Reise ins Spätmittelalter

Als Bischofsmusik in Ziesar spielte

Detailansicht Burgkapelle Ziesar

Fotos: Michael Burkner

Vor knapp 700 Jahren wird das beschauliche Städtchen Ziesar zur Residenz der Brandenburger Bischöfe und die Burg repräsentativ ausgebaut. Viele Relikte aus der großen Zeit des kleinen Ortes sind bis heute erhalten und machen den Burgbesuch zu einer lohnenswerten Reise ins Spätmittelalter.

Zwei mittelalterliche Fußbodenheizungen, ein Gefängnisraum mit Inschriften der Gefangenen und Wandmalereien – in Ziesar ist die Burg selbst das Hauptexponat. Besonders außergewöhnlich: die Palästinakarte. Das großflächige Wandgemälde ist nur noch in Fragmenten erhalten, Licht- und Klangeffekte bringen diese den Besuchern näher und nehmen sie mit, auf eine Zeitreise:

Burgkapelle Ziesar
Bischöflich-repräsentativ: Die Burgkapelle von Ziesar ist mit sogenanntem illusionistischem Maßwerk ausgestaltet – ganz nach den modernsten technischen und künstlerischen Möglichkeiten des Spätmittelalters.

Wir schreiben das Jahr 1335. Im Städtchen Ziesar wird fleißig gebaut. Bischof Ludwig von Neindorf ist Fürstbischof von Brandenburg. Er wählt die Burg Ziesar, strategisch in der Mitte zwischen den Städten Brandenburg und Magdeburg gelegen, zur bischöflichen Residenz und lässt sie nach seinen Vorstellungen ausbauen. Sein langer Aufenthalt im südfranzösischen Avignon schlägt sich dabei in der Architektur nieder und provenzalisches Mittelalterflair zieht in Brandenburg ein. In Frankreich werden ihm auch Pläne über erneute Kreuzzüge ins Heilige Land bekannt – vielleicht ist die Palästinakarte in Ziesar davon inspiriert. Sicher ist, dass die Burg bis zur Reformation Residenz der Bischöfe bleibt, und damit ein wichtiges geistliches Zentrum.

Dabei ist die Region Brandenburg eigentlich ein christlicher Spätstarter. Lange von heidnischen Slawen kontrolliert, etabliert sich hier erst im zwölften Jahrhundert das Christentum dauerhaft. Die Burg Ziesar wird Neben- und später Hauptresidenz der Bischöfe von Brandenburg. 1470 stehen erneute Umbauten an, nach modernsten technischen und ästhetischen Vorstellungen: Eine ungewöhnlich große Kapelle mit repräsentativer Backsteinfassade entsteht, der Wohnbereich bekommt eine spätmittelalterliche Fußbodenheizung, die Räume werden fortan von großen gotischen Fenstern erhellt. Nach der Reformation verliert Ziesar jegliche Bedeutung und verfällt zunehmend. 1819 kommen die Gebäude in Privatbesitz und werden nach dem zweiten Weltkrieg als Flüchtlingsunterkunft und Internat genutzt. Doch bedeutende Relikte aus den glorreichen Jahren des Spätmittelalters können die Zeit überdauern und heute im Burgmuseum bewundert werden.

Eine Dauerausstellung des Museums beleuchtet die Christianisierung der Slawen und die Geschichte der Fürstbischöfe von Brandenburg. Im Erdgeschoss werden Gemälde des impressionistischen Landschaftsmalers Otto Altenkirch präsentiert, wohl der berühmteste Sohn der Stadt. Die Burgkapelle St. Peter und Paul ist seit 1952 das Gotteshaus der katholischen Gemeinde – Ziesar gehört heute zur Pfarrei Sankt Marien Genthin – und mit mittelalterlichen Malereien ausgeschmückt, das Gewölbe ziert ein illusionistisches Maßwerk beeindruckender künstlerischer Qualität. Durch glückliche Umstände ist die Gestaltung gut erhalten: Seit Ende des 17. Jahrhunderts nutzten Calvinisten die Kirche und übermalten ihre Wände mit weißer Farbe. So wurden die ursprünglichen Malereien über die Jahrhunderte konserviert und erzählen noch heute von einer Zeit, in der Bischöfe in Ziesar beteten und residierten.

Michael Burkner
Das Burgmuseum Ziesar, die Altenkirch-Ausstellung und der Burgfried sind von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Von Mai bis November zeigt eine Sonderausstellung anlässlich des 150. Geburtstags von Otto Altenkirch weitere Werke des Malers