Seligsprechungsverfahren hat begonnen
Alfred Delp: "Er wird verehrt"
Foto: Jesuiten-Archiv
Vor Gericht: Alfred Delp 1945 vor dem Volksgerichtshof in Berlin
Der Jesuit Andreas Batlogg (63) hat seinen Mitbruder Alfred Delp nie kennengelernt, natürlich nicht. Trotzdem fühlt er sich ihm sehr verbunden. „Ich habe seine Schriften als junger Theologiestudent zum ersten Mal gelesen und danach immer wieder“, sagt er. „Ich entdecke immer wieder Neues, das mich inspiriert.“ Oder auch, sagt er, „beschämt“: „Dieser Mut! Diese Entschlossenheit!“
Alfred Delp, sagt Batlogg, hätte gegen vieles, was heute wieder up-to-date ist, protestiert. „Gegen diese Rechtstendenzen im Katholizismus zum Beispiel. Gegen diese Vereinnahmung Gottes im Namen des Nationalismus. Gegen die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen. Gegen die gewaltsamen Abschiebungen, wie sie in den USA gerade zu erleben sind und von denen die AfD auch für Deutschland träumt.“
Als junger Jesuit muss Delp ein unbequemer Mann gewesen sein. „Er galt in unserem Orden als schwierig“, sagt Batlogg, „als aufbrausend, rechthaberisch, laut und viel zu wenig demütig“. Seine verbalen Angriffe richteten sich keineswegs nur gegen den NS-Staat. „Auch seine Kirchenkritik war schonungslos“, sagt Batlogg und zitiert einen Text Delps: „Sind wir noch glühende Menschen? Ist noch irgendeine Leidenschaft in unserer Seele? Oder ist das alles so nüchtern und dürftig und schön geordnet, dass es kein Herz mehr entzündet?“ Fragen, die noch heute aktuell sind.
Für Prunk und Protz hatte Delp nicht viel übrig. „Er war überzeugt, dass die Zukunft der Kirche in der Diakonie liegt, im Dienst am Menschen. Er hatte ein großes Interesse an sozialen Fragen“, sagt Batlogg. Genau deshalb schickte ihn sein Provinzial in den Kreisauer Kreis. „Es ging um die Frage, wie ein Deutschland ohne und nach Hitler aussehen kann“, sagt Batlogg.
Allein die Diskussion dieser Frage galt als Hochverrat, so dass die Verhaftungswelle nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler durch Graf Stauffenberg auch Delp traf. „Eine Beteiligung am Attentat wurde ihm nicht nachgewiesen“, sagt Batlogg. „Zum Tode verurteilt wurde er trotzdem.“ Auch, weil er Jesuit war und unabhängig und furchtlos. „Freisler hat ihm angeboten, das Todesurteil in eine Freiheitstrafe umzuwandeln, wenn er aus dem Orden austritt. Die Nazis haben die Jesuiten gehasst.“
Und einige von ihnen besonders. Rupert Mayer zum Beispiel, 1987 seliggesprochen. Oder Alfred Delp. Ihm verweigerten sie die Immatrikulation an der Münchner Universität, wo er ein Promotionsstudium aufnehmen wollte. Stattdessen arbeitete er bei den „Stimmen der Zeit“, der Kulturzeitschrift des Ordens. Nach ihrer Aufhebung im April 1941 wurde Delp Seelsorger in der Pfarrei Heilig Blut in München-Bogenhausen.
„Delp hatte ein verblüffend sicheres Gespür für die geistigen Entwicklungen seiner Zeit“, sagt Batlogg. „Nationalsozialismus und Christentum hielt er früh für unvereinbar.“ Und predigte furchtlos dagegen an. „Manchmal war er geradezu frech“, sagt Batlogg. „Einmal soll er sich bei der Predigt vorgebeugt, zu den Gestapo-Spitzeln rübergeschaut und gefragt haben: Soll ich langsamer sprechen, damit Sie besser mitschreiben können?“
Ende Juli 1944 verhaftet, saß Delp ein halbes Jahr in Berlin-Tegel ein, bis er nach Plötzensee überstellt und am 2. Februar 1945 hingerichtet wurde. „Die Zeit hat ihn verändert“, sagt Batlogg. „Die Folter, der Hunger, die Todesangst – das hat ihn reifen lassen.“ In dieser Zeit entstanden viele Schriften: Meditationen, Reflexionen, die aus dem Gefängnis geschmuggelt und gesammelt wurden. „Wenn ich sie lese, packt es mich immer wieder“, sagt Batlogg. Auch deshalb hat er seine Ewigen Gelübde an einem 2. Februar abgelegt. „Ich habe damals gesagt: Wenn ich es mir aussuchen kann, dann am Todestag Delps.“
Und so geht es nicht nur ihm. „Delp wird gelesen, er wird zitiert, von ihm wird gesprochen“, sagt Batlogg. „Er wird verehrt – schon lange und von vielen.“ Deshalb sei es höchste Zeit, dass nun der Seligsprechungsprozess begonnen hat. „Delp gehört nicht nur uns Jesuiten. Er gehört der Welt. Denn er hat aller Welt gerade heute sehr viel zu sagen.“
Das Leben von Alfred Delp
• 1907 geboren in Mannheim
• 1926 trat Delp, direkt nach dem Abitur, dem Jesuitenorden bei
• 1937 wurde er zum Priester geweiht
• Ab 1942 arbeitete er im Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke mit. Dadurch und durch die eigene gemischt-konfessionelle Familie war Delp sehr ökumenisch gesinnt. Zitat: „Wenn die Kirchen der Menschheit noch einmal das Bild einer zankenden Christenheit zumuten, sind sie abgeschrieben.“
• Am 28. Juli 1944 wurde Delp verhaftet und nachBerlin gebracht. In einem Schauprozess vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler wurde er wegen Hoch- und Landesverrats zum Tod durch den Strang verurteilt
• Am 8. Dezember 1944 legte er in der HaftanstaltBerlin-Tegel gegenüber seinem Mitbruder Franz von Tattenbach seine Ewigen Gelübde ab.
• Am 2. Februar 1945 wurde Delp hingerichtet. Dem Gefängnisseelsorger soll er noch zugeflüstert haben: „In einer halben Stunde weiß ich mehr als Sie.