Frauen als Treiber der friedlichen Revolution
„Die Zeit war reif, wir hatten keine Angst mehr“
Foto: Reinhard Hentze
Montagsdemo in Halle/Saale am 23. Oktober 1989. Vorne, rechts neben dem Mann mit den Kind auf den Schultern, ist Gerlinde Gailer zu sehen.
Christen in der DDR waren oft Außenseiter: Sie wurden in der Schule benachteiligt, hatten seltener die Möglichkeit Abitur zu machen, vielen blieb ein Studium und damit der Wunschberuf verwehrt. Einen geschützten Raum bot ihnen die Kirche – gerade politisch Engagierten. Im öffentlichen Gedächtnis ist die Zeit der Wende und der Neugestaltung des wiedervereinten Deutschlands oft mit evangelischen Christen verbunden, meist mit Männern. Dabei setzten sich auch katholische Frauen sehr aktiv für Veränderung ein. Sie standen „im Schatten der Kerzen“ – wie es eine Frauenveranstaltung des Bistums Dresden-Meißen passenderweise betitelte. Zeit, die Frauen zu fragen, wie sie die Gesellschaft damals veränderten und bis heute mitprägen.
Von den Friedensgebeten in Leipzig in die Runde Ecke
Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche sind international bekannt. Die Stadt gilt als Ort der Friedlichen Revolution. Nach dem Gebet um 17 Uhr schlossen sich die Montagsdemos am Abend an. Weniger bekannt ist, dass sich in der evangelischen Kirche auch katholische Christen bei der Durchführung der Friedensgebete einbrachten. Angelika Pohler – damals 38 Jahre alt – erinnert sich noch sehr genau an den 18. September 1989: „Wir waren regelmäßig etwa alle acht Wochen im Wechsel mit den anderen Gruppen dran“, erzählt sie. An besagtem Montag war ihr Friedenskreis Lindenau-Grünau an der Reihe, der sich aus Katholiken der Liebfrauengemeinde und St. Martin zusammensetzte.
Schon seit der evangelischen Friedensdekade 1982 diskutierten sie im Friedenskreis Themen wie atomare Aufrüstung oder den Wehrunterricht in der Schule, angeregt durch ihren Pfarrer Clemens Rosner. „Wir ahnten, dass es auch Stasi-Spitzel unter uns gab“, sagt Pohler. Trotzdem kamen private Kontakte zur Pax Christi-Gruppe aus Frankfurt am Main zustande; die Leipziger Messe bot diese „illegale“ Möglichkeit. „Sie brachten uns immer die neueste Friedensliteratur mit. Das hat uns geholfen, die Friedensgebete lebendig zu gestalten.“
Am 18. September war die Nikolaikirche sehr voll. Angelika Pohler ist die Anspannung bis heute anzumerken. Niemand wusste, wie der Abend enden würde. „Die Parteigenossen wurden 14 Uhr aus den Betrieben geschickt, um die Bänke zu besetzten, damit um 17 Uhr niemand mehr in die Kirche passte. Unser Friedenskreis stand vorn um den Altar, auch meine 18-jährige Tochter mit ihrer Gitarre; die andere Tochter war 14“, erzählt sie.
Die Kirche war von Polizeiketten mit Hunden umstellt, der Haupteingang blieb wegen Baumaßnahmen geschlossen. „Die Stimmung draußen war hochexplosiv. Wir mussten alle durch die engen Seitenausgänge, hielten unsere Töchter an den Händen und haben viel gebetet“, erinnert sich Pohler. Außerdem hatten die Beteiligten Vorkehrungen getroffen, denn vor dem 9. Oktober wurden viele Menschen in Leipzig verhaftet. Sie hatten Zettel mit ihren Namen dabei, die sie fallenlassen konnten, sollten sie verhaftet werden. Denn darüber informierten Behörden die Angehörigen nicht. Angelika Pohler wurde nicht verhaftet. Sie ging mit ihrer Familie zur anschließenden Demo. Die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen stiegen von Montag zu Montag. Leipzig war die erste Stadt der DDR, in der so viele Menschen auf die Straße gingen.
Auch später engagierte sich Angelika Pohler. Die Grafikdesignerin war im Bürgerkomitee Leipzig aktiv und regte eine Ausstellung über die Stasi an, die erstmals im Mai 1990 gezeigt wurde. Dafür gestaltete sie auf Wellpappe die Überschriften mit dickem Pinsel. Die Tafeln sind noch heute in der Ausstellung in der Runden Ecke, der ehemaligen Bezirksverwaltung der Stasi in Leipzig, zu sehen.
Vom Stasi-Gefängnis in Bautzen in den ersten gesamtdeutschen Bundestag
Maria Michalk war während der Montagsdemos in Bautzen 39 Jahre alt. Ihr Mann, evangelischer Christ, nahm sie mit zum ersten Bautzener Friedensgebet Anfang Oktober. In den Seitenstraßen standen die Wasserwerfer. Die Kinder malten Plakate mit dem Spruch „Der Wald gehört uns“, denn dort übten nachts Panzer mit Leuchtmunition. „Wir saßen im Tal der Ahnungslosen und kannten die Bilder aus dem Westfernsehen über andere DDR-Städte nicht. Dafür hörten wir Tag und Nacht Deutschlandfunk und standen morgens extra eine halbe Stunde früher auf, um Radio zu hören“, erzählt sie heute.
