Jacobus Gladziwa ist neuer Propsteikantor in Leipzig

„Das entspricht meiner Idee von Kirche“

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Jacobus Gladziwa vor der Orgel in der Leipziger Propstei
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Foto: Markus Bien

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Jacobus Gladziwa ist der neue Leipziger Propsteikantor. Er ist überzeugt: „Musik baut Brücken und hilft, den Zugang zu Gott zu finden.“

Er zieht nun die Register: Jacobus Gladziwa ist neuer Propstei- und Regionalkantor für Leipzig. Wie geht er mit den Erwartungen um? Keinen Sprint hinlegen, sagt er, und lieber auf Augenhöhe mit allen, die sich engagieren.

Er hält inne, überlegt, spricht dann mit Bedacht. Dieser kurze Moment der Selbstreflexion enthält eigentlich schon die Antwort. Die Frage war, ob er sich eher als zurückhaltend oder als nach vorn drängenden Menschen sehe. „Ich beobachte lieber, als mich in den Vordergrund zu stellen“, sagt Jacobus Gladziwa dann. Zieht er jedoch beim Orgelspiel im wahrsten Sinn des Wortes alle Register oder leitet einen Chor an, sind garantiert viele Augen auf ihn gerichtet. 

Der 37-Jährige ist seit August neuer Propstei- und Regionalkantor für Leipzig, leitet die Chöre der Gemeinde, wirkt als Kantor und Organist. Er übernimmt die Stelle vom langjährigen Vorgänger Stephan Rommelspacher. Gladziwas erster Monat war dessen letzter nach zwölf Jahren Tätigkeit. „In dieser gemeinsamen Übergabezeit habe ich gute Einblicke gewonnen“, meint Gladziwa. „Ich wachse gerade in meine neuen Aufgaben hinein, vieles kommt nun zum ersten Mal auf mich zu.“ Erst kürzlich stand zum Beispiel das Mozart-Requiem an.

Leipzig ist kein unbekanntes Terrain für den neuen Propsteikantor. Geboren in Aachen, ganz im Westen Deutschlands, studierte Gladziwa Orchesterleitung und Katholische Kirchenmusik in Dresden und Leipzig, war dann Kirchenmusiker im sächsischen Delitzsch und – bis zum Wechsel an die Pleiße – in Berlin.

„Ich komme nicht aus einem musikalischen Elternhaus, ich beginne sozusagen eine Tradition“, berichtet er und schmunzelt. „Als Kind habe ich im Aachener Domchor gesungen und mit ungefähr zwölf Jahren begonnen, Klavier und Orgel zu lernen.“ Letztere, oft auch als „Königin der Instrumente“ bezeichnet, trat dann immer stärker in den Vordergrund: „Orgeln bieten durch die Wahl der Register eine größere Vielfalt an Klangfarben, und ich habe sie natürlich auch als liturgisches Instrument kennengelernt“, schaut Jacobus Gladziwa zurück zu seinen Anfängen.

Von Berlin wegzugehen, sei nicht etwa eine Notlösung gewesen, betont er: „Ich wollte nach Leipzig.“ Das Besondere an der Propstei sei für ihn die offene Gemeinde: „Sie vereint in sich viele Strömungen, ist in der Stadtgesellschaft aktiv, befindet sich wortwörtlich im Zentrum der Stadt.“ Der Mittdreißiger – kurzer, gestutzter Bart, wache, aufmerksame Augen hinter Brillengläsern – spricht meistens mit ruhiger Stimme, doch an dieser Stelle löst er dann mal kurz die „Bremse“ und sagt mit Bestimmtheit: „Ich sehe, dass die Kirche hier viel bewegt, trotz der Diasporasituation. Die Menschen identifizieren sich stark mit ihrer Gemeinde. Und das entspricht meiner persönlichen Idee von Kirche!“

In der Nachfolge von Georg Trexler, Kurt Grahl und Stephan Rommelspacher

Die Ausbildung zum Kirchenmusiker sei seiner Meinung nach eines der vielfältigsten Studienfächer, es decke vieles ab, was man später im Beruf benötige, meint Gladziwa. „Im Umgang mit dem Orchester zum Beispiel profitiere ich heute zusätzlich sehr von meinem ersten Studium, der Orchesterleitung.“

