Militärseelsorge in Sachsen

„Kriegstauglich werden, friedenstauglich bleiben“

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Soldaten auf Wallfahrt laufen eine Straße entlang
Nachweis

Fotos: Ruth Weinhold-Heße

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Nicht im Gleichschritt laufen Soldaten und Militärseelsorger bei der Fußwallfahrt der katholischen Militärseelsorge im letzten September von Rochlitz zum Kloster Wechselburg.

Angesichts von Konflikten und Kriegen scheint heute für viele Bundeswehr-Soldaten ein Kampfeinsatz in greifbarer Nähe zu sein. Darauf bereiten sich nicht nur Armee und Politik vor, sondern auch die katholische Militärseelsorge, die vor 70 Jahren gegründet wurde. Christian Bock, Militärpfarrer im sächsischen Frankenberg, will auch im Ernstfall für die Soldaten da sein.

Frieden ist das oberste Ziel, die Bundeswehr ist keine Angriffsarmee. Trotzdem ist die aktuelle politische Lage angespannt. Durch den Angriff Russlands auf die Ukraine ist der Krieg in Europa nur 600 Kilometer entfernt. Im sächsischen Frankenberg ist die Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ stationiert. Mit ihren Verbänden, so auch dem Panzergrenadierbataillon 371 aus Marienberg, steht sie als „Brigade der höchsten Verfügbarkeit“ bereit, um Litauen im Fall eines Angriffs auf das NATO-Gebiet zu unterstützen. Das Szenario, dass dieser Bündnisfall eintritt, hielt bis vor vier Jahren kaum jemand für realistisch. „Die Stimmung in der Truppe ist anders“, erzählt ein Soldat vom Bundeswehrstandort Marienberg. „Im Ernstfall müssen wir ausrücken. Ich hätte nie gedacht, dass wir in diese Lage kommen. Wir Älteren machen uns große Sorgen.“ Der stämmige Mann hat bereits in der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) gedient und ist kein Christ. Trotzdem nahm er an einer Fußwallfahrt der katholischen Militärseelsorge zum Kloster Wechselburg im letzten Herbst teil, weil es die Gemeinschaft stärke.

der katholische Militärpfarrer Christian Bock steht in Uniform vor einer Kirchentür
Am 27. November  2025 wurde Christian Bock als Militärpfarrer in Frankenberg in Sachsen eingeführt.

Am Standort Frankenberg wurde Christian Bock Ende November 2025 als katholischer Militärpfarrer eingeführt. Der ehemalige Trappist ist dort seit einem guten Jahr Militärseelsorger. Bevor er Ordensgeistlicher war, kümmerte er sich bereits im Nebenamt um Militärangehörige, als er Seelsorger für deutschsprachige Katholiken in Washington war.

Seitdem er sein neues Amt angetreten hat, beschäftigt sich Christian Bock damit, wie im Ernstfall eines militärischen Konflikts Militärseelsorger mit Verwundeten, Gefallenen und Kriegsgefangen würdig und angemessen umgehen können. „Auch die Militärseelsorge muss sich Gedanken machen, welche Aufgaben auf sie zukommen, wenn die Gesamtgesellschaft und Bundeswehr kriegstauglich werden sollen“, sagt er.

Als Militärseelsorger wolle er für die Soldaten da sein. Im letzten Herbst hat der 59-Jährige die Soldaten bei der Übung „Grand Eagle“ in Litauen in vielen Einzelgesprächen bereits kennengelernt. In dem baltischen Land wird derzeit die Panzerbrigade 45 aufgebaut, der erste dauerhafte Stützpunkt der Bundeswehr im Ausland seit ihrer Gründung vor gut 70 Jahren. Die Übungen dienen der Vorbereitung dafür. Vor allem, weil Christian Bock den Truppenalltag miterlebte, habe er ein gutes Gefühl für die Sorgen und Nöte der Soldaten im Lager entwickelt, erzählt er. Erfreulich war für ihn, dass die Gottesdienste sehr gut besucht gewesen seien. „Das sind kleine Unterbrechungen des Alltags und deshalb werden die Angebote von uns gerne angenommen.“ Seelsorge kann sich auch mal in einer gereichten Bratwurst zeigen, ist er überzeugt: „Das wird sehr geschätzt und manchmal öffnet sich so eine Tür zu einem Gespräch.“

„Militärseelsorge ist tatsächlich ein sehr wichtiger Dienst“

Zuhause – in den Bundeswehr-Standorten Frankenberg, Marienberg, Gera, Gotha, Bad Frankenhausen, Weiden in der Oberpfalz und Augustdorf, die alle zu seinem Zuständigkeitsbereich gehören – sei er „viel näher dran an den Schicksalen und Problemen der Menschen als im normalen Gemeindedienst“. Die gesamte Breite der Bevölkerung sei beim Militär anzutreffen, auch die, die sonst nicht in die Kirche gehen. Christian Bock findet deshalb: „Militärseelsorge, mit dem Aufwand, wie wir sie betreiben, ist tatsächlich ein sehr wichtiger Dienst.“

Bis die Panzerbrigade 45 in Litauen voll aufgebaut ist, stehen die Soldaten aus Frankenberg auf Abruf und würden bei einem Angriff nach Litauen verlegt. Dieser Auftrag bewegt die Soldaten. Manche haben Familien mit kleinen Kindern. Auch die ganz existenziellen Fragen kämen hoch, so der Militärpfarrer.

Für den Ernstfall sieht sich Christian Bock gut gerüstet: „Ich bin von meinem Glauben überzeugt und hänge nicht zu sehr an meinem Leben. Ich bin getragen von dem Gedanken, dass ich in schweren Situationen nicht allein bin“, sagt er. Das wolle er den Soldaten mitgeben – auch wenn Einsatzbegleitung oder Krisenintervention für einen Militärseelsorger keine leichten Themen seien. „Ich lebe aus einem tiefen Glauben, der mich in Krisen und schweren Zeiten trägt“, sagt er. Wichtigstes Ziel für den Militärpfarrer: „Neben den Anstrengungen, kriegstauglich zu werden, müssen wir friedenstauglich bleiben.“

Ruth Weinhold-Heße
Militärseelsorge als Auftrag von Gott

Militärseelsorger sind Beamte auf Zeit, werden durch den Verteidigungshaushalt finanziert, stehen aber nicht direkt unter der Weisungsbefugnis der Bundeswehr. Von den rund 200 Militärpfarrern in Deutschland ist etwa die Hälfte katholisch. Knapp über die Hälfte der deutschen Soldaten sind Christen.

Seit der Gründung der Bundeswehr 1955 regeln Staatskirchenverträge die Zusammenarbeit mit den Kirchen. Am 4. Februar 1956 wurde Kardinal Joseph Wendel erster Militärbischof der Bundeswehr – das gilt als Gründungsdatum der katholischen Militärseelsorge. Er sah in der Militärseelsorge Auftrag und Verantwortung der Kirche vor Gott.

In der NVA gab es zu DDR-Zeiten keine Militärseelsorge. Nach der Wiedervereinigung begann die katholische Militärseelsorge mit dem Aufbau neuer Strukturen.

1957 wurde die evangelische Militärseelsorge gegründet. Seit 2020 gibt es ein Militärrabbinat für die rund 300 jüdischen Soldaten. Die Seelsorge für die rund 3000 muslimischen Soldaten ist geplant, dazu beginnt im Sommer ein Pilotprojekt mit unabhängigen Imamen.