchlichen Verhältnisse für nicht realisierbar. „Ich habe miterlebt, wie in Jauernick die ersten Mädchen ministriert haben und die ersten Frauen Kommunion austeilen durften. Das war ein langer Weg.“ In der Kirche habe sie letztlich „der liebe Gott“ gehalten und die Überzeugung, dass er sie trotz allem genau da sehen wolle. Das ist es auch, was sie den jungen Seelsorgerinnen und Seelsorgern der Zukunft mitgeben möchte: „Du machst das aus Liebe zu Gott und den Menschen. Die Institution Kirche musst du nicht lieben, aber ohne sie geht es nicht.“ Strukturen seien nicht so wichtig, wie es heute scheint; für die Zukunft brauche die katholische Kirche wieder mehr persönlichen Kontakt zu den Menschen. Das sei eines von vielen Dingen, die sie in vier Jahrzehnten als Gemeindereferentin gelernt habe.