Für die ersten freien Wahlen in der DDR wurden Kandidaten gesucht. Die Katholikin sagte als CDU-Mitglied zu und wurde im Februar 1990 vom späteren Bautzener Bürgermeister Christian Schramm mit ins Stasi-Gefängnis genommen. Gemeinsam mit dem Gefängnispfarrer fand ein Gespräch zwischen Gefängnisleitung und Gefangenen statt. Michalk sollte als „Sicherheitsgarantie“ ins „Gelbe Elend“ mitkommen, wo Kriminelle und politische Gefangene einsaßen. Diese Erfahrung wurde prägend für die spätere Bundestagsabgeordnete. Sie setzte sich noch in der ersten frei gewählten Volkskammer für eine Amnestie der Gefangenen ein. „Die Beweise waren vernichtet, Gefangene hatten nie ein Urteil bekommen, es war schwierig, objektiv zu sein und zu unterscheiden, wer warum dort Haftstrafen absitzt. Die Amnestie war wichtig, weil so viel Unrecht geschehen ist und Menschen um ihr Lebenswerk gebracht wurden.“
Maria Michalks Motivation, sich politisch zu engagieren, war, „Missstände zu benennen und zu beseitigen.“ Aus ihrem Glauben heraus und der Überzeugung „wo ein Christ steht, kann kein Kommunist sein“ ließ sich die dreifache Mutter auf die Wahlliste schreiben. Von März bis Oktober 1990 gehörte sie der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an und war eine der 144 Volkskammer-Abgeordneten, die am 3. Oktober in den Bundestag einzogen. Sie setzte sich für die Wiedervereinigung ein, weil „gute Leute die DDR massiv verließen“ – auch nach dem Fall der Mauer. Es sei „extrem vielschichtig“, welche Entscheidungen sie fällen musste.
„Ich wusste nicht, auf was ich mich einlasse“, gesteht sie heute. Das beschreibt wohl einen Umstand, wie ihn viele Menschen in dieser Zeit erlebten. Als Abgeordnete musste sie zudem die komplette Woche zunächst in Bonn, später in Berlin sein. „Sonnabends war ich in meinem Wahlkreis unterwegs. Aber Sonntags war ich eisern: Nach dem Gottesdienst war Familienzeit, das war mir heilig.“ Wie sie, die die erste Rede auf Sorbisch im Bundestag gehalten hat, das alles schaffte? „Ich bin von Gott mit einer guten Gesundheit beschenkt. Die Kinder sind sehr schnell selbstständig geworden. Beides hat mich gestärkt“, erzählt Maria Michalk.
Foto: Angelika Pohler
Vom Neuen Forum zum ersten Geburtshaus
Gerlinde Gailer aus Halle an der Saale war 1989 gerade einmal 24 Jahre alt, ausgebildete Krankenschwester, hatte vor kurzem ihr zweites Kind bekommen und nahm immer wieder Inspirationen von Predigten und Gruppen in ihrer Pfarrgemeinde Heilig Kreuz mit. Das Pfarrhaus hatte weite Türen, selbst Luise Rinser sei dort zu Besuch gewesen. „Die Offenheit, die wir dort erlebten, hat uns Mut gemacht“, erzählt sie heute.
„Ich hatte im August 1989 mein zweites Kind zu Hause zur Welt gebracht, das war damals noch nicht so einfach möglich. Ich war kritisch und hatte einen inneren Abstand zu dieser Gesellschaft. Selbst im Kreißsaal fand Entmündigung statt.“ Mut machten ihr dazu Bücher, die sie aus dem Westen geschmuggelt bekam. Gleichzeitig zur Geburt wurde ihr Mann als Bausoldat einberufen. Eine junge Familie wäre, wie viele andere, zerrissen worden, ihr Mann, der Krankenpfleger war, „in einem Chemiebetrieb verheizt“ worden. Noch Anfang November 1989 entschloss er sich, den Wehrdienst total zu verweigern.
Beide gingen abwechselnd zu den Demos in Halle, der andere blieb bei den Kindern. Auch hatten sie Vollmachten, damit die Kinder zu Freunden und nicht in behördliche Hände kommen, sollten die Eltern verhaftet werden. „Die ökumenischen Gedanken über Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, weckten in mir eine Bereitschaft, auch etwas zu tun“, sagt Gerlinde Gailer. „Die Zeit war reif, wir hatten keine Angst mehr“, beschreibt sie heute das Ende des SED-Staates. „Was wir in der DDR erlebten, hat uns bedrückt und klein gemacht.“ Auch im Denken an die Zukunft ihre Kinder setzte sie sich für Veränderungen ein.