Das Bewerbungsverfahren war intensiv, aber nichts, was den schon erfahrenen Kirchenmusiker aus der Bahn hätte werfen können: „Ich musste natürlich auf der Orgel vorspielen, eine Chorprobe und eine Kinderchorprobe bestehen und bekam noch diverse Aufgaben gestellt“, erinnert er sich. Das Ganze fand bereits im Juni 2024 statt. Seit dem Sommer des Vorjahres wusste der Familienvater dann: Ich bin es.

Die Namen seiner Vorgänger kennt Gladziwa genau, eine mögliche Schwere des Erbes ist ihm bewusst: „Die Nachfolge von Georg Trexler, Kurt Grahl und Stephan Rommelspacher anzutreten ist eine spannende Aufgabe. Ich gehe sie mit Respekt und großer Freude an.“ Seinen direkten Vorgänger Rommelspacher kannte er bereits recht gut von gemeinsamen Fortbildungsveranstaltungen. „Wir Kirchenmusiker sind häufig Einzelkämpfer vor Ort, da ist jeder Austausch wichtig“, meint der Kantor der katholischen Hauptkirche von Leipzig. Doch zu Gladziwas Titel gehört auch der des Regionalkantors. Heißt das, er müsse nun auch in sämtlichen umliegenden Gemeinden Orgel spielen? Nein, winkt er ab und lacht: „Hier geht es vor allem darum, ehrenamtliches Engagement vor Ort zu koordinieren. Das entwickelt sich gerade. Ich plane, hier im neuen Jahr aktiver zu werden.“ Er möchte zum Beispiel das Gespräch mit Chorleitern oder Organisten suchen, um sich zu vernetzen und zu hören, was die Ehrenamtlichen vor Ort alles benötigten.

Was Orgelspielen mit Skispringen gemeinsam hat

Jacobus Gladziwa einmal aus der Ruhe zu bringen, ist nicht einfach. Die Frage, ob Orgelspielen nicht außergewöhnlich komplexe Bewegungsabfolgen von Händen und Füßen erfordert, kontert er geschickt mit der Behauptung, ein Skispringer denke doch auch nicht während eines Sprungs über Abläufe nach. Mit der Zeit wachse man eben hinein, Finger und Füße je nach Note zu koordinieren. Außerdem: „Viel wichtiger ist der richtige Schuh, leicht, nicht zu breit, um wirklich nur die Fußpedale zu treffen, die man auch treffen wollte.“

Wie er seine Arbeit angehen wird, weiß Gladziwa bereits recht genau: Bewährtes weiterführen, wie das „Leipziger Abendlob“, das alle zwei Monate freitagabends um 21 Uhr stattfindet, oder gelebte Traditionen wie die „Krönungsmesse“ an Heiligabend beibehalten, aber auch an der einen oder anderen Stelle weiterentwickeln.

„Es braucht Zeit, um Dinge zu gestalten. Keinen Sprint hinlegen. Kontinuierliche Arbeit ist langfristig besser als ein einzelnes schnelles Highlight.“ Erneut hält er inne, denkt nach, wägt seine Worte ab. „Schließlich geht es doch darum, gemeinsam mit den verschiedenen aktiven Gruppen in den Gemeinden etwas zu gestalten, ein gutes Klima herzustellen und auf Augenhöhe zu agieren.“ Musik sei eine universelle Sprache. Sie baue Brücken, öffne Türen und helfe, den Zugang zu Gott zu finden – und zueinander, so der neue Kantor.

Wer Jacobus Gladziwa außerhalb der Sonntagsgottesdienste in Aktion erleben möchte, hat an den Freitagen im Advent Gelegenheit dazu. Dann finden Orgelandachten zusammen mit der Leipziger Hochschule für Musik und Theater (HMT) „Felix Mendelssohn Bartholdy“ statt. Etwas Besonderes bleibt auch weiterhin die Christmette am 24. Dezember in der Nikolaikirche, wo traditionell die Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart erklingt.

Markus Bien