Ungarndeutsche im Bistum Meißen

Zwei Seelen in sich tragen

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Umsiedlerpässe von zwei Ungarndeutschen
Nachweis

Foto: Ruth Weinhold-Heße

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Umsiedler-Pässe von Anna Simon und Nikolaus Drexler, ausgestellt am 19. Januar 1948 in Pirna.

Kirche als Treffpunkt für Vertriebene: Was offiziell nicht ausgesprochen werden durfte, prägte nach dem Zweiten Weltkrieg die katholischen Gemeinden. Im damaligen Bistum Meißen waren zeitweise mehr als drei Viertel aller Gläubigen Vertriebene. Unter ihnen nahmen die Ungarndeutschen eine besondere Rolle ein.

Anna Simon war fast acht Jahre alt, als sie am 19. Januar 1948 im Viehwaggon in Pirna ankam. Mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und den Großeltern musste sie ihr ungarisches Heimatdorf Márkó nördlich des Balaton verlassen in eine ungewisse Zukunft. Der Vater hatte für Ungarn im Krieg gedient und war in russischer Gefangenschaft. Sie sollte ihn erst mit elf Jahren überhaupt kennenlernen. Denn als er nach Ungarn zurückkehrte, ließen ihn die Behörden nicht in die DDR ausreisen, er wartete Jahre, bevor er mit seiner Familie wieder vereint sein konnte.

Heute heißt das Mädchen von damals Anna Drexler und ist 85 Jahre alt. Noch immer wohnt sie in Hohnstein in der sächsischen Schweiz, wo es sie vom ersten Auffanglager Ende Januar 1948 hinverschlagen hatte. „Wir wurden von der ‚grauen Kaserne‘ in Pirna auf einem offenen LKW zum Marktplatz von Hohnstein gefahren, es war Winter und sehr kalt. Unsere Bündel, die alles waren, was wir dabei hatten, warfen sie hinunter auf die Straße. Dann kam ein Mädchen, das ähnlich alt war wie ich, mit einem Handwagen und zeigte auf die Burg. Dort mussten wir hoch und sie half uns“, erinnert sie sich und es stehen Tränen in ihren Augen. Im ehemaligen Strafgefangenenlager der Burg Hohnstein waren die Säle mit Bretterverschlägen getrennt, die Vertriebenen schliefen dort teilweise auf Stroh, so sagt sie.

Die ungarndeutschen Familien hatten ihre Tiere verlassen müssen, die Bauernhöfe in Ungarn wurden enteignet. „Wir nahmen Essen mit, so viel wir tragen konnten“, erzählt Anna Drexler und berichtet von selbstgebackenem Brot, einem Krug voll Schmalz, Marmelade und selbstgemachten Würsten. „Dann standen plötzlich deutsche Kinder vor der Tür und fragten nach Essen. Ich ging zu meiner Mutter und sagte: Die haben Hunger, können wir ihnen etwas abgeben? Da schnitt meine Mutter das Brot auf“, erzählt sie. Im Nachkriegsdeutschland waren nach dem Hungerwinter 1946/47 auch noch die Ernten schlecht ausgefallen.

Annas Mann Nikolaus Drexler, den sie 1959 kennenlernte, landete 1948 im Nachbardorf Porschdorf. Schon in Ungarn lebten die zwei Familien in Nachbarorten, die Eltern kannten sich. Seine Familie war bereits im Sommer 1947 enteignet worden, auch er kam am 19. Januar in Pirna an. Der 88-Jährige sagt: „Damals waren wir Kinder und haben die Probleme nicht so wahrgenommen wie die Erwachsenen.“ Vor allem die Älteren hätten jahrelang auf eine Rückkehr gehofft.

Karte der katholischen Kirche 1948
1948 machte der Anteil der Heimatvertriebenen (rot) einen Großteil der Katholiken in der sowjetischen Besatzungszone aus.
Grafik: Archiv Torsten Müller

Erst nach dem Ende des Kommunismus änderte sich in Ungarn das öffentliche Bekenntnis zu den sogenannten „Donau-Schwaben“, deren Familien ursprünglich aus Süddeutschland stammten, und die nach Ende der türkischen Besatzung Teile von Ungarn im 18. Jahrhunderten wieder bewirtschaftet hatten. „Bis heute trage ich zwei Seelen in meiner Brust: eine ungarische und eine deutsche“, sagt Nikolaus Drexler. Er berichtet vom starken Zusammenhalt in den ungarndeutschen Dörfern. Bei den Festen hätten die Familien immer das halbe Dorf eingeladen. Das Leben sei sehr von Kirche geprägt gewesen, fast alle waren Katholiken. Man feierte Namenstage eher als Geburtstage. Taufpaten waren wichtige Bezugspersonen und gehörten quasi mit zur Familie. Er sei mit ungarischem Essen groß geworden und möge kein Schnitzel, sondern Gulasch, erzählt er. Neben ihren auffälligen dunklen Trachten, sprachen die Ungarndeutschen zu Hause einen altertümlichen schwäbischen Dialekt, nur in der Schule unterhielten sie sich auf Ungarisch. Ihre Bräuche brachten sie mit und fühlten sich damit oft fremd. „Sächsisch war für uns eine Fremdsprache“, erklärt der spätere Landrat vom Kreis Sebnitz und lacht.

Mit den Vertriebenen war nach 1945 die Zahl der Katholiken im Osten Deutschlands sprunghaft angestiegen. Im Bistum Meißen machten zu diesem Zeitpunkt Vertriebene mehr als drei Viertel aller Katholiken aus. In Hohnstein trafen sich die Katholiken wie vielerorts zunächst in der evangelischen Kirche. Nach den Gottesdiensten nutzten sie die Gelegenheit zum Austausch, denn Zusammenkünfte von Vertriebenen durfte es in der DDR nicht geben und offiziell sollten sie sich nur „Umsiedler“ nennen. So erzählt es auch Nikolaus Drexler: „Nach der Kirche standen die Älteren noch zusammen und diskutierten darüber, wann sie zurück nach Ungarn dürfen.“

Von der Kirche als Ersatz für Vertriebenen-Verbände berichtet auch Peter Bien. „Es gab in der DDR keine Möglichkeit, sich mit diesem Thema öffentlich zu befassen“, sagt er. Peter Bien ist Nachkomme von oberschlesischen und ungarndeutschen Vertriebenen und heute Leiter des Vereins „Erinnerung und Begegnung“ in Dresden. Mit Vorträgen klärt er Interessierte und vor allem Schüler über diese Zeit auf, auch ein kleines Museum in Knapperode betreibt der Verein.

Noch bis in die 1970er Jahre seien ungarndeutsche Frauen durch ihre Trachten in den Gottesdiensten aufgefallen, sie hatten eigene Bräuche und Lieder. „Die Ungarndeutschen nahmen unter den Vertrieben im damaligen Bistum Meißen eine besondere Rolle ein, denn sie waren allein durch ihren altertümlichen Dialekt Außenseiter.“ Den besonderen Seelsorgebedarf erkannte auch die Bistumsleitung und so erhielten sie in Peter Ruppert einen hauptamtlichen Seelsorger, der von 1948 bis 1951 nur für die Ungarndeutschen da war.

Nur wenige Ungarndeutsche konnten zurückkehren, manche zogen weiter nach Westdeutschland, die meisten blieben. Anna und Nikolaus Drexler reisten 1960 das erste Mal gemeinsam in die alte Heimat, mit ihren Kindern kamen sie immer wieder und pflegen bis heute einen intensiven Kontakt.

Ruth Weinhold-Heße