Die junge Frau engagierte sich im „Neuen Forum“, glaubte an einen Dritten Weg. „Heute bin ich damit versöhnt, dass es anders lief“, sagt sie. Im „Neuen Forum“ war sie Teil der Gruppe Frauen, Mütter und Familie. Da waren viele andere Christinnen. „Wir wollten keinen Wehrkundeunterricht in der Schule und faire Zugänge im Bildungssystem. Einige gründeten später christliche Schulen.“ Schon im Mai 1990 stellte sie mit Mitstreiterinnen ihre Idee zu einem Geburtshaus in Halle vor. 1991 eröffneten sie das „IRIS-Regenbogenzentrum“ – ein Haus für Familien, 1992 dann das erste Geburtshaus in den neuen Bundesländern. 1992 wurde für die junge Frau eine Ausbildung zur Ehe-, Familien- und Lebensberaterin bei der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft möglich. Im IRIS-Familienzentrum berät sie Schwangere, Eltern und Familien bis heute. „Die Wende hat für mich die Welt geöffnet“, sagt Gerlinde Gailer.
Ausbruch aus der katholischen Blase
Barbara Striegel (Jahrgang 1958) stand in der Wendezeit mitten im Familienleben, sie hatte drei Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren. „Mein Mann und ich haben bewusst versucht, unsere Kinder dem System DDR zu entziehen. Sie besuchten keine Krippe, sondern erst mit drei Jahren den katholischen Kindergarten. Das war nur möglich, weil ich in Teilzeit als Laborassistentin arbeiten konnte“, erzählt sie. Studiert hatte sie nicht, der Zugang zum Abitur wurde ihr als Christin verwehrt.
Seit ihrer Kindheit war sie in der katholischen Gemeinde in Merseburg beheimatet. „Ein Ort, wo wir uns frei fühlten“, erzählt sie. Sie setzte sich in der Jugend, Studentengemeinde und später im ökumenischen Familienkreis ein. „In den 80er Jahren reisten viele unserer Freunde und Bekannten aus. Das bedrückte uns, war aber nie ein Grund, es auch zu tun“, sagt sie. Im Herbst 1989 beschloss das Ehepaar, „mal aus ihrer katholischen Blase“ auszubrechen, und begann einen Tanzkurs. „Es war etwas skurril: Jeden Montag ging es erst zum Tanzkurs, danach auf die Montagsdemo, während die Großeltern auf die Kinder aufpassten.“
In der Wendezeit waren Christen oft gefragt, erinnert sie sich. „Als Mitglieder des Elternaktivs in der Schule unterstützten wir die Direktorin etwa darin, dass das Kriegsspielzeug aus dem Hort verschwand.“
Barbara Striegel wirkte in den ersten Jahren ab 1990 als berufene Bürgerin im Bildungsausschuss der Stadt Merseburg. Ihre Berufung fand sie dann doch im katholischen Netzwerk. Beim ersten Kontakt mit Frauen der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd) merkte sie schnell: „Das ist genau das, was ich will. Da kann ich sowohl gesellschaftspolitisch wie auch als Frau in der Kirche aktiv werden“, erzählt sie. 1995 kam es zur Gründung des kfd-Diözesanverbands in Magdeburg. Sie war im Leitungsteam, später auch im kfd-Bundesvorstand und wuchs an ihren Aufgaben: „Hier erlebte ich Frauenpower und -engagement deutschlandweit, lernte die Bibel aus der Sicht von Frauen kennen und engagiere mich seitdem beim Weltgebetstag.“
Was erzählen wir heute von dieser Zeit?
Lena Steinjan war 1989 noch ein Kleinkind und wuchs in Nordwestdeutschland auf. Seit 2006 lebt sie in Dresden. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich mit der öffentlichen Erinnerung an die Wende. Ihre Hauptfrage ist: Was wird von dieser Zeit erzählt? Auffällig sei, dass sich das Narrativ von der protestantischen Revolution hartnäckig halte. Wenn von Katholiken die Rede sei, dann von Klerikern, wenn von katholischen Laien erzählt werde, dann von Männern. „Katholische Frauen werden im Diskurs über die Friedliche Revolution selten thematisiert“, sagt Steinjan. Forsche man genauer nach, halte sich dieses Bild aber nicht. Als einen Grund gibt sie an, dass die katholische Kirche als Institution eine weniger politische Rolle einnahm als die protestantische. Das führte oft auch zu fehlender Sichtbarkeit der Laien. Das enttäuschte auch Angelika Pohler: „Wir waren auf uns gestellt. Es war ein Schock für mich als katholische Christin, keinen Rückhalt zu bekommen, obwohl wir mit Verhaftungen rechneten.“
Ihre Geschichten heute zu erzählen, ist den Frauen wichtig. „Bleibt wachsam und schaut auf das große Ganze“ sagt Gerlinde Gailer den jüngeren Frauen. Denn auch heute sei gesellschaftspolitisches Engagement so wichtig wie damals.
Foto: Privat