Tageshospiz der Villa Auguste in Leipzig
„Ein Gottesgeschenk“
Foto: Ruth Weinhold-Heße
Andreas Dorn steht in der übergroßen Wohnküche an der Spüle und schält Kartoffeln. In dem großen hellen Raum gibt es neben dem Esstisch mit acht Sitzplätzen auch mehrere Ruhesessel und eine Küchenzeile. Der 62-Jährige packt an, wo er noch kann, wie bei der Vorbereitung zum Mittagessen. Dass ihm nicht immer alles leicht fällt, weil er todkrank ist, weiß hier jeder. Er erntet im Tageshospiz in der Villa Auguste in Leipzig nicht einfach nur Mitleid, sondern Verständnis für seinen Zustand in dieser Lebensphase. Das bestärkt ihn vor allem deshalb, weil es den anderen Gästen genauso geht. Die Themen Krankheit, Tod oder die eigene Beerdigung sind hier kein Tabu, werden aber auch nicht überthematisiert. Man ermutigt sich gegenseitig, das Leben noch so zu genießen wie es geht. Gemeinsame Ausflüge gehören auch dazu.
Rettung – obwohl das Leben endlich ist
„Ich habe hier Halt gefunden“, erzählt Andreas Dorn, als die Kartoffeln mit Fleischklößen und Gemüse am Mittagstisch verzehrt werden, „und ich kann wieder mit anderen Menschen Mitgefühl haben.“ Im Mai 2024 sei er von seiner Palliativärztin auf das Tageshospiz aufmerksam gemacht worden. Zehn Tage später war er das erste Mal hier. „Das hat mich gerettet“, erklärt Andreas Dorn, der seit acht Jahren mit der Diagnose Krebs lebt. Er spürt am eigenen Leib, dass sein Leben endlich ist. „Es war ein Gottesgeschenk, denn ich hatte schon 30 Kilo abgenommen. Nachdem ich hierher kam, hat sich mein Zustand stabilisiert und die Medikamente haben wieder angeschlagen.“ Was dem Kranken geholfen hat, war neben der Gemeinschaft eine Wochenstruktur mit Angeboten. Er kam wieder aus den eigenen vier Wänden heraus. Seine Frau geht noch arbeiten. „Wenn ich allein zu Hause war, fing das große Grübeln an“, erzählt er, das habe sich gebessert.
Zwischen dem gemeinsamen Frühstück und Mittagessen lädt an diesem Vormittag vor rund vier Monaten Jana Stefanek ins Gartenzimmer ein. Im Stuhlkreis sitzen Andreas Dorn und weitere Gäste aus dem Tageshospiz beim Musikangebot. Nach einer kurzen Austauschrunde wird gesungen, jemand verlässt zwischendurch den Stuhlkreis, weil es ihm schlecht geht. Eine noch ziemlich junge Frau wünscht sich „Der Himmel ist blau“ von der Band „Die Ärzte“. Eine ältere Dame wirkt niedergeschlagenen, ihre Stimme macht auch nicht richtig mit. Die Musikpädagogin Jana Stefanik greift das auf: „Dann tun wir jetzt etwas Gutes für die Stimme.“ Sie ermutigt zu einer Stimmmassage, zuerst wird der Brustkorb abgeklopft, sie fordert alle Teilnehmer auf, die Augen zu schließen und das eigene Gesicht zärtlich zu streicheln. Dazu singt Stefanik das „Liebkoselied“ aus dem Kinderhöspiel „Traumzauberbaum“. Das tut allen im Raum sichtlich gut. Stefanik hatte vor vier Jahren selbst einen Herzstillstand, ein Wendepunkt in ihrem Leben. Jetzt will sie Menschen dabei helfen, ihrer Stimme wieder Ausdruck zu geben. Andreas Dorn kam zu Beginn nur wegen des Musikangebots ins Tageshospiz, erzählt er. „Ich habe mich sonst ja nie singen gehört, dadurch bin ich hier erst richtig warm geworden.“
Dass Andreas Dorn das Tageshospiz für sich als Ort entdeckt hat, wo er wieder Zuversicht gefunden hat, reiht sich ein in eine größere Geschichte, die er beim Mittagessen auch noch erzählt: „Ich bin aus der Not meiner Krankheit wieder zurück zu dem Glauben meiner Kindheit gekommen.“ Sein Leben war nicht immer einfach und als die Krebsdiagnose kam, machte er sich auf die Suche nach Halt. „Inzwischen weiß ich, dass ich nicht tiefer fallen kann, als in Gottes Hand“, sagt er. Obwohl er keinen christlichen Hintergrund hat, betete er als Kind und Gott erhörte ihn. Aber lange spielte das keine Rolle in seinem Leben. In den letzten Jahren habe er sich erst mit dem Buddhismus auseinandergesetzt, später Bücher von Anselm Grün gelesen. Dann nahm er an einer Motette in der Leipziger Thomaskirche mitden Thomanern teil. „Als wir gemeinsam das Vater-Unser beteten, merkte ich, da passiert etwas in mir.“ Zuletzt kaufte er sich eine Bibel. Das kleine Buch im Ledereinband nimmt er überall mit hin, auch heute ins Tageshospiz. In der Mittagspause setzt er sich in einen der Ruhesessel und liest darin. „Jetzt ist das Gefühl wieder da: ich weiß Jesus lässt mich nicht im Stich.“
Das sagt er auch später immer wieder am Telefon, obwohl er innerlich aufgewühlt ist: Denn der Nachfolgeantrag fürs Tageshospiz hängt lange in der Schwebe. Irgendwann wird er abgelehnt. Der Krebs ist stabil und zeigt kein Wachstum. Die Medikamente schlagen zwar an, haben aber heftige Nebenwirkungen. Obwohl seine Ärzte ihm attestieren, dass für seinen Krankheitsverlauf der Aufenthalt im Tageshospiz wichtig ist, lehnt die Krankenkasse ab. Der rechtliche Anspruch auf Aufnahme in ein Tageshospiz ist derzeit noch wie für vollstationäre Hospize geregelt, nach sehr strengen Kriterien. Trotzdem ist Andreas Dorn dankbar: „Natürlich tut mir das weh. Aber ich habe viel mitgenommen, gerade auch in meinem Glauben. Und das habe ich ja mit nach Hause gebracht. Die Zeit im Tageshospiz war sehr wertvoll.“ Nun sucht er Alternativen. Seinen Mut und seine Hoffnung lässt er sich nicht nehmen.